Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1918)
- Date
- 1918-05-16
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229359--74006-3286480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-- 233 Herr Heins seine Deduktionen ausgebaüt hat, weih, was er alles an Unwahrheiten zusammengetragen hat, insbesondere, welchen Personell er ohne jede Veranlassung das Judentum untergeschoben hat, die selbst lind deren Vorfahren ihm niemals angehört haben. Ich erinnere arl Morgan, Kerenski und Lenin, von denen er es leichten Herzens behauptet. Ich meine, jeder kann sehr leicht erkennen, was daran ist, und darum brauche ich nicht darauf einzugehen. Im übrigen habe ich noch einen anderen Grund, der mich dessen überhebt: denn nach dem geistigen und intellektuellen Niveau, auf »velchem der Herr Albg. Heins nach den von ihm gemachten Darlegungen steht (Sehr gut! bei der Fortschr. Vp.), haben die preußischen llnd deutschen Juden wirklich gar keine Veranlassung, sich vor Herrn Heins, seinen Anträgen und Ausführungen zu fürchten. (Sehr richtig! bei der Fortschr. Vp.) Es wäre schade, seine Kraft an einen Gegner wie Herrn Heins zu verschwenden; da mutz man sich seine Waffen und sein Pulver denn doch für diejenigen Gelegenheiten Vorbehalten, wo etwas gesagt ist, was nicht ganz haltlos, vage ist, und nur die Bestimmung hat, klingen zu sollen, wie es bei Herrn Heins der Fall gewesen ist. (Sehr richtig! links.) Meine Herren, ich mußte aber diese Tribüne besteigen, weil Herr Heins es sich hat einfallen lassen, eine direkte Frage an mich zu richten. Zunächst hat er ganz ungereimte Behauptungen vorgetragen, als w«m irgendwelche Juden ein Interesse an der von dem Kriegsminister Wild v. Hohenborn veranlaßten konfessionellen Statistik der Heerespflichtigen gehabt hätten. Das ist eine Annahme, die jedes Haltes entbehrt. Die flüchtige Lektüre der Zeitungen schon hätte Herrn Heins davor bewahren müssen, eine solche entstellte Behauptung aufzustellen. Diese Statistik ist in keiner Weise durch Bemühungen der Juden veranlaßt worden, sondern der Kriegsminister Wild v. Hohenborn hat sich veranlaßt gesehen, sie zu erheben. Nun hat Herr Heins gemeint, seitdem wollten die Juden nichts mehr von der Statistik hören, weil sie vielleicht deren Ergebnisse fiirchteten, und hat dann an mich die Frage gerichtet — denken Sie einmal, welche geistreiche Frage, und aus wie wirklich staatsfürsorglichen Gestchtspunkten er sie an mich richtet —, ob ich mir etwa von dem Herrn Kriegsminister habe versprechen lassen, daß er diese Statistik nicht veröffentlichen lassen würde. (Hört, hört! links.) Meine Herren, es ist wirklich für das Niveau, von dem aus Herr- Heins diese Verhältnisse beurteilt, sehr bezeichnend, daß er glaubt, der Kriegsminister würde sich daraus einlassen, mit mir ein Versprechen in dieser Beziehung auszutauschen (Sehr wahr! links.) Natürlich entbehrt diese Behauptung jedes Anhalts. Wenn sie in der Form einer Frage an mich gerichtet ist, so weiß man ja immer, was solche Fragen zu bedeuten haben: diese Fragen sollen gerade die Folge haben, eine solche Behauptung in die Welt zu schleudern. Ich erkläre daher, daß diese Behauptung jeder tatsächlichen Grundlage entbehrt und daß sie nur in der Phantasie des Herrn Heins existieren kann. Meine Herren, das einzige ist richtig, und das hat Herr Heins nicht erwähnt, obwohl es auch in den Zeitungen stand: daß der Kriegsminister v. Stein mir in einem Briefe auf die Beschwerde -darüber, daß man in einer solchen Zeit eine solche konfessionelle. Zählung hat veranstalten zu müssen geglaubt, erwidert hatdaß diese — ich bemerke: nicht von ihm, sondern von seinem Vorgänger angeordnete — Statistik in dem Verhalten. der jüdischen Heerespflichtigen und Bürger im Kriege keinerlei Grundlage gehabt hat (Hört, hört! links), daß dieses Verhalten zu einer solchen Statistik keinen Anlaß gegeben hat. Herr Kollege Rosenow, wir kennen doch, mit welchen Mitteln der Wahrheit gegen uns gearbeitet wird, also können sie sich nicht darüber wundern, daß Herr Heins! das nicht sagt; ich 'finde es von ihm ganz begreiflich, daß er solche Dinge nicht vorbringt. Nun könnte man ja sagen, nach der Art und Weise, wie dieser Vortrag des Herrn Heins hier von allen Seiten ausgenommen ist, daß gegenüber seinen Ausführungen, die ja. auch bei den Betroffenen das Gefühl der Heiterkeit über die geistige Qualität des Gesprochenen nicht ganz zurückdrängen konnten— man könnte sagen, daß es sich nicht der Mühe lohnt, daraus einzugehen. Meine Herren, käme nur die Person des Herrn Heins in Betracht, so wäre, das vollkommen richtig; mit der Person des Herrn Heins und mit irgendwelchen Ausführungen, die er an irgendeiner anderen Stelle macht, mich zu beschäftigen, würde mir kaum beifallen. Es handelt sich aber um die Ausnutzung der Tribüne dieses hohen Hauses. Diejenigen, die im Lande sind, und namentlich meine Glaubensgenossen, wissen, nicht ohne weiteres, welche Aufnahme diese Rede hier gesunden hat und wie seine Ausführungen hier nicht verhetzend, sondern nur erheiternd wirken konnten. (Sehr richtig!) Sie wissen das nicht, sondern sie werden von anderen Empfindungen beseelt, und in diese Empfindungen Sie zu versetzen, bitte ich Sie, mir einen Augenblick zu gestatten, ein paar ernste Worte zu sagen. Als her Krieg ausbrach, ist mit der gesamten deutschen Jugend auch die jüdischen Glaubens mit feurigem Empfinden fürs Vaterland, mit aller geistigen Erhebung und dem Aufschwung, der damals vorhanden war, ins Feld gezogen. Taufende haben ihr Leben dargebracht. Nun bitte ich Sie zu erwägen, welche Empfindungen sich geltend machen müssen, wenn von der Tribüne des Abgeordnetenhauses solche Dinge geschehen, die, wenn nicht dazu bestimmt, jedenfalls aber geeignet sind, das Andenken der vielen Tausende gefallener jüdischer Krieger, deren Gebeine auf allen Schlachtfeldern dieses Krieges bleichen, zu schmähen, herabzusehen und zu schmähen (Sehr gut!), bittere Kränkung -denen zu'bereiten, die siech an Wunden und Krankiherten, verstümmelt und verkrüppelt suchen müssen, weiterzuleben, sich aber ihrer Leiden für das Vaterland stolz bewußt sind; welche Empfindungen müssen sich rege machen, wenn man in solcher Zeit die Gelegenheit benutzt, eine solche Rede zu halten, welche Gefühle müssen fich in allen denen regen, deren Söhne, oft zwei oder drei Söhne, im Kampf gefallen sind, welche Empfindungen müssen sich in allen denen regen, die sich bemüht haben und noch bemühen, im Felde und in der Heimat ihre Kraft einzusetzen für das Heil des Vaterlandes! Ich werde mich durch Herrn Heins nicht verlocken lassen, etwa den Beweis für meine Behauptung hier anzutreten; er ist unnötig, weil alles dies sonnenklar ist. Mein Freund Kanzow hat eine Anzahl von Beispielen hervorgehoben, die noch erweitert werden können; ich werde mich aber nicht heräbwürdigen, diesen Worten des Herrn Heins gegenüber eine Lanze zur Verteidigung für das Judentum und für die Juden einzulegen. Der Allmächtige hat einst gesprochen: Siehe, er schläft und schlummert nicht, der Hüter Israels! Auch vor solchen Leuten wie Herrn Heins und Leuten seinesgleichen werden wir immer gesichert und in Ruhe bleiben können, wenn keine andere Gefahr uns bedroht als solche, die von Herrn Heins herrührt. Aber diese Kränkung soll doch nicht in einer Weife mit Stillschweigen übergangen werden, daß nicht darauf hingewiesen wird, wie das Ausnutzen dieser Tribüne zu solchen Reden verhetzend und erbitternd wirken muß in einem solchen Augenblick, in dem wir uns befinden. Aber, meine Herren, ich bin fest überzeugt, daß meine jüdischen Glaubensgenossen im Felde — es sind Zehntaufende und aberZehntausende — und in der Heimat sich nicht dazu verstehen werden, irgendwie durch solche Schmähungen von ihrer Pflicht abzuweichen. Wir haben im Krieg und Frieden unsere verdammte Schuldigkeit getan und haben sie getan aus Liebe zu unserem Vaterlande, und auch solche Schmähungen werden nicht imstande sein, die einmütige Entschlossenheit der deutschen und preußischen Juden zu erschüttern, zu verharren in der Abwehr gegen den ruchlosen Angriff unserer Feinde, und werden nicht imstande sein, die Liebe zu unserem preußischen und deutschen Vaterlande aus unseren Herzen zu reißen. (Lebhafter Beifall auf allen Seiten des Hauses.) * Wir werden um Aufnahme folgenden Aufrufs ersucht umb entsprechen gern dem Verlangen, ihn in unseren Spalteil abzrkdrncken. Groß--Berliner Windelwoche. Große Frauenorganisationen, Zentralkomitee vom Roten 'Kreuz, Vaterländischer Frauen-Verein, Evangelische Frauenhilse, Katholischer Frauenbund, Nationaler Frauendienst und I ü d i s ch e r F r a u e n b u n d, haben sich zu folgenidem Aufruf und zu folgender schöner Tat vereinigt: Hausfrauen mfo Mütter in Groß-Berlin! Der Nachwuchs ist in Gefahr! In vielen hundert Familien fehlt die notwendigste Wäsche, um die Säuglinge zu kleiden und zu betten. Es gilt daher, .den 'deutschen Nachwuchs, Deutschlands Zukunft, zu retten. Auch die kleinste Gabe ist willkommen. Alles wird gebraucht, was zur Bekleidung von Säuglingen geeignet ist oder hergerichtet werden kann. Die gespendeten Sachen werden von geübter Frauen- Hand verarbeitet. Für eine gerechte Verteilung ist Sorge getragen. Mit gestempeltem Ausweis versehene Damen werden irr der Zeit vom 9. bis 16. Mai d. I. in den Haushaltungen um Wäschespenden