Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1918)
- Date
- 1918-05-16
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
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285 Ungeachtet dieses Entgegenkommens muß das Verhalten der ukrainischen Regierung zu den Juden seit den letzten Monaten als ein ganz schwankendes und verdächtiges bezeichnet werden. In der Rada herrscht zuverlässigen Informationen zufolge gegenwärtig ein Geist, der für die Juden sehr besorgniserregend ist. Die jüdische Vertretung im Polnischen Staats rat. Unter den ernannten Mitgliedern des Polnischen Staatsrates befinden 'sich vier Juden: Joseph Nütanfon, Elger (Assimilanten), Pfeffer (Parteizugchörigkeit unbekannt) und Wegmeister (Orthodoxer); unter den gewählten Mitgliedern sind, wie gemeldet, drei Juden: der Führer der jüdischen Volkspartei, Prilutzky, der Asfimilant Weißblatt und der Zionist Dr. Rosenblatt. Im ganzen sind also die Juden, die 15 Prozent der Bevölkerung Polens ausmachen, durch sieben Mitglieder im Staatsrat vertreten. Sie haben also nicht einmal die Hälfte der ihnen zukommenden Vertreter; der Zusammensetzung nach überwiegt in der jüdischen Vertretung das assimilatorische Element. Daß dies in keiner Weise den Kräfteverhältnissen der jüdischen Parteien entspricht, weiß jedermann, da die Assimilanten eine ganz schmale Oberschicht der Juden Polens" bilden. * Unterdessen scheint nun ernstlich der Frühlung eingetreten zu sein. Zwar ist es morgens und nachts noch immer recht kühl, aber die Tage sind im ganzen sonnig und warm und mit der Sonne zieht neue Hoffnung in unser Herz. Die wirkliche Beendigung aller kriegerischen Unternehmungen im Osten — denn es scheint nun doch, daß der Widerstand aller feindlichen Banden in Finnland und in der Ukraine gebrochen ist — läßt die Erwartung zu, daß dort für eine Weile Ruhe herrschen wird. Freilich ist erst kürzlich von einem der leitenden deutschen Staatsmänner die Möglichkeit des Wiederausflackerns feindlicher russischer Bemühungen hervorgehoben worden und unsere westlichen Feinde hören nicht auf, ihre Hoffnungen auf Rußland zu setzen. Von den Kriegsschauplätzen im Westen und Süden ist nicht viel Neues zu berichten. Die Offensive gegen Italien seitens der Oesterreicher hat noch nicht begonnen. Im Westen finden täglich heftige Kämpfe statt: es sind meist vergebliche, blutig abgewiesene Anstrengungen der Feinde, uns unsere Stellungen, zu entreißen und ihr ohnmächtiger Versuch, uns zu einem Rückzuge zu zwingen. Sie find bisher völlig fruchtlos gewesen und werden, wie wir zuversichtlich hoffen, fruchtlos bleiben. Wenn auch der entscheidende Schlag, den wir schon seit Wochen erwarten, länger ausbleibt, als wir in unseren hochgespannten Erwartungen wünschen, so »vollen wir nicht ermüden im Vertrauen auf unsere glorreiche Heldenschar und die oft bewährte, niemals getäuschte Genialität unserer Führer. Auch das Gerede unserer Gegner, daß bei ihnen alles gut stehe, daß große Massen — sie sprechen von 45 Divisionen — unberührte Truppen bereit stehen, um zu einem gewaltigen Schlage auszuholen, auch ihre stets wiederholte Zuversicht, daß sie imstande seien, eine Ueberwindung Deutschlands durchzuführen, soll uns in unserem festen Glauben an unseren endlichen Sieg nicht erschüttern. So gehen wir froh und, soweit dies die ernste und trübe Zeit zuläßt, heiter dem Wochenseste entgegen. Vor sieben Wochen, als wir das erste der Jahresseste begingen, glaubte gar mancher während jenes Festes der. Befreiung, daß wir das zweite Fest in Ruhe und Frieden feiern können. Dieser Glaube hat sich nicht verwirklicht. Noch immer tobt der Kampf und wir müssen voraussehen, daß die nächsten Wochen ganz gewaltige Anstrengungen bringen werden; mögen sie nicht nutzlos sein und möge aus der blutigen Saat eine herrliche Ernte hervorgehen, deren Früchte, wenn auch nicht uns, so doch unseren Kindern und Kindeskindern zugute kommen mögen! Sie Aron-tzirsch-Stiktung sm Werbellinsee. er Seniorchef der Firma Aron Hirsch ü. Sohn sowie der bekannten „Hirsch, Kupfer- und Messingwerke A.-G.", Herr Aron Hirsch, hat in Altenhof am Werbellinsee für die Angestellten und Arbeiter der genannten Werks- und Handelsbetriebe ein Erholungsheim geschaffen, das am 5. d. M. durch einen, den heutigen Zeitverhältnissen entsprechenden Alt seiner Bestimmung übergeben wurde. Dieses Werk der Nächstenliebe, das der frühere zweite Vorsitzende der Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde, getreu den Traditionen seines Stammes: in werktätigem Mühen und Schaffen das Gebot der Humanität zu wahren, aus Anlaß seines 60. Geburtstages für seine Werke und Handelsbetriebe gestiftet hat, ist etwas Vorbildliches auf dem Gebiete der Kriegs- und sozialen Fürsorge, das dem warmherzigen Stifter zum Ruhme und dem jüdischen Namen zur Ehre gereicht. lieber die Eröffnungsfeier und deren glänzenden Verlauf erhalten wir von einem der Festteilnehmer folgenden Bericht: Am Sonntag, den 5. Mai, morgens 8 Uhr, begaben sich vom Stettiner Bahnhof in Berlin auserwählte Ehrengäste in einem von der Eisenbahndirektion Berlin an den Personenzug angehängten Il-Zugwagen nach Eberswalde, wo genügend Fuhrwerke zur Verfügung standen, um in etwas mehr als in einer Stunde die Ehrengäste nach Alten,Hof zu führen. Unter den Eingeladenen wurden besonders bemerkt der Generaloberst v. Kessel, Generaladjutant Seiner Majestät des Kaisers, Oberstkommandierender in ^den Marken, der Kultusminister Dr. Schmidt mit dem Geheimen Negierungsrat Professor K r ü ß aus dem Kultusministerium, zahlreiche Offiziere, der bekannte Professor Kübler aus dem Kriegsamt, der Landrat des Kreises Angermünde, Freiherr v. E r f f a, der Geheime Kommerzienrat Steinthal, stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Bank, und viele im öffentlichen Leben stehende angesehene Herren. Nach Ankunft der Ehrengäste in Altenhvf übergab der bauausführende Architekt, Herr Königl. Regierungsbaumeister M e b e s, mit einer herzlichen Ansprache Herrn A r o n> H i r s eh die nach ihm benannte Stiftung, die dieser mit Dankesworten für die Bauleitung und alle beim Bau beteiligten Bauhandwerker übernahm. Die Stiftung ist nach menschlichen Begriffen für alle Zeiten sichergestellt, da Grundstück, Gebäude und Inneneinrichtung schuldenfrei dastehen und ein reichlicher Fonds zur dauernden Anlage gestiftet wurde; mit dessen Erträgnissen und denen der verschiedensten Fürsorgekassen des Hirschschen Konzerns können in normalen Zeiten die Regieunkosten der Stiftung bestritten werden. Das Anwesen ist herblich gelegen, hart am Ufer des Sees, gegenüber dem Jagdschloß Hubertusstock S. M. des Kaisers, umgeben von großen Gartenanlagen, aus welchen man auf zahlreichen Spazierwegen in die nähere und weitere Umgebung des Werbellinsees mit Leichtigkeit gelangen kann. Die Insassen haben Gelegenheit, zur Verfügung stehende Kähne zu Fahrten aus dem See zu benutzen, und Vorkehrungen sind getroffen, daß diejenigen Gäste, welche am Angelsport Interesse haben, auch diesen zu ihrer Erholung treiben können. In seiner Begrüßungsrede führte Herr Hirsch die Oberin MavgareteSteinhausen in ihr Amt ein und erzählte die Geschichte des Erholungsheims, das in der bald 114jährigen Geschichte des Hauses Hirsch etwas Neues sei und gewissermaßen den ersten Baustein der Uebergangswirtschaft der großen Werke des Hirschkonzerns darstelle. Die neu angebrochene Zeit bringe neue Aufgaben, und sich ihnen in reiner, selbstloser sozialer Fürsorge zu widmen, werde auch zukünftig