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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-16 · Heft 20 (16.5.1918) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 20 (16.5.1918)
Date
1918-05-16
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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230 (Sefdjenfe, fahren sie fort, hat Israel von seinem Gott erhalten: das Land der Väter, den Tempel und die Davidische Herrschaft. Doch sie waren an gewisse Bedingungen geknüpft, deren Nichterfüllung den Verlust dieser Gaben, nach sich zog. Beding u ngslos ist Israel einzig und allein die Thora gegeben, als ewiges Erbe, das die Seele seines Daseins bildet und das niemand chm nehmen oder streitig machen kann"). Nur muß Israel, wie das bekannte Wort lautet, dieses Erbe immer von neuem erwerben, um es zu besitzen und weitervererben zu können, und dies kann es nur, wenn es des Vorganges am Sinai öfters gedenkt, nach dem Worte seiner alten Lehrer: An jedem Tage soll dir die Thora so neu erscheinen wie an dem Tage, als du sie am Sinai erhieltest. Diese Forderung zu erfüllen, ist nicht leicht, aber auch nicht so schwer, wie so mancher glauben mag. Die Thora ist nun einmal den nach Erkenntnis strebenden Menschen gegeben"), und wer in dieser sortschreitet, sich in seinem Tun und Lassen, in seinein Forschen über die ihm, dem Menschen wie dem Juden, gestellten Aufgaben von ihr leiten läßt, der landet immer von neuem am Sinai und vernimmt jene i?'HJ blp ffD1 weitschallende, ununterbrochen ertönende Stimme"), die, wie alt sie auch ist, noch immer den Reiz der Neuheit und Anziehungskraft genug besitzt, um den Menschen zu feinem: Heile in ihrem Banne scstznhalten. Diese Stimme, die zuckende Feuerflamineu wirft, über den Wassern erschallt und die Wüste erzittern macht"), spricht mt§ Israels Thora, die, wie Feuer, Wasser und die Wüste, allen, die nach ihr Verlangen tragen, zur freien Verfügung steht"). Es ist die alte Gottesstimme, die am Sinai erscholl, in den Herzen der Aeltesten und Propheten Israels ein Echo fand und, von den Gcsetzeslehreru in Palästina und Babylon vernommen und weilergetragen, zu allen Zeiten und in allen Ländern, in denen das jüdische Volk eine Aufenthaltsstätte gefunden, in seinen Gotteshäusern und Lehranstalten widerhallte. Israel hat oft gefehlt, oft das am Sinai eingcgangene Bündnis gelockert, hat es aber in seiner Gesamtheit niemals gänzlich gelöst, hat auch nie allzulange sein Herz den Mahnungen der Väterlehre verschlossen, die allein es ist diese Ueberzeuguug hat Israel mit dem Blute der besten seiner Söhne erkauft —, die ihm Lebensdauer gibt, Freiheit geN'ährt und Wahrheit verkündet. An dieser Thora halten wir fest und lassen lins ihren kostbaren Besitz nicht verleiden, lveder durch die Schmähungen unserer Feinde noch durch die Lockungen vermeintlicher Freunde. Wir denken heute besonders au das Wort, das wir alljährlich kurz vor dem Wochenfeste in den „Sprüchen der Väter" lesen: Wende die Thora Hill und her, nach allen Seiten hin, dann findest du alles in ihr"). Ob toir sic'buchstäblich nehmen, im Geiste ilnserer Gesetzeslehrer erforschen, philosophisch erklären oder allegorisch deuten: der Weg, den wir Erkenntnis suchend gehen, um die Vorschriften der Thora zu erfassen NVQ'? ’j'D öläuft von dem von Moses bestiegenen Sinai aus, der Israel auch gegenwärtig zur Quelle des Lebens, zu Gott, führt. Mit einem Worte: Wer lmermüdlich dem Sinai entgegenstrebt, der erklimmt, alle ihn verhüllenden dichten Wolken durchdringend, seine Höhe, erlauscht und begreift das ewig wahre Wort: Moses stieg ans zu Gott, lind der Ewige rief _1#) jOMjtfttt. u)n“nn n i'x nm 12 rw 'vi nin mr) rrrrn Abraham ibn Esra, Exodus 20, 1. ") Deut. 5,19. 1S) Psalm 29. u) Numeri rabba, K. 81. 15) Abot 5, 22.. ihm zu"). Das suchen unsere Kabbalisten durch sorgendes Gleichnis zu veranschaulichen: Eine mit allen Vorzügen des Körpers und .des Geistes begnadete Schöne, die stets verborgen und zurückgezogen in ihrem Schlosse lebte, besaß einen Freund, den sie innig liebte, wovon aber die Menschen nichts ahnten, da auch er das süße Geheimnis der Liebe wahrte. Von heißer Sehnsucht getrieben, ging er täglich an ihrem Schlosse vorüber und hielt seinen begehrenden Blick auf dessen Fenster gerichtet. Da sie das fühlte, öffnete sie nicht selten ein heimliches Fenster, zeigte ihm ihr liebliches Gesicht, winkte ihm verheißungsvoll zu und zog sich dann wieder zurück. Niemand sah und merkte etwas davon; er aber fing freudig ihre liebespendenden Blicke auf, weihte ihr Herz und Seele und gelobte ihr ewige Treue. Ebenso verhält es sich mit der Thora. Sie blüht im..Verborgenen und zeigt ihr liebliches Angesicht nur dem, der sich nach ihr sehnt, dessen Herz in heiliger Liebe zu ihr entbrannt ist. Zuerst winkt sie ihm liebevoll zu (lül) , dann macht sie ihn vertraut mit der Deutung ihrer Zeichensprache . nachher verkündet sie ihm die Lösung ihrer Rätsel (rnjfl) und zuletzt enthüllt sie ihm ihre Geheimnisse lNDl Der so Eingeweihte erkennt bald, daß ein einheitlicher, heiliger Geist die ganze Thora beseelend durchzieht, deren Vorschriften heilig und deren Worte wie die Welt von ewiger Dauer sind"). Lum Mochenfelt! Bon Willy E o h » , z. Z. im Felde. iebenmal sieben Tage sind es vom Passahfest bis zum Wochenfest. Ein Zeitraum, in dem wie in kaum einen: anderen des Jahres die Natur ungeahnte Fortschritte macht und sich vorbereitet zum herrlichsten und schönsten Blühen. Als das Passahfest ins Lanid zog, da standen wir hier draußen mitten in der Offensive, und in der entbrannten gewaltige» Schlacht, in der gar viele ihr junges Leben lassen mußten, konnten wir nur im stillen an das Passahfest denken, und im Lärm des Krieges tauchte vor unserem geistigen Auge das stille friedliche Bild des Sederabends aus wie eine Vision ans einer anderen Welt. Aber dann umgab uns wieder die mehr als rauhe Gegenwart und beanspruchte uns . ganz. Und nun naht das Wochenfest! — Viele von denen, die noch am Passahfest blühende, frische Soldaten waren, durften das Wochensest nicht mehr erleben, und ungewiß liegt die Zukunft vor uns allen. Wer wagt es noch, an Frieden zu denken! Und aus dieser Gegenwart flüchten wir uns zurück in die Vergangenheit. AuS der kleinen Feldbibel steigen jene niwergeßlichen Gestalten, und wir sehen jenen Augenblick am Berge Sinai, als Moses mit den Gesetzestafeln Herabstieg. Es war einer jener Momente der Weltgeschichte, in denen unendliches Geschehen sich in kurzer Zeitspanne zusammendrängte. Wir wollen an dieser Stelle keine Untersuchung darüber anstellen, ob der Vorgang sich wirklich so abgespielt haben kann, wie uns berichtet wurde. Es scheint uns auch gar nicht darauf onzukommen. Ehern wie damals steht noch heute das am Berge Sinai verkündete Sittengesetz. Viele Gesetzbücher sind im Laufe der Jahrtausende geschaffen und wieder außer Kraft gesetzt worden; wie ein Fels im Meer steht das Gesetz, das Moses verbündet hat. Und Israel erhielt die einzigartige Mission, das Gesetz der Welt zu verkünden und es selbst für alle Zeiten zu halten und zu bewahren! Das ruft uns das Wochenfest in Erinnerung. Und wenn wir die zehn Worte in der Stille uns wiederholen, dann fallen sie wie Donnerschlüge in unsere Seele. Der Ewige selbst spricht in ihnen zu uns und verkündet uns die Gesetze sittlichen Sollens. So erhielt das ,fl) Exodus 19, 3; siehe auch Sohar, Jitro. ") Sohar, Mischpatim; vergleiche A. Katz, „Der Chassidismus".

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