Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1918)
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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jüdische Lehrerschaft ihre Forderungen angemeldet. Me Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen, die als' Vertretung der jüdischen Lehrer Groß- Berlins anzusprechen ist, hat an die Gemeindebehörden eine Eingabe gerichtet, in der für das Lehrpersonal der Unterrichtsanstalten das passive Wahlrecht und starke Heranziehung der Lehrerschaft zu den Verwalt,ungskommisstonen verlangt wird. Insbesondere wird eine angemessene Vertretung der Lehrerschaft in der Schulkommission gefordert, der mindestens drei im Gememdedienst stehende Lehrer, und zwar einer -der Rektoren der Gemeindeschulen, ein Religionsschuldirigent und ein Lehrer, angehören sollen. Die Forderung des passiven Wahlrechts wird mit dem Hinweis' aus Süddeutschland begründet, wo die Lehrer in B a de n das Passive Wahlrecht besitzen. In W ü r tt e m b e r g ist der Lehrer und Vorsänger nicht nur Mitglied, sondern in den Orten, in denen sich kein Rabbiner befindet, sogar Vorsitzender des Kirchenvorsteheramtes. Auch in einzelnen preußischen Städten sind die jüdischen Lehrer bereits im Besitze des passiven. Wahlrechts, so in F r a n k f u 11 a. M., in R Heine i. Wl und in Neuwied. Durch eine Regierungsentscheidung iw Jahre 1915 ist in einer rheinischen Gemeinde dem Lehrer und Kantor aus eine Beschwerde über einen entgegengesetzten Gemeindebeschluß unter ausdrücklicher Berufung auf das Gesetz von 3847 das passive Wahlrecht zur Reprätzntnntenversammlung zuerkannt worden. Die Forderung, nach einer Vertretung im Schulvorstand wird mit einem Hinweis auf die durch das Schulunterhaltungsgesetz vom 28. Juli 1 9 0 6 angeordnete Zusammensetzung der Schuldeputationen begründet, welche den Lehrern auch der kleinsten Dorfgemeinde einen Platz im Ortsschulvorstand zuerkennt. Von -der Mitarbeit der Lehrpersonen bei den Beratungen der Gemeindebehörden erwartet die Lehrerschaft eine Förderung der Beratungen besonders in den Fragen des Kultus, des Religionsunterrichts und der Erziehung. Tie Eingabe liegt gegenwärtig den Berliner Gemeindebehörden zur Entscheidung vor. E. M. Berlin, 7. Mai. Zwischen dem Vorstände des Jüdischen Frauenbundes und dem Hauptvorstande des Vaterländischen Frauenvereins haben, wie bereits mitgeteilt, Besprechungen stattgesunden, in welchen der Wunsch ausgesprochen wurde, zwischen den beiden Zentralstellen ein auf gegenseitiger rückhaltloser Anerkennung herrschendes, sreundnachbarliches Verhältnis herzu stellen. Als' Ergebnis dieser Besprechungen, die von der Leitung des Jüdischen Frauenbundes angeregt waren, hat der Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins an seine Zweigverbände und Vereine ein Rundschreiben gerichtet, das diesen Stellen nahelegt, ein sreundnachbarliches Verhältnis zu den Ortsgruppen des Jüdischen Frauenbundes i\Yib den diesem an geschlossenen Vereinen zu unterhalten. In allen wichtigen Fragen soll zwischen den Organisationen durch persönliche Anssprache Fühlung genommen werden, um aus diese Weise allen Schwierigkeiten und Differenzen vorzubeugen. Etwaige Streitfragen, die von den lokalen Vertretungen nicht geregelt werden können, bleiben der Kompetenz der Bundesvorstände Vorbehalten. Das Abkommen ist der beste Beweis dafür, daß sich die zielbewutzte XHrbeit* des Jüdischen Frauenbundes auch in der nichtjüdischen Frauenbewegung Achtling und Anerkennung verschafft hat. er. Königsberg, 3. Mai. Der I ü d i s che I u g e n d v e r e i n hat sich im Hause Steindamm 11 ein schönes Heim eingerichtet, dessen. Einweihung >\mt einem, schlichten Festakt jüngst erfolgte. Gesang des Oberkantors B i r n b et u m beitete die, Feier ein. In seiner Begrüßungsansprache wies Herr Leßheim namens des vorbereitenden Ausschusses auf die Vorgeschichte der Gründung hin. In den letzten Jahren vor dem Kriege war ein Fonds gesammelt worden, der als Grundstock für die Errichtung eines Jugendheimes dienen sollte, aber bei Kriegsausbruch dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt wurde. Während des Krieges hat der Jugendverein ständig an Interesse gewonnen, so daß mit Eifer an die Gründung des Heims herangegangen wurde. In vier Monaten wurden die erforderlichen Mittel ausgebracht. Nachdem der Redner allen Spendern gedankt hatte, übergab er das Heim dem Leiter des Ingendvereins, Rechtsanwalt Dr. Holz, mit dem Wunsche, daß es einer gesegneten Entwicklung entgegengehen und stets ein Stätte der Pflege hoher Ideale, treuer Glaubensgemeinschaft und der Liebe zum Vater lande sein möge. Rechtsanwalt Tr. Holz übernahm das Heim in die Obhut des Vereins 2 --^ mit Worten des Dankes an die Spender und dem Gelöbnis, die Mitglieder der Jugendgruppe in ihm ohne Unterschied der religiösen Richtung zu guten Juden und aufrechten deutschen Staatsbürgern erziehen zu wollen. Zum Schlüsse seiner Ansprache teilte der Redner mit, daß der Vorstand des Jugendvereins beschlossen habe, dem um ihn hochverdienten Rabbiner Dr. Vogel stein'zu seinem ersten und einzigen Ehrenmitglied zu ernennen. — Dr. Vogelstein dankte in längerer Ansprache für die ihm gewordene Auszeichnung, gab einen Rückblick über die Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung und zeichnete die Aufgaben des Jugendvereins, die in erster Linie in der Förderung des Judentums durch Verbveiitung der Kenntnisse über seine Vergangenheit, durch Zusammenschluß aller Kräfte und Verfolgung der großen Fragen der Gegenwart neben der Pflege körperlicher Ertüchtigung zu suchen seien. Ihre Glückwünsche für das neue Jugendheim brachten dann dar: Geheimrat Pros. Dr. Falken heim im Namen 'des Zentralverei ns denk scher StaaksliÄrge r .jüdischen Glaub e n s, JuMzrat Holz im Namen des Vorstand ef der Königsberger Synagogengemiei nde, Herr A. Wohlg e m u t h namens der R e p r ä s e n ta n t e n der Shnagogengemeinde, Dr. Hi ll er für die Kant-Loge als deren derzeitiger -Präsident, F r a u D r. Voge l st ein für die Ortsgruppe des jüdischen Frauenbundes, Referendar Wechselnd a n rt im Namen der aÜad e mi schen Ver e i n i g u n g „V i b u r g i a" und Fräulein Ladendors f (Allenstein) im Namen des A l len ste ine r j üdischon Jugendv ereins. In seinem Schlußwort dankte Dr. Holz dem Vorsitzenden des vorbereitenden Ausschusses, Dr. Fritz Laser, für seine Mühewaltungen für das Zustandekommen des Jugendheims und verlas im Anschluß daran die eingelaufenen telegraphischen und schriftlichen Glückwünsche, unter denen sich auch ein Schreiben des Vorsitzenden des hiesigen Kreisvorstandes für Jugendfürsorge, Stadtschuldrat Pros. Dr. S-te>ttiner, befand, der als Schmuck für das neue Heim ein Defregger-Bild überreichen ließ. Dev Dortrag des „Hallelujah" von Hummel beschloß die stimmungsvolle Feier. C. Königsberg i. Pr., 3. Mai. Ter Vorwurf der Drückebergerei wurde in einem anonymen Schreiben an das Stellvertretende Generalkommando in Königsberg i. Pr. dem in einem kleinen Ori Ostpreußens wohnhaften jüdischen Viehhändler S. gemacht. In dem anonymen Schreiben hieß es, daß S. „noch immer sich um den Heeresdienst herumdrücke wie viele andere Juden, Abhilfe wäre dringend erforderlich." Herrn S. gelang es, den Absender des Schreibens in der Person des früheren Rittergutsbesitzers H. zu ermitteln. Er strengte gegen ihn Privatklage wegen Beleidigung an. Das Schössengericht sprach den Angeklagten frei, weil jene anonyme Eingabe nicht gemacht worden sei, um den Privat kläger zu beleidigen, sondern zu dem Zweck, daß die zuständige Stelle, das Generälkommando, die Angelegenheit prüfe. Auch in dem Ausdruck „wie viele andere Juden" hatte das Schöffengericht eine Beleidigung nicht finden können. Herr S. legte gegen dieses frei sprechen de Urteil Berufung ein. Ter Beklagte zog es vor, sich in zweiter Instanz zu vergleichen; er nahm die Beleidigung zurück, übernahm sämtliche Kosten und zahlte eine Sühnesumme an das Rote Kreuz. Wie wir noch hinzufügen möchten, war die tapfere Anzeige des antisemitischen früheren Rittergutsbesitzers völlig unberechtigt. W. Posen, 3. Mai. Nach kurzem, schwerem Leiden starb hier der Königliche Kommerzienrat Hermann Roth holz im Alter von 67 Jahren. Der Entschlafene gründete bereits im Jahre 1872 sein erstes Mühlenunternehmen und baute es durch rastlosen Fleiß und geschäftliche Tüchtigkeit immer weiter aus, so daß er im. Jahre 1898 die Hermannmühle bei Posen und« die Zieliniecmühle bei Schwersenz in eine Aktiengesellschaft umwandeln konnte. Diesen Unternehmungen stand er weiter als Vorstand vor, bis er sich im Jahre 1915 aus Gesundheitsrücksichten vom Geschäft zurückzog. Seit dieser Zeit war er stellvertretender Vorsitzender des Aussichtsrats und hat auch weiter mit Rat und Tat den Unternehmungen zur Seite gestanden. Wenn heute die Hermannmühle-Aktiengesellschaft zu den führenden des Ostens gehört, so ist es nicht zum wenigsten das Verdienst des Verstorbenen, der mit weitschauendem Blick seine Unternehmungen aus kleinen Anfängen zu diesem Großbetrieb entwickelte. — Die Beisetzung erfolgte von der Leichenhalle deS jüdischen Friedhofs aus unter zahlreicher