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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-10 · Heft 19 (10.5.1918) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 19 (10.5.1918)
Date
1918-05-10
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
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-228 Amram verfolgte sie nicht. Er faß auf einem Steine, die Arme gekreuzt, das Antlitz finster und undurchdringlich. Das Feuer hatte den Hain ergriffen, und die Nacht war taghell: Es krachte und prasselte in den Aesten, und das Feuer warf brennende Garbendündel gegen den Himmel. Die Flamme fraß gierig und beschien die unheimliche Stätte des Todes, wo Abilkajin lag und viele seiner Knechte ... * Als der Tag graute, erhob sich Amram und übersah das Lager. Die Knechte hatten die Toten in einer Reihe nebeneinandergelegt und mit Zweigen bedeckt; die gefallenen Räuber lagen abgesondert, zu einem Hausen geschichtet, über sie war ein Holzstoß gelegt. Der Hausverwalter trat aus Mirjams Zelt und erblickte Amram, der verstört auf die blutige Erde sah. Er kam zu ihm und hob anklagend die Hände zur ausgehenden Sonne. Seine Stimme zitterte, indem er sagte: „O Herr, wie elend find die Lebenden!" Und neigte sein Haupt. Sein Bart war gebleicht durch die Greuel der einen Nacht und über den Verlust des Herrn. Amram sprach aus hohler Brust, er fragte: „Wie viele sind gefallen —?" „Zwölf der Knechte und drei Maultiertreiber; wir werden sie noch heute begraben, wenn du so willst, Herr. Am Vermögen fehlt nichts Bedeutendes und von den Tieren sind nur zwei erlegen. Die Mörder sollen verbrannt werden, sie sind der heiligen Erde nicht wert." Amram winkte nur beistimmend und ging in Abilkajins Zelt. Der Tote lag gewaschen und gereinigt auf einem Lager; er war in einfaches, schneeweißes Linnen gehüllt und über das entstellte Gesicht war ein Schleier geworfen. Zu Füßen der Leiche stand ein Knecht in voller Rüstung, das entblößte Schwert in der Hand, den bösen Geistern äbzuwehren. Einer der Maultiertreiber, der Sohn eines Priesters, murmelte Gebete; bald klang seine Stinrme laut und drohend, bald sank sie zu einem unverständlichen Flüstern herab. Amram trat an die Leiche heran und nahm den Schleier von dem Antlitz. Er blickte lange in die gebrochenen Augen und aus die klaffende Wunde und betete, ohne die Lippen zu bewegen. Er war ein Kriegsmann und hatte schon lange nicht gebetet; ungefügig waren die Worte, die in ihm auslebten, aber tief gefühlt und inbrünstig... Die Knechte hatten die Spuren des Kampfes verwischt und zwischen den Zelten Halme und Blätter ausgestreut. Etwas abseits waren Feldsteine ausgeschichtet und auf offenem Feuer schmorten in kupfernen Pfannen mächtige Fleischstücke. Der Koch hantierte schwitzend und wurde von zwei Knechten in den gröberen Arbeiten, wie Wassertragen, Holzsammeln und Gefäßereinigen, unterstützt. Sie bereiteten den üblichen Leichenschmaus. Auf einem Baumstumpf blickte der Posten scharf ins Land, um einen neuen Ueberfall zu verhüten, denn es war nicht unmöglich, -daß die zurückgeschlagenen Räuber, durch anderes Raubgesindel verstärkt, zurückkehrten. In Ledersäcken wurde vom nahen Bache Wasser geholt und die Ballen mit dm Nahrungsmitteln ausgeschnürt. Amram sah nach den Verwundeten. Es waren ihrer drei: Kephter. der Torhüter, Gader, ein Hausdiener, und Schir, der Waffenmeister. Der letztere war nur leicht am Oberschenkel verwundet und versprach, am anderen Tage wieder reisebeveit zu sein. Kephter hatte ein Auge verloren, auch klagte er über Schmerzen in der Brust, während Gader in einem tiefen Schlummer lag, eine Folge der Erschöpfung und des verlorenen Mutes. Amram hoffte am nächsten Morgen weiterziehen zu können, da es ihm unrätlich schien, am selben Orte mehrere Tage zu lagern, und er wünschte den Männern baldige Gesundung. Spät des Tages befahl Amram eine Grube zu graben. Er hatte eine Stelle ausfindig gemacht, die ihm besonders geeignet schien, wegen ihrer Einsamkeit und ihres Reichtums an Gestein. Man verfertigte eilends mehrere Tragbahren und trug die Leichen dahin. Fortsetzung folgt. Mitzelle. Mendelssohn-Bildnis. (Hierzu die nebenstehende Miszelle.) In meiner letzten Miszelle sprach ich von Mendelssohn-Bildnissen. Inzwischen ist mir bei Durchsicht von Johann Caspar Lavaters „Phhstognomischen Fragmenten" (Leipzig und Winterthur 1775) ein weiteres aufgestoßen, in jenem interessanten, sür Biographie und Kunstbetrachtung so anregenden Werke des liebenswürdigen Schwärmers, wofür, wie - man weiß, auch der junge Goethe begeistert mitgearbeitet hat. Die Mendelssohn-Silhouette befindet sich auf S. 241 Nr. 4 «des prächtig ausgestatteten und gedruckten Foliobandes. Charakteristisch sind Lavaters Anmerkungen dazu aus S. 243/44. „Vermutlich kennst du diese Silhouette? Ich kann.dir's kaum verhehlen! Sie ist mir gar zu lieb! gar zu sprechend! . . . Kannst du sagen, kannst du einen Augenblick anstehen, ob du sagen wolltest: „-Vielleicht ein Dummkopif! Eine rohe geschmacklose Seele!" Der so was sagen könnte, ertragen könnte, daß ein anderer es sagte, der schließe mein Buch zu, Werst es von sich — und erlaube mir, meinen Gedanken zu verwehren, daß ich nicht über ihn urtheile! Ich weide mich an diesem Umrisse! Mein Blick wälzt sich von diesem herrlichen Bogen der Stirne auf den scharfen Knochen des Auges herab... In dieser Tiefe des Auges sitzt eine Sokratische Seele! Die Bestimmtheit der Nase; — der herrliche Uebergang von der Nase zur Oberlippe — die Höhe beider Lippen, ohne daß eine über die andre hervorragt, o wie alles dies zusmnmenstirnmt, mir die göttliche Wahrheit der Physiognomie sühNbar und anschaulich zll machen. Ja, ich seh ihn, den Sohn Abrahams, der einst noch mit Plato und Moses — erkennen und anbeten wird, — den gekreuzigten Herrn der Herrlichkeit!" — Die „Sokratische Seele" bezieht sich auf Mendelssohns „Phädon", in dem ja dieser unter der Maske desSokr-ates seinem Zeitalter die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele entwickelt. Die Gegenüberstellung von Sokrates und Mendelssohn bei Lavater kehrt noch oft wieder. Lavater wird auch wohl nicht der erste gewesen sein, der sie, die so nahe lag, versucht hat. Später brachte Lowe, 1819, in Berlin ein Kunstblatt heraus, das die Medaillons beider Denker, die sich an äußerer Häßlichkeit und innerer Schönheit so merkwürdig glichen, en profil einander zu gekehrt, dar stellt (abgebibdet in R. Königs „Deutscher Literaturgeschichte", Leipzig 1879, S. 387). Lavaters Schlußwort zeigt wieder den unbeirrten Zeloten, der bei seinen: törichten Bekehrungsverfuche von Mendelssohn gebührend zurückgew'iesen worden war. Immerhin verraten doch Lavaters Worte die tiefe Achtung, die ihm der jüdische Weise emslößte, nicht nur phhsiognomisch. S. Aschner. Lkrichtigung. Bei einer endgültigen Zusammenstellung der „Woche" ist S. 299, Spalte 1, Zeile 27 von unten ein bedauerliches Versehen geschehen. Nach dem Worte „Mitteilung" sollte der Passus über das Gönnte pro Palästina folgen, der in idem „Gemeindeboten", S. 1, Spalte 2, Zeile 22 von unten bis S. 2, Spalte 1, Zeile 25 von oben herübergenommen worden ist. Die einsichtigen Leser werden diesen Irrtum wohl selbst gemerkt und stillschweigend verbessert haben. Die Redaktion.

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