Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1918)
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 226 eines Völkerschiedsgerichtshofes die Deutschen 'auf, den anderen Völkern nicht mit den Keichen Gefühlen zu begegnen,, die sie gegen uns hegen, sondern mit reinen Herzen ihnen entgegenzutreten und der Religion im eigenen Herzen einen Platz zu gönnen. Salz berget) läßt ein Mahnwort ergehen an die im Felde Stehenden und die zu Haufe Gebliebenen. Seine kurze Ansprache, auf Kosten der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt gedruckt, den jüdischen Soldaten als Gruß der Heimat ins Feld geschickt, will die jetzige Generation innerlich stark machen, in Opfern, im Entbehren, im Durchhalten, im Glauben und im Willen zum Siege. ,Mele sind verzagt und werden kleinmütig, andere bedürfen der Stärkung ihrer Glaubenskräfte; wir alle aber sollen neue Kraft gewinnen in der Erkenntnis, daß jetzt in den Tagen des Leides der Keim gelegt wird' zu großen Taten, die dem deutschen Volke nach diesem Kriege Zugewiesen werden." Golinski5) legt in seiner Neujahrspredigt den Spruch: „Meine Wege überdenke ich" und seiner am Versöhnungstage gehaltenen das Wort: „Ein Jude bin ich", zugrunde. Er definiert als Wesen des Judentums: Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit und er mahnt die Juden, Männer und Frauen, in dieser schweren Zeit die Bekenntnistreue zu bezeugen. Ein mutiger Satz sei aus der Predigt hervorgehoben, der so lautet: „Welch eine traurige Figur macht doch so ein Jude, der sich gar nicht genug ducken und beugen kann, wenn ein Andersgläu^ biger ihn der Gnade würdigt, nrit ihm ein Wort zu sprechen! Das ist die innere Unfreiheit, die deines Wesens Entfaltung hemmt, das ist die innere Knechtschaft, die dein Rückgrat bricht, das ist der Gettojude, der dir noch immer in den Knochen steckt. Jude sein, so las ich jüngst einmal, ist ein Charakterproblem. Ein treffliches Wort! Je mehr du auf deinen Charakter achtest, desto tiefer wächst du hinein in die Erkenntnis der Forderung, ein Jude zu sein; je mehr du als Jude in Übereinstimmung bist mit dir selbst, desto herrlicher entfaltet sich dein Charakter, undein stolzes Glücksgefühl wirst du mit dir durch das Leben tragen, wenn du bekennen darfst: Ein Jude bin ich und den Ewigen, den Gott deS Himmels, fürchte ich-" Keine eigentliche Kriegspredigt, aber doch eine während des Krieges gehaltene ist die von A. Ecksteins zur Feier der goldenen Hochzeit des bayerischen Herrscherpaares. Der Redner möchte dem Jubelpaare drei goldene Kränze widmen: den Kranz des Tisches -als Sinnbild des Familienglückes, den Kranz des Altars als Sinnbildvaterländischer Opserwilligkeit ltnb endlich den der Bundeslade als den glaubensstarker Frömmigkeit. Dieser sinnige Gedanke wird in anmutigen Worten ausgeführt und am Schlüsse der Segen Gottes auf das Jubelpaar und auf das Vaterland erfleht. An diese Uebersicht von Predigten reihe ich auch Betrachtungen eines Feldrabbiners^) an. Den Betrachtungen sind 12 Bilder Leigegeben, die die verschiedenen Vorgänge, heitere und traurige, aus dem Kriege illustrieren. Einzelne dieser Bilder waren in meiner Zeitung gleichfalls veröffentlicht. Hier fei aus Nr. 2 hingewiesen, die wohlgetroffene Porträts der acht, im Westen weilenden Feldrabbiner wiedergibt. Auch von den Betrachtungen, welche weit mehr sind als ein bloßer Kommentar zu. den Bildern, war in meiner Zeitung schon einiges abgedruckt, aber man liest die frischen Skizzen, zum Beispiel die über Wirksamkeit des Rabbiners bei Beerdigungen) in Krankenhäusern, mit Interesse. Die Glaubenstreue der einzelnen Soldaten, ihr kameradschaftliches Verhältnis zueinander, das Zutrauen, das sie den Geistlichen bezeugen, werden hier anmutig hervorgehoben. Auch dieser Schrift ist der gleiche Erfolg der ersten Kriegsschrift des Verfassers zu wünschen. Vielleicht gelingt es später ein- 3) Feldrabbiner Tr. Salzberger: Der göttliche Sonntag. Denn um euch am Leben zu erhalten, hat Gott mich vor euch hergesandt. Im Kriegsjahr 1917 gedruckt bei Eng-ler u. Schlosser in Pforzheim. 4) Kriegspredigten, gehalten am Neujahrstage und Versöhnungstage 1917 von Professor Dr. Ludwig Gvlinski, Rabbiner in Pilsen. Vom Kultusvorstande zugunsten des Israelitischen Freitischvereins in Pilsen veröffentlicht. Pilsen 1918. Verlag der Jsr. Kuktusgemeinde in Pilsen. 5) Festpredigt zur gottesdienstlichen Feier der goldenen Hochzeit des bayerischen Königspaares am 20. Februar 1918 von Rabbiner Dr. A. Eckstein. Ter Ertrag wird dem . Raten Kreuzzugewendet. Tagblatt- Truckerei, Barnberg. o) Jüdische Seelsorge an der Westfront. Von Feldrabbiner Dr. Salomvnski. Verlag von Louis Lamm. Berlin, 1918. mal, das eine oder das andere ^dsr Bilder, das unseren Lesern nicht bekannt ist, ihnen mitzuteilen. Im Anschluß an die -erwähnten, ziemlich kleinen, meist nur wenige Blätter umfassenden Schriften — auch die Arbeit von Salom o nsk i enthält nur 24 Druckseiten — folgen ein paar umfangreichere Arbeiten. Den Reigen eröffnet der Senior der deutschen Rabbinerschast, Herr. Rabbiner Dr. Rosen th al in Breslaus. Ihm ist zu seinem fünfzigjährigem Amtsjubiläum von feinen Kindern ein ziemlich, stattlicher Band überreicht worden, der 30 fei-ner Predigten gescnnimett enthält. Es sind solche zu Neujahr, Versöhnungstag, Hütten-, Wochensiest, Peffach; die Zusammenstellung hat I. Elbogen übernommen. Es sind Reden, die fast die ganze Wirksamkeit des Jubilars zusammenfassen. Neben solchen, die schon Jahrzehnte alt sind, stehen selche aus der jüngsten Zeit. Jeder Rede ist das Jahr der Entstehung bei gefügt. Elbogen hat diese Reden folgendermaßen charakterisiert: „Wir vernehmen die Stimme eines Redners, dem .es in seinem verantwortungsvollen Beruf als Führer und Berater, als Lehrer und- Mahner seiner Gemeinde heiliger Ernst ist. Es ist sein Streben, die Zuhörer reicher von dannen ziehen zu lassen, als sie gekommen sind, reicher an Wissen und reicher an sittlichem Lebensinhalt. Durch die Vielseitigkeit der behandelten Probleme, durch die Tiefe der vorgebrachten Gedanken und die Fülle des dargebotenen Wissens weiß er seine Hörer zu fesseln; sein vornehmstes Ziel aber bleibt es, sie zu belehren und zu veredeln. Das Judentum, seine religiösen Anschauungen und seine praktischen Gebote bilden den Gegenstand seiner Predigt, im Mittelpunkte aber steh-t die Mahnung, daß die Religion in einer frommen Gesinnung., in .einem geheiligten Lebenswandel und im Wirken der Nächstenliebe ihren Ausdruck findet. Und was gerade in unseren schweren Tagen von besonderer Bedeutung erscheint, ist der immer wieder betonte Glaube an die ideale Zeit der Zukunft, der jüdische Messiasgedanke mit der Hoffnung auf eine zur Verwirklichung des Gottesreiches auf Erden vereinte Menschheit." Die Predigten sind ziemlich kurz; die wenigen gedruckten Predigten meines Vaters und einiger seiner Zeitgenossen, waren, unendlich viel umfangreicher, aber es gehört jetzt zum guten Ton, bk Predigten möglichst kurz zu gestalten. Als besonders charakteristisch erscheinen mir die ungemein zahlreichen Anführungen von Bibelstellen, die sich aber nicht ungebührlich häufen, wogegen Mischna und Talmud zwar bisweilen, nicht sehr häufig, zitiert werden; sodann bk edle, aber durchaus einfache Sprache, die jede deklamatorische Zutat vermeidet, daher auch ohne hinreißenden Schwung ist; ferner das Freihalten von Polemik gegen das Christentum; keine Betonung eines bestimmten Parteistandpunktes, so daß einem Leser, der weiß, daß Herr Rosenthal der konservativen Partei angehört, aus den Reden seine Zugehörigkeit zu einer bestinnnten Schule in keiner Weise unangenehm auffällt. . (Höchstens könnte man hier erwähnen die Hervorhebung der Satzungen neben dem Geist, S. 97 ff. und das Auftreten gegen die Einäscherung, S. 135 ff.) Charakteristisch für die Rosenthalschen Reden ist auch das Vermeiden von Bildern und Erzählungen aus Bibel und Hagada. Wendet der Verfasser aber doch einmal derartiges an, wie in dem Lebensbilde der Tochter Aschers, so beweist er, daß er auch dies wohl versteht; auch gelingt es ihm, in anmutiger Weife über allgemeine Themata zu reden, zum Beispiel über Israels Natnrstnn, S. 98 ff.. Endlich wird auf die neuesten Vorgänge der Politik gelegentlich eingegangen, zum Beispiel die Verfolgung in Rußland und Rumänien, S. 107. Das Wichtigste bleibt ihm jedoch die Belehrung, und- Stärkung der Frömmigkeit, die Darlegung des Verhältnisses der Menschen zu Gott, der Hoffnung auf die Zukunft, der Stellung der Menschen Zueinander: Familie, Pflicht gegen die Nebenmenschen. Dieser tiefe, moralische Sinn, der die Predigten durchzieht, die. echte Würde, fern von jeder Pastoralen Ueberhebung, die starke Frömmigkeit machen die Lektüre dieser Predigten zu einer weihevollen. Während in dieser Sammlung verhältnismäßig, selten (im ganzen nur drei) Kriegspredigten gegeben werden, sind zum Schluffe zwei Sammlungen zu erwähnen, von solchen- Reden, die ausschließlich im 7) Festpredigten von Dr, Ferdinand Rosenthal, Rabbiner der Synagogengemeinde Breslau. Breslau 1917. Verlag von M. Poppelauer.