Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1918)
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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223 gebrochen, war, die Sabbatleuchter und andere wertvolle Dinge abholen, damit sie nicht verbrennen sollten. Diese Prinzessinnen bildeten in ihrer Judenfreundlichkeit keine Ausnahme unter den. anhaitischen Fürstengeschlechtern. Im Gegenteil, alle Fürsten standen dort aus gutem Fuße mit ihren Juden, für die sie wie.für die anderen. Untertanen väterlich sorgten. So hat der Herzog Franz, der Schöpfer des weltberühmten Parkes Wörlitz, den man von Coswig aus.in einer knappen Wegstunde erreicht, mitten im Park eine stilvolle Synagoge errichtet, die leider heute unbenutzt dasteht, weil auch die Juden in Wörlitz von der Landflucht gepackt wurden und in die großen Städte verzogen. Diese fürstliche Freundlichkeit den Juden gegenüber war aber eine rein persönliche, keine sozusagen staatsrechtliche. Denn jede anhaltische Regierungder drei Herzogtümer wachte streng darüber, daß ihre „Schutzjuden" nicht über die Grenze schielten. So war z. B. nicht erlaubt, daß ein Jude aus Gröbzig, das zu Anhalt-Cöthen gehörte, sich in Coswig (Anhalt-Bernburg) niederließ. Und als der Fall eintrat, daß ein junger Mann aus Gröbzig sich in die einzige Tochter eines Coswiger Juden verliebte und in dessen Geschäft hineinheiraten wollte, verweigerte die Bernburger Regierung lange die Genehmigung, die schließlich erst vom Herzog erteilt wurde, als der Coswiger Arzt ein Attest ausstellte, daß die verliebte Jungfrau E. H. gemütskrank werden würde, wenn sie den jungen I. St. aus Gröbzig nicht heiraten dürfte. Bon Wörlitz gelangt man in einer zweiten Wegstunde nach Oranienbaum, einem bescheidenen Restd enzstädtchen der Dessauer Fürsten. Hier wurde Hermann Cohens Mutter geboren, hier amtierte sein Vater zehn Jahre als Lehrer, hier wurde das Ehebündnis zwischen beiden geschlossen, welches nach zwölfjährigem Bestehen durch die Geburt des einzig gebliebenen Kindes gesegnet wurde. Der Vater war von Fraustadt nach Anhalt gekommen, hatte eine Jeschiwah besucht und war in profanen Wissenschaften ein Autodidakt. Er hatte diese aber so gründlich betrieben, daß er französischen Unterricht ebensogut erteilte wie hebräischen, und deutschen, daß er 1e guide des egares ebenso flott las wie den More newuchirrü). Cohens Vater war geradezu ein pädagogisches Genie. Seine Schüler und Schülerinnen, welche zwei Generationen umfaßten, liebten ihn und freuten sich von einer Unterrichtsstunde auf die andere. Sie schloß sich im Sommer, wo der Schulunterricht von 7 bis 11 Uhr dauerte, unmittelsbar an diesen in dem Gemeindehause, das auch Cohens Geburtshaus war, an. Die Schüler waren nie zu müde, die Temperatur war nie zu hoch für eine fünfte Stunde. Daß hier alle etwas lernten, kann nicht Erstaunen erregen. Selbst die Unbegabten konnten, wenn sie mit vierzehn Jahren die Schule verließen, die wichtigsten Gebete übersetzen. Die anderen übersetzten den Pentateuch, einige andere biblische Bücher, einige bevorzugte Bibelerklärungen, Schulchan orach usw. und der Schreiber dieser Zeilen durfte als Belohnung für besonderen Fleiß den Robinson Crusoe hebräisch lesen. Die Schülerinnen mußten die Offenbarungsgeschichte aus dem 2. Buch Mose übersetzen lernen. Alle ohne Ausnahme lernten hebräische Grammatik vom Anfang des Unterrichts an, was den Unterricht ganz besonders interessant gestaltete. Man lernte die unregelmäßigen Zeitwörter so selbstverständlich wie die französischen und später die griechischen. Der Lehrer legte das Hauptgewicht darauf, daß der Schüler in jedem Worte die Wurzel erkannte. Gerson Cohen, der Vater des großen Philosophen, lehrte aber nicht' nur fleißig, sondern er „lernte" noch viel mehr. Wenn man ihn nicht in einem großen Folianten vertieft fand, so war er mit einem deutschen Klassiker oder einem naturwissenschaftlichen Buche 'beschäftigt. Er war in politischer Beziehung Demokrat, las die „Berliner Volkszeitung", die „Waage" von Guido Weiß. Er war aber auch Sozialist: Sein Dienstmädchen mußte am 'Familientische die Mahlzeiten mit einnehmen. Endlich war er Patriot. Im Jahre 1870 ging ertrotz seiner großen Frömmigkeit an dem bei Beginn des Krieges abgehaltenen Bettag in die evangelische Kirche, da für die nur noch wenigen jüdischen Familien in der Synagoge kein Gottesdienst äbgehalten werden konnte. Er war in der Stadt hochangesehen, wurde von den christlichen Lehrern und Geistlichen als Kollege angesprochen und war wegen seines tiefen Wissens von ihnen sehr geschätzt. Als er 1876 zum Sohne nach Mrrburg zog, wollten ihn die Stadtverordneten zum Ehrenbürger ernennen; ein einziges Mitglied der Versammlung stimmte dagegen, ein Mann, dessen Sohn beim Studium Schisfbruch gelitten hatte und der es nicht verwinden konnte, daß des anderen Sohn von Stufe zu Stufe stieg. Als Vorbeter wirkte der alte Cohen ergreifend auf die Gemüter seiner Gemeinde, sein Gesang war ohne Schnörkel, seine Aussprache deutlich, er hetzte nicht beim Gottesdienst, jeder konnte folgen, er stand vor Gott wie ein wahrer „Abgesandter der Gemeinde". Der regelmäßige Sabbatgottesdienst in der hübschen, im Jahre 1800 erbauten und 1843 erneuerten Synagoge zu Coswig hörte in der Mitte der sechziger Jahre auf, das Minjen war knapper und knapper geworden, war selbst bei Jahrzeiten nicht mehr zu beschaffen; zu den hohen Feiertagen mußten Minjenleute von auswärts verschrieben werden. Da brachte der Deutsch-Französische Krieg noch einmal Leben in unser altes Gotteshaus. Am Bußsabbat des Jahres 1870 zogen von Wittenberg etwa 700 französische Gefangene in das schon längst nicht mehr bewohnte Schloß zu Coswig, das 1866 als Lazarett benutzt war, ein. Unter ihnen war eine ganze Anzahl Glaubensgenossen. Diesen wurde schon am bald folgenden Versöhnungstage gestattet, in Begleitung eines deutschen Unteroffiziers die Synagoge zu besuchen, und zum erstenmal konnte nach langer Zeit wieder am Laubhüttenfeste Gottesdienst abgehalten werden. Die wenigen Gemeindemitglieder brauchten zur Jahrzeit nicht zu verreisen, um Kaddisch sagen zu können. Selbstverständlich wurde den Gefangenen zu den Feiertagen auch koscheres Essen nach dem Schloß geschickt. Später durften sie allein ausgehen und Einladungen zu Tisch annehmen. Die zwanzig französischen gefangenen Offiziere, die mitgekommen waren, hatten sich in der Stadt möblierte Zimmer gemietet und waren in ihrer Bewegung vollkommen unbehindert. Wie weit sind wir doch in der Kultur zurückgekommen! Nach dem Kriege siedelten sich wieder in Wittenberg Juden an, wo es ihnen jahrhundertelang verboten war zu wohnen. Sie kamen regelmäßig vor den beiden Hauptfesten zur Teilnahme am Gottesdienst nach Coswig, so daß die kleine Synagoge wieder gut besucht war. Hermann Cohens Vater war inzwischen ins Greifen-alter eingetreten, hatte einige sehr schwere Krankheiten Überstunden und bedurfte der Schonung. Da trat der Sohn zu seiner Unterstützung ein; zuerst übernahm er nur das Mussaf-Gebet, zuletzt auch das Neilah-Gebet. Schachariß und Mincha hatte von jeher ein anderer vorgebetet. Es wird wohl in der ganzen Welt keine jüdische Gemeinde geben, die sich rühmen kann, diese herrlichsten aller Gebete von einem ordentlichen Professor der Philosophie haben vortragen zu hören. Hermann Cohen besaß neben seiner schönen Stimme und seinem angeborenen, aber im Hause seiner Schwiegereltern noch verfeinerten musikalischen Gefühl eine tiefe Religiosität. Er erlebte selbst die Versöhnung und ließ sie durch seinen Vortrag seine Zuhörer miterleben. Als ordentlicher Professor hat er freilich nur einmal *) Das Hauptwerk des Maimonides.