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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-10 · Heft 19 (10.5.1918) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 19 (10.5.1918)
Date
1918-05-10
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
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222 Sonkkrbarerweise hat die Polizei, die hier in Krakau die Zensur führt, der polnischen Presse verboten, über die Exzesse zu schreiben, Artikel, welche die Exzesse verurteilen und die Bevölkerung zur Ruhe auffordern, unterdrückt; der Hirtenbrief des Fürstbischofs Sapieha in Krakau, der im selben Sinne erlassen wurde, wurde ebenfalls von der Zensur konfisziert, die Aufforderung des Präsidiums der Stadt Krakau, die im selben Sinne an die Bevölkerung erlassen wurde, wurde zwar zur Pl-akatierung zugelassen, jddoch nicht zur Veröffentlichung in den Zeitungen. Selbst eine kurze Nachricht über die genormte Deputation beim Ministerpräsidenten wurde verstümmelt, -so daß die Bevölkerung über den Zweck dieser Deputation nicht unterrichtet war. Der Herr Ministerpräsident hat selbstverständlich der Deputation die Zusicherung gegeben, daß sofort die strengsten Schritte eingeleitet werden. Der Gemeilrderat der Stadt Krakau hat dann in seiner Sitzung vom 22. v. M. eine Resolution beschlossen, in welcher diese Exzeße verurteilt werben und die Bevölkerung zur Ruhe und Unterstützung der Tätigkeit der Behörden ausgefordert wird. Parallel mit einer energischen Aktion, welche zur Aufrechterhaltung der Ordnung dient, müßte auch eine Aktion eintreten, um der städtischen Bevölkerung wenigstens im bescheidensten Maße Nahrungsmittel zuzuführen. Ich danke im vorhinein und zeichne hochachtend ergebenst Dr. Adolf Groß, Reichsratsabgeordneter der Stadt Krakau." * Das Haager Korrespondenzbureau macht Mitteilungen über die Bemühungen, die in den Vereinigten Staaten Amerikas und in Kanada stattsinden, eine jüdische Legionzu bilden, die als Kämpferin für Palästina bestimmt ist. Dasselbe Bureau berichtet ferner, daß die Krakauer Zionisten sich für einen Judenstaat ausgesprochen hätten und konstatiert, daß ein deutschfreundliches holländisches Blatt die Möglichkeit eines Judenstaates verkünde, selbst wenn die Herrschaft Englands in Palästina keine dauernde sein würde. Wir nehmen von diesen Mitteilungen akt, ohne für nötig zu erachten, diese spaltenlangen Berichte hier abzudrucken oder ausführlicher dabei zu verweilen. Den Mitteilungen des Stockholmer Bureaus entnehmen wir folgendes: Eine a n t i s e m i t i s ch e Erfindung. Stockholm. (Meldung des Jüdischen Preßbureaus.) — Die Pariser ,,Libre Parole" gibt folgende Nachricht aus ,Le Probleme Russe", einem Organ der russischen Reaktionäre in Paris, wieder: „Kopenhagen. — Die Maximalisten haben in Petrograd eine zweite „offizielle" Tageszeitung in jüdischer Sprache geschaffen. Diese Zeitung, gedruckt in einer Auslage von 80 000 Exemplaren, wird aus Papier veröffentlicht, das in den Lagerräumen des „Nowoje Wremja" und anderer bürgerlicher Blätter gestohlen wird." Wir stellen fest, baß diese Nachricht, die die antisemitische „Libre Parole" mit entsprechenden giftigen Bemerkungen an die jüdische Mrefse knüpft, in allen Stücken eine freche Erfindung ist. In jüdischer Sprache erscheint überhaupt kein bolschewistisches Tageblatt. Wohl wurde vom „Komnnssariat für jüdische Angelegenheiten" beabsichtigt, eine Wochenschrift in jüdischer Sprache erscheinenzu lassen, allein, falls dieser Plan zustande gekommen sein sollte, was sehr zu bezweifeln ist, so würde das Blatt wohl Herausgeber, jedoch keine Leser haben, da der Bolschewismus von den jüdischen Massen und von sämtlichen jüdischen Arbeiterparteien entschieden abgelehnt wird. * Wir schließen diese Uebersicht mit der Schlußstrophe eines Prologs, den Fritz Engel zu der Jubiläumsfeier des Zenrralvereins gedichtet hat, eines Prologs, der vollständig in der Zeitschrift „Im Deutschen Reich" Veröffentlicht war. Aus deutschem Boden deutschen Bürgers Rechte, Und stolze Hüter unsrer Väter Art, Aus Recht und Pflicht ein inniges Geflechte, Das unser ganzes Sehnen offenbart. Wer kormnt, daß aus dem Recht er uns vertriebe? Wer, es zu nehmen, hat die Räuberhand? Wer will, daß uns das Vaterland nicht liebe? Und wir, wir lieben dieses Vaterland! Land unsrer Eltern und der Kinderspiele, Land ernster Schule, >bk, uns auferzog! Du Dichterland! Du Land, das zu dem Ziele Des höchsten Denkens himmelstürmend flog; Land du der Helden, die im Sieg dich schufen, Du jetzt in Not um jedes Heimatsgut: An deines erzenen Altares Stufen Fließt, was dein eigen ist, stießt unser Blut. Wir fühlen deiner tausend Wunden Schwere. Brauchst du der Pfleger? Rufe! Wir sind dein! Sieh, deine Ehre ist auch rnffre Ehre, So soll die unsre auch die deine sein. Dein sei der Frieden, der mit Aetherbläue Die Gruft der Brüder strahlend überspinnt. Dein sei Gerechtigkeit, und dein die Treue Für alle, die von deiner Sprache sind! Treusein ist alles — und umschließt das Beste, Was uns den alten Glauben heilig macht — Dies ist der Fels, drauf unsres Bundes Feste Einst wc.xb getürmt und sorglich wird bewacht. Getreue, stehen wir aus ihren Zinnen, Die Fahne schwebt, das Recht strahlt weit voraus. Wir haben Kraft, Triumph ihm zu gewinnen — Dann kommt ein Tag, und wir, wir ruhen aus. * Endlich mag eine Notiz hier stehen, die von dem „Berliner Tageblatt" verbreitet wird: Ein interessanter Grabstein. Vor einiger Zeit wurde an der Nordseite des Breslauer Domes im Fundament eines Hauses in der Nähe der .Johanneskapelle ein Grabstein mit hebräischer Inschrift aufgefunden. Nach dem Gutachten des Sennnardozenten Prof. Dr. Braun unterliegt es keinen: Zweifel, daß dieser Grabstein von dem ältesten jüdischen Friedhof Am Ohlauer Stadtgraben-Klosterstraße-Feldstraße herstammt. Er betrifft einen am 24. Juli 1223 verstorbenen Mann. Da dieser Stein für die Geschichte der jüdischen Altertümer im allgemeinen und für diejenige der Breslauer Shnagogen-Gemeinde im besonderen von Bedeutung ist, hat man das Domkapitel gebeten, den Grabstein der Shnagog engem einde zum Eigentum zu überlassen. Das Domkapitel hat diesem Wunsche entsprochen. Der Grabstein wird auf dem Frieöhofe an der Lohestraße in der Mauer eingelassen. Eine Uebersetzung der Inschrift lautet: „Dieser Stein ist ein Denkmal am Grabe des Rabbi David mit lieblicher Stimme, Sohnes des Rabbi Sar Schalom, der eingetan wurde am zweiten Tage der Woche, am 25. Tage des Monat Ab im Jahre viertausend achthundertdreiundachtzig nach Erschaffung der Welt. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." Mus Hermann Cohens Heimat. Von Soni tütsrat Dr. S t e i n t h a l. wischen Wittenberg, der Wirkungsstätte Martin Luthers, und dem Geburtsort Moses Mendelssohns, Dessau, ungefähr gleich weit von beiden entfernt liegt an der Elbe Strand das Städtchen Coswig in Anhalt, in welchem Cohen am 4. Juli 1842 geboren wurde. Coswig gehörte bis zum Jahre 1863 zum Herzogtum Anhalt-Bernburg. Bis dahin gab es nämlich drei anhaltische Herzogtümer: Dessau. Cöthen, Bernburg. Die letzten beiden Linien waren ziemlich frühzeitig ausgestorben, nachdem die Fürsten von Zerbst, eine vierte Linie, aus welcher die berühmte Kaiserin Katharina von Rußland hervorgegangen war, schon viel früher aus Mangel an Nachkommenschaft der Vergessenheit anheimgesallen waren. Die letzten Sprossen dieser Zerbster Fürsten, zwei Prinzessinnen, bewohnten am Anfang des vorigen Jahrhunderts das Schloß zu Coswig und hielten.mit den dortigen Juden gute Nachbarschaft. So ließen sie, als im Hause eines derselben eine Fenersbrunst aus-

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