Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1918)
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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221 es den Berliner kriegsbereiten Judenjünglingen so gefalle. — Diese bajuwarischen Grobheiten nebst dem aufreizenden antisemitischen Ausfall am Schluß find von mehreren Blättern, auch von Sachleitungen des Druckereigewerbes, abgedruckt worden. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist jener antisemitischen Beschuldigung auf den Grund gegangen, und seine Zeitschrift „Im Deutschen Reich" teilt nun mit, daß die Kriegswirtschaftsstelle für das Deutsche Zeitungsgewerbe etwa sechshundert Personen beschäftigt, daß unter ihnen kein einziger „kriegsbefreiter Judenjüngling" sitzt, daß alle Angestellten Christen sind, mit Ausnahme von zwei weiblichen Schreibmafichinenkräfterr! — Wie übrigens die Kriegslvirtschaftsstelle für das Deutsche Zeitungsgewerbe ferner in einer öffentlichen Erklärung feststellt, ist das Blatt wegen seines Papiers überhaupt nicht in Verlegercheit-gewesen; es bestand auch keine Gefahr, daß das Papier nicht rechtzeitig eintreffen würde; ferner seien die Behauptungen des Blattes „über die großen Vorräte in der Papierfabrik am Baum und den angeblich mit der Kriegswirtfchastsstelle geführten Schriftwechsel unwahr". * In bezug auf das angebliche Spottlied jüdischer Kinder in Wien enthält die „Reichspost" eine amtliche Berichtigung, die so lautet: „In der nächsten oder zweitnächsten Nummer Ihres Blattes wollen Sie aus Grund be# § 19 des Preßgesetzes an gleicher Stelle mit gleichem Drucke nachfoligien-de amtliche Berichtigung Ihres Artikels in der Nummer vom 19. April 1918 „Jüdische Spottlieder in Wien" bringen. Sie schreiben, die Schulkinder, als ste in Pötzteinsdörf einzogen, sangen ein Spottlied aus die kirchliche Litanei „Herzbub bitt^ für uns", dann ertönte ein Genmrwel, das wohl eine betende Prozession verhöhnen sollte, und endlich noch ein Spottvers. Das ist unrichtig. Richtig ist, daß die Kinder ein Marschlied sangen, und zwar das alte Studen-tenlied „Zwei lederne Strümps", -dann abwechselnd ein anderer TM „Ein Kreuz ist^s tm-t den Wei-bern" und der-Rest das Kartenl'ed „Herzbub nix für uns, Herzaß nix für uns" usw., bis alle Karten durch sind. Es ist unrichtig, daß die Lehrerin eine Jüdin ist, richtig ist, daß sie l^ine aprsche Katholikin ist. Richtig ist, daß es sich um eme Klasse der Schule 2. Bezirk, Czerninplatz 3, handelt, unrichtig, daß Herr Beer Markus Direktor dieser Schule ist, richtig, daß der derzeitige Leiter Herr Provisor Polifka ist. Hochachtungsvoll: Ortsschulrat des 2 Bezirkes. Der Borsihende: Dr. Blasel." In der nächsten- Nummer desselben Blattes versucht die Redaktion das Gewicht der amtlichen Auseinandersetzung durch folgende Darlegung zu beschönigen und zu entkräften. Wir glauben indessen, daß dieser Versuch gänzlich mißlungen ist. Der Leopoldstädter Bezirksvorsteher Blasel hat i-nr Namen des Orts-fchu-lvates des 2. Bezirkes uns eine amtliche Berichtigung geschickt, in -der er die Geschichte von den famosen Gesäugen, welche Schüler der unter jüdischer Leitung stehenden Schule am Czerninplatz in Böhlemsdorf zum besten gaben, zu beschönigen sucht. Eine Amtsberichtigung darf nach dem Preßgesetz mit keiner Glosse versehen werden, aber sicher hat sich jeder Leser frei der Lektüre der 'Blafelscken Amtsberichtiaung das Seine gedacht. Blasel leugnet, daß die Kinder unter FMrung einer Lehrerin ein Lied sangen, das sich w-'e ein Spottl'ed auf eine kirchliche Litanei ausnahm, aber er gibt zu, daß von den Kindern ein Teil das Studentenlied „Zwei lederne Strumpf", dann abwechselnd ein anderer Teil „Ein Kreuz ist's mit den Weibern" und der Rest das Kartenlied „Herzbub, Nix für uns, Herzass, nix für uns" usw. sang. Bei diesem sogenannten Ka-rtenliede ist die unziemliche Nachahmung der kirchlichen Lvtaueiform ganz deutlich. Es ist doch eine wunderbare Volksschule, in der die jüdischen Schüler Kartenlieder mit Nachäffung katholischer Litaneien und dazu den Tert „Ein Kreuz ist's mit den Weibern" lernen! — Der Leopoldstädter Bezirks- Vorsteher findet das ebenso selbstverständlich, wie wir dies an ihm, dem Geschöpf des Leopoldstädter Judentums. Was sagt der Wiener Bezirksschulrat zu dieser Art von Gesangs-Übungen Wiener jüdischer Bolksschüler? — Aus Leserkreisen wird uns zu der Berichtigung des Herrn Dr. Blafel geschrieben: Bezirksvorsteher Dr. Blasel versucht den Vorfall in Pötzlei-nsdorf in.ein günstiges Licht zu rücken. Ta wäre es aber für Herrn Dr. Blasel wohl eher am Platze gewesen, Aufklärung darüber zu geben, in welchem Liederbuch für städtische Mädchenschrcken die Lieder „Ein Kreuz iM mit den Werbern" und das Kartenlied „Herzbub, nix für uns" usw. enthalten find. Gibt es nicht genug Vaterliandslieder, .Lieder, die int Herzen der Jugend die Liebe zur Heimat wecken und fördern? Abgesehen davon, daß „äste Studentenlieder" durchaus nicht für Volksschulen bestimmt sind, -st es 'absolut unberechtigt, den Stumpfsinn -dieser Texte als Studenitenlieder anzusprechen. Mir kann es um die besagte arische Lehrerin leid tun, die kein besseres arisches Gefühl zu besitzen scheint, da ste Schulkindern solche Lieder einpaukt. Zum Schluß noch die Bemerkung, daß der Leiter der Schule am Czermnpivatze, falls er mit dem Bürgerschulvehrer Jakob Poliska 'identisch ist, ein Stammesgenosse des gewesenen Herrn Direktors Beer Markus und dos rühmlichst bekannten Wolf Beer Pfefferkorn aus dem „Rastelibrnder" ist. Der schüchterne Versuch, die Schulleitung am Ezerninplicche weniger jüdisch erscheinen zu -lassen, ist also ein verungiNcktes Spiel mit einem arischer klingenden Namen. O Zur Herrenhausfrage nimmt Eugen Fuchs in der letzten Nummer der Zeitschrift „Im Deutschen Reich" das Wort. Nachdem er sich über die Vorwürfe geäußert, die sein früherer Artikel gefunden, faßt er seine Forderungen in folgenden Sätzen zusammen, denen wir unsere Zustimmung nicht versagen. 1. Daß Vorschlagskörper und Vertretungsmacht miteinander nichts zu tun haben, erweist das Bei-spiel -der evangelischen Kirche, wo auch Vorschlagskörper und Gesamtvertretung nicht zusammenfallen. 2. Der Vorwurf der Kühnheit und Unlogik baut sich auf Voraussetzungen auf, die nicht meine Voraussetzungen sind. Ich habe an einen Dorschlagskörper gedacht, -der keine Richtung vergewaltigen soll. Ich ging davon cmA, daß in -dem Vorschlagskörper beide Richtungen vertreten sind. 3. Ich bleibe dabei, daß, wenn ein Vorschlagskörper gebildet wird, der keine Richtung vergewaltigt, hieraus der Freien Vereinigung bei der Lösung der Gesamitorganifation kein schädliches Präjudiz erivachsen kann, eher ein förderliches'. Ob bisher die Not -der kleinen Gemeinden ein Ansporn gewesenist, die Gesamtorganifation zu betreiben, ist gleichgültig. Jedenfalls wird, wenn die Versagung eines Dorschlagsrechts auf dein Grunde beruht, daß wir weder Gesamtvertretung noch Vorschlagskörper haben, dies ein Zlnsporn für die -deutschen Juden sein, die Bildung einer Gefamtorganisa-tion mit aller Energie zu -betreiben. 4. Ich bin allerdings -der Meinung, 'daß es -aller Parteiungen ungeachtet eine Einheit des Judentums gibt, zu -der man sich bekennen kann, gleichviel ob man liberal oder orthodox -ist und daß die Spaltung in Liberale und Orthodoxe der Einheit des Judentums so wenig Abbruch tut wie der Einheit anderer Religionsbekenntnisse oder wie die Spaltung in Liberale und Konservative -der Einheit -der Nation. * Heber die schon früher von uns erwähnten bedauerlichen Erzesse gegen die Juden in Krakau schreibt die „Neue Freie Presse" in Wien folgendes: Die Exzesse gegen die Juden in Krakau. Der Reichsratsabgeordnete der Stadt Krakau Dr. Adolf Groß schreibt uns: „Derehrliche Redaktion der „Neuen Freien Presse"!- Als Neichsratsabgeordneter der Stadt Krakau bitte ich höflichst um Aufnähme folgender Mitteilung in bezug auf Ihre Notiz: „Exzesse gegen die Juden in Krakau".. lieber die Exzesse gegen die Juden iit Krakau wurde die erste Mitteilung Sr. Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten von einer Deputation gemacht, welche unter Führung des geschäftsführenden Obmannes des Polenklubs, Herrn Stapinski, sowie unter Mitwirkung Sr. Exzellenz des Herrn Ministers für Galizien und des Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses, des Herrn Hofrates Dr. German, Samstag, den 20. v. M-, beim Ministerpräsidenten vorgesprochen hat. Der Deputation gehörten an die Reichsratsabgeordneten Dr. Adolf Groß, Dr. Steinhaus, Dr. Ko l i s ch e r und Ranch sowie der Präsident der Krakauer Kultusgemeinde, -Herr Dr. Samuel Dilles. Dem Ministerpräsidenten wurde der ganze Sachverhalt unter Vorlage eines schriftlichen Promemorias vorgebracht und Klage darüber' geführt, daß die Krakauer Polizei vollständig versagt und bei dm Exzedenten den Eindruck geweckt hat, daß die Polizei diese Exzesse unterstütze.