Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-10 · Heft 19 (10.5.1918) · p. Seite 218

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 19 (10.5.1918)
Date
1918-05-10
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229358--73986-3286459
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

218 Katheder lehren, was vielleicht im Gegensatz zu den Grundsätzen der weltlichen Leitung seiner Gemeinde steht? Ist dies der idealere Zustand? Man gestehe, den Geistlichen unter die Anordnungen der Gemeinde stellen, das ist nicht weltlich, es ist heidnisch gedacht. Der Prediger unter dem Kommando der Brotgeber ist eine alte, aber nicht rühmliche Figur, die schön -der Prophet Micha mit gutem Humor gezeichnet hat. . Wir wollen zugeben, daß gewisse Beklemmungen nicht nur die Haltung starr-orthodoxer Rabbiner der Gegenwart, sondern gewisse Zeiten rabbinischer Vorherrschaft auslösen können. Auch die talmudische Entwicklung hatte, falsch und einseitig auf gefaßt, die Tendenz, in eine Bevormundungder ewig Unmündigen (wie Harnack einmal sagt) auszuarten. So wenig wie das allgemeine Priestertum alle zu Priestern machte, konnte die Demokratisierung der theologischen Studien lauter thorakundige Gelehrte hervorzaubern. Die Mendelssohnsche Epoche hat hier befreiend gewirkt. Die Schatten seiner unglückseligen Widersacher aus dem rabbinischen Lager sollten den modern gebildeten Rabbinern unserer Tage nicht im Wege stehen. Die Götze und Lange waren keine Reimarus und Lessing; darum erstanden doch die Strauß, Bauer und Wrede. Obwohl die protestantische Kirche eine Hierarchie überwand, die ganz andere Machtmittel besaß als die rabbinische, stieß sie die geistlichen Kräfte nicht von sich, sondern verstand sie vorzüglich zu verwerten. Kein Klosterbesitz, keine Abtei, kein Bistum im Deutschen Reiche ist so gründlich säkularisiert und enteignet worden wie der rabbinische Stand in den altpreußischen Provinzen. Uneingedenk der außerordentlichen Förderung ihres Fortschritts in allen religiösen Dingen, den sie den modernen jüdischen Theologen mit ihrem Wissensdrang, ihren historisch-literarischen Forschungen, ihren begeisternden Worten verdankten, haben dieselben Gemeinden mißtrauisch und engherzig den Rabbinern jede andere als etwa materielle Anerkennung und billige Lobreden zu Jubiläen oder Totenfeiern vorenthalten. Hier ist endlich ein historisches Unrecht gutzumachen; darum unser Ruf: Ans Werk! Es darf auch nicht verschwiegen werden, daß jenes Verhalten in schneidendem Gegensatz zu der Würdigung steht, die dem Rabbiner sogar in Altpreußen von Staat und Gesellschaft zuteil wird. Kaum ein Ressort der Regierung, eine Landesbehörde oder Stadtverwaltung, die ihn nicht de facto, oft sogar de jure den Geistlichen der beiden großen Konfessionen gleichstellt, sofern das Gesetz dies nicht ausdrücklich verhindert oder fiskalische Interessen hineinspielen. Im Anfang des Krieges trat dies so stark hervor, daß inan beinahe den christlichen Staat vergessen konnte. Soll dieser nicht mehr, wie das Gesetz von 1847, nur die Juden erfassen, sondern das Judentum als Bekenntnis unter staatliche Fürsorge nehmen, so ist die Voraussetzung, daß die preußischen Juden selbst ihren Rabbinern das Amt eines Geistlichen zurückgeben und den Titel Rabbiner (d. i. eigentlich „Meister", Religionsgelehrter, Theologe) nicht länger zum irreführenden Aushängeschild machen. So nötig die Reform der Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, der Pensions¬ und Reliktenversorgung sein mag, die tiefe, in alle jüdischen Verhandlungen hineinhallende Verstimmung der Rabbiner rührt nicht daher. Noch sind die meisten Rabbiner unverbesserliche Idealisten. Aber sie glauben in den Nöten der Gegenwart nicht wirken zu können, ohne daß ihnen die Gemeinden mit dem Amt auch eine Amtsgewalt geben, also einen Teil der eigenen Machtfülle und Autorität verleihen und damit ein Bewußtsein und eine Würde, die sogar ein knappes Gehalt auswiegen. Gegenwärtig leidet er an dem Widerspruch, daß er nach außen die volle Verantwortung eines geistlichen Führers tragen muß - int Innern nicht einmal dem Synagogendiener etwas zir befehlen hat. Wir wiederholen: sein Anteil an der gesetzlichen Leitung seiner Gemeinde muß durch Gesetz geregelt werden! Kurz können wir uns jetzt bei den praktischen Vorschlägen fassen. Um die historische Gerechtigkeit nach Leiden Seiten zu wahren, erhalte der Rabbiner im Vorstand nur beratende Stimme. Dagegen sei er Vorsitzender der Kultuskommission, hier auch stimmberechtigt. Er bringt alle Beschlüsse über Kultus, Ritus, Unterricht, Begräbniswesen usw. als Referent vor den Vorstand, auch ablehnende, um vielleicht in zweiter Instanz obzusiegen. DamiterledigtsichdiesogenannteVetofrage von selbst. Es ist für uns völlig undenkbar, daß Gemeinden aus Leichtfertigkeit und Unbesonnenheit religiöse Neuerungen zur Durchführung bringen wollten, die der Rabbiner mit wirklich stichhaltigen Gründen als unzulässig bekämpft. Es kann sich bei der Weitherzigkeit unserer vorzüglichsten zumeist älteren Gesetzgeber immer nur um ein non liquet ergo tolerari potest handeln, da auch für sie der Geist lebendig machte, und der Buchstabe tötete. Bei zwei Rabbinern sei der dienstältere, bei mehreren deren Erwählter Mitglied des Vorstands. Seine anfängliche Geschäftsunkenntnis wird bei dem inneren Interesse, das er an allen Vorlagen besitzt, sehr bald schwinden. Der Weg zum Ausgleich zwischen Rabbiner» und Laien ist gebahnt. Me Woche. Berlin, 7. Mai 1918. er Mai ist erngezogen, aber wahrlich nicht als Wonnemonat. Lange bevor wir im Kalender die unangenehme Bekanntschaft mit den sogenannten Eisheiligen erneuern sollen, ist, und zwar seit Ende April, wieder eine gan; ungewöhnliche Kälte eingetreten, und obgleich Sträucher und Bäume in herrlicher vorzeitiger Pracht stehen, friert man in den Zimmern und auf der Straße, nachdem man sich schon gewöhnt hatte, an den Abschied des Winters zu glauben. Es ist ganz natürlich, daß die Stimmung des Menschen sich einigermaßen nach der Temperatur richtet; wir haben in Goethe einen gewaltigen Zeugen, daß der Mensch in seiner Stimmung abhängig sein darf von Kälte und Wärme, und wir brauchen uns nicht zu schämen, wenn wir gleich ihm bei trübem Himmel die frohen Gefühle dämpfen, die uns bei heiterem Himmel und warmem Sonnenschein erfüllen. Leider ist auch sonst Grund genug vorhanden, unsere Frühlingsstimmung herabzustimmen. In ängstlicher Erwartung hleiben weiter unsere Blicke nach dom Westen gerichtet. Langsam, für unsere hochgespannten Erwartungen viel zu langsam, vollziehen sich dort die entscheidenden Ereignisse. So sehr wir die blutigen Opfer beklagen, die dort gebracht werden, so müssen wir alle wünschen, da» hier Schlag auf Schlag erfolge, daß unsere Gegner an die Küste gedrängt oder die Engländer gänzlich von den Franzosen getrennt würden. Auch sie haben bereits diese Eventualität ins Auge gefaßt, aber statt durch derartiges, was sie selbst befürchten, zur Besinnung zu kommen, statt durch, die stark empfundene Not: Rationierung der Lebensmittel, Verminderung des Frachtenraums, ungeheure Schuldenlast, sich zum Frieden bereit zu erklären, verkünden die Engländer jctz: bereits, daß nach der Beendigung des Landkrieges das furchtbare Ringen kein Ende erreichen könne, sondern daß an Stelle des Landkrieges der Seekrieg zu treten habe, und wiederuni richtet sich, wie schon so oft, der Blick der bedrängten Feinde nach Amerika und Japan. Der letztere Staat, an dessen Spitze ein neues Ministerium getreten ist, auf das einige Friedens- Hoffnungen setzten, läßt erklären, daß er an Frieden nicht denke, scheint aber glücklicherweise keine Miene zu machen, energischer als bisher in den Krieg einzugreifen. Amerika seinerseits stellt in Aussicht, drei Millionen- Truppen im gegenwärtigen Jahr ins Feld zu stellen. Derartige Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.