Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1918)
- Date
- 1918-05-03
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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. Durch die aus militärischen Gründen erfolgte Räumung! Jaffa s wllrderr ganze DoWterLe enkwurzelt. Die Besetzung J e x u \ a h at s durch die Engländer, im Dezember 1917 hatte eine erneute Abwanderung zur. Folge. Das Hilfswerk, das der Hilfsverein von: Jahre 1915 an organisiert^ erstreckte sich auf die Speisung von Bedürftigen in' Volksküchen, die Errichtung von Darlehnskassen, Unterstützung von Instituten und Einzelpersonen, Beschäftigung von Arbeitslosen und FLüchtlingsfürsorge. Im Jahre 1917 wurden für diese tzitsstätigkeit 290 000 Mark aufgewandt, in den Letzten drei Jahren insgesamt 000 000 Mark. Das Schulwerk des Hilssvereins in Palästina wie in der.europäischen Türkei in Konstantinopel hat trotz mannigfacher Schwierigkeiten, mit denen es jetzt zu kämpfen hat, einen sehr guten I ortgang genommen. Der Hilfsverein hat aus Grund der ihm bisher z u g e k o m m e n e n M i t t e i l u n g e n die B e r u h i g u n g> d a ß das p a lL st inens ische Schu lin e 11 intakt geb lieben u n d im B et r i e b i st. E s i st d e m H i l f s v e r e i n a u ch m ö g - l i ch, d u r ch das e i n s i ch t i ge Entgegenkommen der zuständigen deutschen Behörden die nötigen Geldmittel zur Aufrechterhaltung des Schulwerkes nach dem jetzt von den Engländern besetzten Jerus n l e m z u ü b e r w ei s e n. Die Aufwendungen für das Schulwerk im Orient betrugen im Jahre 1917 über eine halbe Million Mark, für Schul- und Hilfswerk zusammen annähernd eine Million Mark. Allein durch Vermittlung des Hilssvereins und des Jüdischen Hilfskomitees für Pollen und Litauen konnten während des Krieges an 30 Millionen Mark zur Linderung des Elends der Juden im Osten verausgabt werden. Ganz große Summen niüsfen weiterhin aufgebracht werden, wenn nicht Millionen in Polen und Litauen in dauerndes Elend versinken sollen, und damit sür die Juden Palästinas imb der Türkei, besonders sür die Tausende von unglücklichen Evakuierten und Flüchtlingen, die hilflos nach der Eroberung Jerusalems nach Nordpalästina, nach Jnnerasten und Konstantinopel wandern mußten, weitere Fürsorge getroffen werden kann. Im 2lpril 1917 unternahm Redner, Dr. Nathan, amb der Generalsekretär Dr.Bernhard Kahn eine Reise in das besetzte Gebiet Rumäniens, um dort das Hilfswerk zu regeln im Einvernehmen mit dem im März in Bukarest gebildeten Zentralhilsskomitee. Es wurde teilte Gelegenheit versäumt, den bisher -rechtlosen Juden Rumäniens auch politisch zu helfen. Bor dreiviertel Jahren habe er bereits Fühlung mit rumänischen Politikern genommen. Jetzt stehe Rumänien vor einer entscheidenden Wendung der Dinge; der Friede ist zwar noch nicht definitiv abgeschlossen, werde es aber in kürzester Zeit werden. Derselbe wird sür die 240 000 Juden Rumäniens von außerordentlicher Bedeutung sein. Jetzt ist der Augenblick gekommen, uni den erneuten Versuch zu machen, die Gleichberechtigung der rumänischen Juden zu erlangen. Wenn auch noch nicht gesagt werden könne, m welchem Umfange die -gemachten Bemühungen zu definitiven Ergebnissen geführt haben, so habe er doch nach mündlichen Verhandlungen mit führenden Männern der deutschen Reichsregierung die zuversichtliche Hoffnung, daß sie sich auf den Standpunkt stelle, es sei aus politischer Klugheit und aus Humanität ihre Ausgabe, in den neuen Friedensvertrag Bestimmungen hinemzubringen, die die Lage der rumänischen Juden ganz wesentlich bessern. Um den Kampf für die Gleichberechtigung der rumänischen Inder! wie die Rechte der änderen Juden Osteuropas mit der notwendigen Intensität zu führen-, ist ein besonderes Komitee geschaffen worden, dem sich dje hervorragendsten organisierten Vertretungen des Judentums in Deutschland angeschlossen haben, gleichviel welcher Richtung sie angehören: die „Bereinigung jüdischer Orgamsätionen Deutschlands zur Wahrung der Rechte der Juden des Ostens". Es handelt sich darum, ob 8 bis 10 Millionen Juden einer besseren Ankunft entgegengeführt werden können, und die Wege zu ebnen, ans denen dies möglich ist. Jetzt sei es möglich, mit einer zusammengesaßten Kraft der verschiedenen Vereinigungen Deutschlands die Ziele iul.pt streben, die allen am Herzen liegen: die Emanzipation des Judentums des Ostens. Redner glaubt, daß infolge des großen Krieges die Judenfrage Osteuropas ein sehr wesentliches Stück vorwärts gebracht nwrde. - ' Er hält es dabei keineswegs für ausgeschlossen daß noch sehr schwere Rückschläge eintreten. Die jetzigen Vorgänge in Krakau, gegen die man den lebhaftesten Protest erheben müsse, seien ein trauriges Gefayr-eusignal für weiteres, das vielleicht auch in anderen Ländern, in Rußland, .Rumänien, bevorstehe. Aber trotzdem könnte die Zuversicht gehegt werden, daß die osteuropäische Judenfrage ihrer Lösung entgegengehe. Das Zarentum sei in Rußland verschwunden, und was in dem neuen Rußland sich auch noch abspielen würde, eins stehe fest: die alten Praktiken können im alten Umfang nicht wieder auftauchen. Ebensowenig auf die Dauer in Rumänien. Er glaube, daß der Fortschritt, den dieser ungeheure Weltkrieg bringe, auch darin bestehen werde, daß, wie er eine Reihe Nationalitäten im Osten befreit habe, so mich eine Befreiung der Juden des Ostens herbeifuhren werde. (Lebhafter Beifall.) Er bittet die Anwesenden, an ihrem Teil zu wirken, dem Hilssverein die Fortführung seiner. Aufgaben zu ermöglichen und die Erreichung des Endzieles, das sich der Hilfsverein stellt: nämlich die volle Emanzipation aller Juden in allen Ländern und ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Hebung. Der ethische Geilt des Talmud. Von Dr. Pick, Rabbiner (Strasburg, Westpr.). er Talmud hat nicht eine Ethik im philosophischen Sinne aufgestellt, sondsvn ethische Sprüche für die praktische Religion. Die Grundfrage: „Ist der menschliche Wille frei?" bejaht er'). Ihm ist die moralische Freiheit ein Axiom. Aus der Selbstbestimmung ergibt sich die Selbstverantwortung. Verantwortlich ist ein jeder vor dem „König aller Könige". Es handelt sich um sein Persönlichstes. Und ein jeder hat sich mit Schuld befleckt. Aber zu Gott, dem ethischen Ideal, hinstrebend, soll er seine Schuld, er selbst, paralysieren: durch die Wiedereroberung des ethisch Guten. Mag die Selbstbelastnng die drückendste sein, die Selbstentlastung ist realisierbar'). Die ethische Selbstvervollkommnung ist ein Arbeiten, das keinen Abschluß kennt, kennen darf. Ein Fortschveiten in ethischem Gesinnung und Handlung. Wenn der Talmud die ethische Handlung in den Vordergrund treibt, so erweckt dies den Verdacht, als ob er die Gesinnung zum Vegetieren verurteile, d. h., um uns Kantischer Termini zu bedienen, die Legalität zuungunsten der Moralität bevorzuge. In Wahrheit, hat er beiden, der Gesinnung und der Handlung, die gleiche vvlle Dignität zuerteilt: Die ethische Gesinnung soll zur ethischen Handlung reifen, die ethische Handlung in der ethischen Gesinnung wurzeln. Was aber will der Talmud damit, daß er die Handlung akzentuiert? Er verfährt prophylaktisch. Er sucht dem vorzubeugen, daß die Gesinnung zur Zentralsonne potenziert, die Handlung zur Nebensonne degradiert wird. Wenn der Talmud unermüdlich vom „bösen Trieb" redet, so denkt er nicht ausschließlich an den Geschlechtstrieb, wohl aber hauptsächlich. Tiefe Lebenserfahrungen predigen, daß der „böse Trieb" ein „großer König" ist. „Böser Trieb" soll nicht heißen: der Sexualtrieb an sich ist eine Entartung. Er ist vielmehr ein ethisches Erfordernis, sofern ohne ihn längst keine Menschheit wäre. Das Epitheton „böse" hat den Wert einer Antizipation. Der Sexualtrieb verstrickt sich nur zu leicht. Die sexuellen Verkehrtheiten zirkulieren in allerlei Spielarten. Besäße der Talmud die Macht, er würde sie alle ausvoden. Das. Gegengewicht ist die Ehe. Die Trauung bezeichnet er als „Heiligung". So hochbedeutsam ihm, wie erwähnt, die ') Abraham Geiger, „Das Judentum und seine Geschichte", 1910, hat das Wort von R. Akiba, dem hochgeseierten GesetzeAehrer: „Die Freiheit ist gegeben" treffend kommentiert: „Diese Freiheit des Menschen, aus sich selbst sich mit voller Freiheit zu bestimmen, daher zu erheben. . . hat Akiba in prägnanter Kürze als Grund- und Mittelpunkt des Judentums aufgestellt, und dieses hat stets an ihr festgehalten." S. 187.