Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1918)
- Date
- 1918-04-26
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 verschickt. — Lobse n-s: In der erstendiesjählvigen Stad-tve^ordnetensitzung wurde KaLMmM 3Kax P l it c u s' als stellvertretender' Vorsitzender gewählt'. —- Wongrowitz: Dein Fabrikbesitzer und Staidbriat Siegfried Seeg-all ist das Verdienstkreuz für Kriegshilse verliehen worden. Magdeburg, 19. April. Mit dem interessanten Vortrag des Herrn Ben a s Le v h (Berlin), über „Juden und Judentum im Weltkriege" (mi.i> Lichtbildern), fanden im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur die im Winterhalbjahr 1tz17 gehaltenen Vorträge ihren stimmungsvollen Abschluß. Dank den eifrigen Bemühungen des Vorsitzenden Justizrat' Chohke sowie des RaMners Dr. Lange kann >der Verein auf eine segensreiche Tätigkeit zurückblicken. Es liegt uns nun noch ob, auf die letzten Vorträge des Herrn Dr. Lange Zurückzukommen. Wie er im Vorjahre eine Reihe religionsphilosophi'scher Fragen erörterte, so lieh er 'diesmal feinen Betrachtungen ein apoliogetifches Gepräge. lieber den. ersten Vortrag: „Univerfalismus und Rationalismus" haben wir in diesen Blättern bereits berichtet. Das Thema des Weiten' Vortrages lautete: „Gesinnung und Handlung in jüdischer Beleuchtung". Der Redner wies darauf hin, wie von Paulus das Wort von dem Joch und der Last der Gebote geprägt sei, und daß die Kirchenväter und Theologen bis auf den heutigen Tag, besonders Wellhausen, Weber, Harnack, Kuenen, Bousset, sich bemühen, nachträglich dieses Schlagwort zu rechtfertigen. Ten in den Schriften dieser Männer niedergelegten Anschauungen über das Judentum stellte der Vortragende die kernigsten Gedanken aus den Psalmen, Propheten, Talmud, Midraschim,' Kusari usw. gegenüber und zeigte besonders an Kants Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft", wie weit die Verkennung des wahren Tatbestandes — sobaldes sich um das Judentum handelt —sich erstreckt. — Der dritte Vortrag behartdelte das Verhältnis von Gott und Mensch im Judentum. Es sei das des Vaters zu seinem Kinde. Diese Idee der Gotteskindschast findet sich sowohl, im biblischen Schrifttum als auch vor allem in den Gebeten. (Owinu malkenu!) Das Verhältnis des Juden zu seinem Gotte sei das reinste und innigste, das denkbar ist. Gott ist der Erretter, der Erlöser, der Helfer:, immer wieder der Vater — nicht wie er von christlicher Seite als der rächende hingestellt wird. Während nun im Judentum das Verhältnis des Menschen zu Gott das persönlichste und unnrittekbarste ist, findet sich im Christentum als Hauptgedanke der der Mittlierschast. Nach christlicher Auffassung ist der Mensch Nicht fähig, aus seiner ihm angeborenen Sündhaftigkeit allein zu Gott zu gelangen, er bedarf dazu eines Mittlers, eines Gottmenschen, der erschienen sei in Christo, 'dem Messias. Der Redner zeigte dann eingehend, wie die Idee des Mittlers aus der alexandrinischen Philosophie (Philo) sich entwickelt hat. — Die Mefsiaslehre im Judentum und Christentum wurde >im Schlußvortrag erörtert. Redner ging von denwidersprechenden Musterungen christlicher Theologen in bezug auf dieses Problem aus mtd suchte sodann die volkstümliche Grundlage Kr eine Lösung. Er unterschied in feiner Betrachtung über die Messiaslehre im Judentum eine geschichtliche, theologische und begriWche Entwicklung. Die Geschichte der Juden gab der Idee Raum, die Theologie Leben, der Begriff des Judentums inneren Halt. In weit angelegter Form folgte er dieser Dreiteilung und Keß an ihr die Messtaslehre emporwachsen, indem er den Vergleich mit dem Christentum immer int Auge behielt. Der Redner schloß mit dem Hinweis, daß» die jüdische Vlessiaslehre das Hei-l für die gesamte Menschheit will ohne Unterschied des Glaubens. Ein Gott — ei ne Menschheit, das ist der Vibel erstes und letztes Wort. — Abgesehen von dem lebhaften Beifall, den zahlreich erschienene Gemeindemitglieder Herrn Rabbiner Dr. Lange zollten, ser ihm hier noch besonderer Tank-ausgesprochen.' Mit der ihm eigenen glänzenden- Beredsamkeit und durch die von glühender Begeisterung, getragenen Ausführungen hat es der Redner verstanden, Liebe und Begeisterung für unser Judentum zu erwecken und zu beüben. Dies ist sicherlich sein schönster Lohn. — Frankfurt a. M., 19. April. Aus Anlaß des fünfund- . vlvanzigjährigen Bestehens des Aentralvereins deutscher Staatsbürger jiddischen Glaubens veranstaltete -die hiesige Ortsgruppe am 9. d. M.. in >der Frankfurt-Loge eine Festversammkvng. Herr Rabbiner Dr. G ol dm an n (Leipzig) sprach über Entstehung!, Zweck und Ziel des mn 5. Februar 1893 gegrüdeten Vereins zur Abwehr des damals stark i^ervortretenden Antisemitismus und 'des unter den eigenen Stammesstenossen herrschenden' Jndisserentismus. Ter Verein, der heute 40 000 Einzelnst tgliieder zählt, blieb parteipolitisch neutral, war in' seinem Wesen demokratisch und verfocht das-Prinzip der Selbsthilse sowie der vollen Qeffentlichkeit. Die Erfolge 'dieser Tätigkeit äußern sich einmal 'darin, daß die Gegner'des Judentums heute die Achtung bewahren, und weiterhin, daß das religiöse Leben in den Gemeinden weserrtlich erstarkt.ist. Neben weiteren Abwehrmahnahmen müsse der Jugendfürsorge und vor allem der Berussberatung mehr Beachtung geschenkt und vermieden werden, -daß die letztere nicht mir vom einseitig intellektuellen Standpmckte aus bchandelt werde. Dem Judentum mangele die politische Organisation; zur Wahrung der Rechte der Gemeinschaft im Ku>ltur- und Geistesleben. —Direktor Dr. A d le r hob hervor, daß das Judentum in der Verbreitung des Gottesglaubens feine hohe Mssion schon vor Tausenden von Jahren in den 'deutschen Gauen erfüllt habe, urchdaß es Afterwisfenschast sei, wenn heute versucht werde, die deutschen Juden als weniger-echte Germanen hinzustellen. Der Verein stehe auf nationalem Boden und strebe nicht nach einem besonderen Vaterland. Das deutsche Judentum habe im Weltkrieg, als das Vaterland in Gefahr, seine Schuldigkeit getan. Die gutbesuchte Veranstaltung iourde von Vorträgen eines gemischten Chors umrahmt. M. Aus Buden. 19. April. Am 7. Mai d. I. vollendet eines der ältesten und verdientesten Mitglieder des Naphtali-Epstein-Vereins sein 80. Lebensjahr, Realschullehrer a. D. Jakob S ch e r e r in Frankfurt a.M. Man merkt dem Jubilar seine acht Jahrzehnte in keiner Weise an: seine Gestalt ist aufrecht, seine Züge energisch, sein Geist frisch und klar und sein Herz warm und sonnig wie ein schöner Maientag. Seine Lebensarbeit gehörte in der Hauptsache dem Phrlanthropin in Frankfurt a. M., wo man ihn als Lehrer und Mensch zu schätzen wußte und noch zu schätzen weiß. Wir Badener -erinnern uns aber an diesem Ehrentage auch mit freudigem Stolz der Zeit, in welcher unser Landsmann in Freiburg und am Gymnasium in Karlsruhe tätig war. Insbesondere gedenkt der Naphtali-Epstein-Verein dankbar der hingebenden und gesegneten Arbeit, die Scherer als Schriftführer und Vorsitzender dem Vereine eine Reihe von Jahren in selbstloser Weise geleistet hat. Auch nach seiner Berufung nach Frankfurt hat er uns die Treue bewahrt und trotz seiner Tätigkeit im Vorstände der Achawa seinen badischen Verein nicht vergessen. Treue um Treue!- Wir reichen dem Jubilar an diesem Tage die. Hand, dankbar für alles, ums er. für den Naphtali-Epstein-Verein getan, und mit dem herzlichen Wunsche : Ad meah schanak Gkstkrrkich-Nnssrn. z. Wien, 19. April. Wir lesen in der „Jüdischen Zeitung": „Der „Nestor der Wiener Tagesschriftsteller", Siegmund Schlesinger, ist dieser Tage zu Grabe getragen worden. Geboren in Wag-Neustadtl in Ungarn, zeitlebens Journalist in Wien, gestorben int Alter von 85 Jahren und begraben auf dem evangelischen Friedhof. Den Nachruf hielt natürlich Pfarrer Dr. v. Zimmermann, der wahrhaftig nicht zu beneiden ist. Kommt er doch so selten in die Lage, bei seinen Trauerreden auf das Bild unverfälschten christlichen Lebens hinzuweisen, das der Verstorbene im.Elternhause vor sich gesehen hatte. Denn die Mehrzahl der Persönlichkeiten, denen das letzte Geleite zu geben ihm die Pflicht des Geistlichen gebietet, heißen sehr oft- Schlesinger und Kornitzer und haben die Anziehungskraft des Christentums erst nn? späteren Alter, auf sich wirken lassen. Und so dauert mich eigentlich Herr Pfarrer Dr. v. Zimmermmm, der sich bei all seinen Grabreden einen gewissen Zwang auserlegen muh und aus lauter Rücksicht auf die israelitische Abstammung, des. Verblichenen und die vielleicht noch zum Teile israelitischen Hinterbliebenen nicht! von der Leber weg reden kann. Siegmund Schlesinger, Journalist in Men, evangelisch Ä. B. Das ist keine Person mehr, es ist ein Typus, dem wir nur allzuoft begegnen, eine Mafsenerscheinung, Ein Typus, der die Wiener Tageszeitungen, „Judenpresse" genannt, redigiert, der selbstverständlich bis zur Bewußtlosigkeit deutsch ist, der das Wort „Jude" aufs ängstlichste zu vermeiden sucht, für den es keine Jrldenfrage gibt, der womöglich jede antisemitische Pöbelei vertuscht', der mit- Wonne die län-Wen Aussätze über das hochstehende Kulturvolk der Letten oder das wendische Volkslied oder die armen unterdrückten Mazedonier veröffentlicht, sich aber niemals anmasten wird, einen Aufsatz, über -die Ostjuden oder den Zionismus zu bringen, der dierumänische Judensrage als eine Frage der religiösen Gleichberechtigung ohne Juden behandelte Die Angst des Getto steckt diesem Typus noch in den Gliedern, wiewohl er dem Judentum schon längst den Rücken gekehrt hat und kn-ieschlotternd znsammensährt,