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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-26 · Heft 17 (26.4.1918) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 17 (26.4.1918)
Date
1918-04-26
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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ISS blieb der Gedanke vorherrschend, daß die Rabbiner allein die Träger der jüdischen Wissenschaft seien und den Umständen nach sein müssen. Eine Ausnahme wagte sich in, Berlin hervor: die als Hochschule gedacht war, als solche aber nicht genehmigt wurde, immerhin doch wenigstens als Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sich austat, nicht somit als jüdisch-theologisches Seminar noch als jüdisch-theologische Lehranstalt sich ankündigte. Und in der Tat haben an dieser Lehranstalt Juden und auch Christen studiert, und die Prüfungen werden dort noch heute abgesondert von den Rabbinatsprüfungen vorgenommen. Indessen bilden diese Hörer doch nur verschwindende Ausnahmen gegenüber der Mehrzahl derjenigen, welche an dieser Lehranstalt ihre Studien machen, um für ein Rabbineramt befähigt zu werden. Also auch diese dem reinen wissenschaftlichen Zwecke errichtete Lehrstätte konnte vornehmlich nur Rabbiner hervorbringen, nicht aber den Mangel an freien jüdischen Gelehrten ersetzen. Es machte sich daher in der Produktion der jüdischen Forschung eine Stockung fühlbar, obgleich den Rabbinern ein erstaunlicher Fleiß und eine bewunderswerte Schaffenskraft nachzurühmen ist. Sie konnten dennoch allein den Bedürfnissen nicht Genüge leisten, welche die moderne Zeit an neuen Problemen und durch neue Stofszufuhr hervorrief. Und wenn es selbst einem isolierten Gelehrten gelungen war, eine literarische Arbeit zu vollbringen, so war es schwer, einen Verleger für die Arbeit zu finden. Es fehlten die Betriebsmittel, ohne welche ein wissenschaftliches Leben sich nicht fruchtbar und wirksam erhalten kann. Um diesen Mängeln abzuhelfen, entstand vor einem Jahrzehnt etwa die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums". Schon der Titel läßt den Zweck erkennen, auf den diese Gesellschaft vornehmlich sich einschränkte. Die Wissenschaft soll durch sie gefördert werden. Dies bezweckt sie. und dies leistet sie in ruhmwürdiger Weise, indem sie große Werke zur Publikation gebracht hat, und zwar nicht nur durch die Subvention von ihr angebotenen Arbeiten, sondern durch die Aufstellung von Plänen und Grundrissen für neue und eigenartige wissenschaftliche Unternehmungen. So großzügig diese.Leistungen der Gesellschaft sind, so beziehen sie sich doch immer nur auf die Hervorbringung und die Hervorrufung von wissenschaftlichen Werken. Diese Förderung der Wissenschaft ist ihr ausgesprochenes Ziel. Wie jedoch keine Wissenschaft, so darf auch die Wissenschaft des Judentums nicht ausschließlich in der Abstraktion von literarischen Produktionen gedacht werden. Wahrhaft lebendig wird sie erst in den Urhebern, in den Schöpfern der wissenschaftlichen Werke. Es kann daher nicht genügen, in den literarischen Erzeugnissen die Wissenschaft des Judentums zu fördern: sie muß vorab gefördert werden in den lebendigen Menschen, welche dieser Wissenschaft sich widmen, welche dieser Forschung obzuliegen zu ihrer Lebensaufgabe machen. Und es kann weder dabei sein Bewenden haben, daß die Rabbiner die alleinigen Träger der Wissenschaft des Judentums bleiben, noch daß zeitweise einzelne Gelehrte unterstützt werden. Bon verschiedenen Seiten wurde daher schon seit geraumer Zeit dem Gedanken Raum gegeben, daß etwa Neues geschehen müsse, um das Leben der jüdischen Wissenschaft und dadurch das der Religion selbst vor der sonst unvermeidlichen Erstarrung zu schützen. Man nahm wiederum zu dem Gedanken der Fakultät seine Zuflucht, aber es war schon sehr verräterisch, daß man sogar mit einer jüdischen Professur an . einer Universität vorliebnehmen wollte. Wie sollte man aber mit einer solchen Einzelprosessur, wie sollte man sogar mit einer Fakultät auszukommen hoffen, wenn als das Problem nicht sowohl das Abstraktum der jüdischen Wissenschaft erkannt wurde, sondern das konkrete Lebensproblem einer jüdischen Gelehrtenwelt! - 1. Es ist nun das Verdienst des jungen Historikers und Philosophen, des Dr. Franz Rosenzweig, der mit heiligem Glaubenseiser von seinem Felddienst aus in einer Abhandlung „Zeit ist's" den Ausruf an die deutsche Judenheit richtete, der sicherlich von den Juden der gesamten Kulturwelt ausgenommen werden wird: der größte Mangel und der tiefste Notstand, unter dem wir leben, bestehe in.diesem Personenmangel an jüdischen Gelehrten. Hierin liegt der Grund unserer Ohnmacht, unserer Unzulänglichkeit auch gegenüber den Verlockungen unserer Gegner, die uns vernichten wollen. Die Anzahl unserer Rabbiner, und wenn sie noch so Treffliches leisten, sie reicht nicht aus, um alle die verschlungenen geistigen Fragen zur Lösung und zur Schlichtung zu bringen, welche Geist und Gemüt des Juden auf der Schule und auf der Universität bestürmen, um ihn von der religiösen Isolierung abwendig zu machen und ihn für die scheinbar einheitliche moderne Kultur zu gewinnen. Schon von dem apologetischen Gesichtspunkte aus bleibt die Anzahl der Rabbiner unzulänglich, um den Geist des Judentums gegenüber der Mannigfaltigkeit der modernen Kultur zu vertreten. Die lebendige Religion, als Kulturreligion, erfordert für ihre Behauptung und Fortbildung den freien Geist der Wissenschaft und demgemäß Männer der gelehrten Forschung, welche nicht zugleich die Träger des geistlichen Amtes sind. Der Unterschied der neu zu begründenden Akademie von allen bisherigen wissenschaftlichen Organisationen und die Ergänzung, welche sie ihnen allen darzubieten strebt, bestehen sonach schlechthin darin: daß sie die Personen herbeizuschafsen sucht, welche jene, sei es als Lehrer, sei es als Forscher, für die herauszugebenden Werke erfordern. Wie die Lehranstalten, so wird auch die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums von dem Vertrauen getragen, daß aus den: Rabbinerstande heraus Kräfte zur Uebernahme der wifsenschaftlichen Aufgaben sich bereit finden werden. Daher kann aber die Anzahl dieser disponiblen Kräfte nur ebenso spärlich sei» und ihre Auswahl nur ebenso schwierig, wie die der Lehrkräfte ist. Diesen Uebelständen soll die Akademie abhelfen. Wir wählen mit Absicht diesen Namen, der auch für die gesamte» Wissenschaften nur erfunden worden zu sein scheint, um die Gelehrten der verschiedenen Fächer zusammenzufassen, zugleich aber auch um sie in lebendige Wechselwirkung zu versehe» und dadurch ihre Kraft und ihr Aufblühen zu befestigen und zu sichern. Für die allgemeinen Wissenschaften bedarf mgemeinhin nur einer solchen idealen Vereinigung, die zudem durch Subventionen gestärkt wird. In unserem Spezialfalle dagegen ist unserer sozialen Lage gemäß die Sicherung dc> Lebensunterhaltes unbedingt erforderlich, wenn wir auf Zuwachs und auf ununterbrochenen Fortbestand eines jüdischen Gelehrtenstandes sollen rechnen dürfen. Daher muß es die Aufgabe der Akademie sein, durch die sie sich vollends von allen analogen Anstalten unterscheiden gleichsam eine Vorsorgeanstalt für die jüdischen Forscher zu werden. Der jüdische Student soll wißen, daß es für die materielle Lebensstellung keine verlorene Sache sei, der jüdischen Wissenschaft feine Studien zuzuwenden; daß er vielmehr die Aussicht habe, nach Vollendung derselben z» einer Besoldung zu gelangen, die. ihn zunächst vor materieller Gefahr schützt und die ihm zugleich die Möglichkeit gibt, als Lebenswerk seine Studien und seine wissenschaftliche Entwicklung sortzusühren. Man weiß, wie sehr die statistischen Erfahrungen über die Frequenz in den Lehrfächern von Jahr zu Jahr die öffentlichen Studienwahlen beeinflussen. Wie sollte es in unseren

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