Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1918)
- Date
- 1918-04-26
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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197 in diesem lang andauernden Krieg sind wir in Unseren Hoffnungen getäuscht worden, aber wir wollen und dürfen das Vertrauen nicht verlieren auf das endliche Eintreten wahrhaften und gedeihlichen Frühlings, der, wie wir unerschütterlich glauben, uns und der. ganzen Menschheit Freiheit und Frieden bringen wird. * Wir schließen diese Uebersicht mit der Wiedergabe eines merkwürdigen Artikels aus der „Frankfurter Zeitung", der auch für unsere Leser manches Interesse haben wird. D ie s eefahrende Per rode des Volkes Jsrae l. Trotzdem wir von jüdischen Reisenden wissen^, daß sie im Mittelalter Strecken zu Lande zurückgelegt haben, die selbst Marco Polos berühmte Leistung, einer Reise von Südeuvopa nach China dadurch in Schatten stellen, daß einzelne fränkische Inden den Weg von Nordsyrien durch Mesopotamien, Persien, Afghanistan, über die Pamirpäsje und das Tarimbecken nach China mehrmals im Leben zurückgelegt haben, überliefert man wenig oder gar nichts von seefahrenden Juden. Nur das Alte Testament weiß etwas von den Seefahrerlei stungen der Juden: Salomo, der einen Leopold II. in seinem Handelsgeist und einen Ludwig XIV. in seiner Prunkliebe in sich vereinigte, wies das Volk Israel auf das Meer, und. die zweimalige Ophirexpedition, die der weise König aussandle, hat Berühmtheit in der Handelsgeschichte der Menschheit. Die vielfach untersuchte und doch noch nicht endgültig gelöste Ophirfrage beschäftigt auch R. Hennig, der von Libau aus einen anregenden kleinen Aufsatz über die „Seefahrerperiode des Voltes Israel" an die „Geographische Zeitschrift" (1917) einsandte. Märchenhaft anmutend, aber in ihrer schlichten Einfachheit und zahlenmäßigen Genauigkeit nicht unglaubhaft, klingen die biblischen Berichte in 1. Kömge, Kap. 9 und 10 und fast gleichläutend in 2. Chronik, Kap. 8 und 9 über die israelitische Handelsflotte Salomos. Indien, Südarabien (auch Ostarabien nach Hommel) und Maschonaland treten in engeren Wettbewerb für das diblische Ophir. Allerdings können die mitgebrachten „Kophim und Takkijim", was keineswegs mit Sicherheit als „Affen und Pfauen" übersetzt werden karm, wohl im Sabäerland, wo die Schiffe auch gelandet haben mögen, im Zwischenhandel erworben worden sein. 'Aber solche Quantitäten Gold, wie die Flotte in Salomos Schatz adlieferte, (nach heutigem Werte 33 Millionen Mark), konnten nur im Selbstbetriebe von Bergwerken gewonnen worden sein. Wofür hätte Salomon auch in Ezeongeber, dem nltedomitischen Handelsplatz in der Nähe von Elath (Akaba), Schiffe zu bauen nötig gehabt, wenn die Goldbergwerke in Südarabien lagen, wohin eine Karaloanenstraße führte? Was hätte die Königin von Saba, dieser zum Sprichwort gewordene Typus aufdringlichen Damenbesuches, die ioeite. Reise zu machen brauchen, wenn Salomos Leute in Südarabien durch Monate und Jahre die Schätze gesammelt hätten, die anzustaunen. sie nach Jerusalem kam? Und hätten sich die handelseiserjüchtigen und handelstüchtigen Sabäer so aus der Konkurrenz für Gold Ausscheiden lassen? Hennig nimmt ein doppeltes Reiseziel, das erstere als - möglichdas zweite als höchstwahrscheinlich, für die von den Phöniziern. Huräms, die die Seewegebereits kannten, geleiteten - Seoexpeditionen an: die Malabarküste Indiens und die 2osalaküste Oftafrikas. - Er geht, von der Ansicht aus, daß der sprachliche GesichtspuM allein bei der Entscheidung geographijch-h-istor scher Rätselsvagen nicht maßgebend sein kann und daß man mit büy mologien und Erklärungen wie Ophir gleich Afrika, oder gleich der südarabischen Landschaft Dhofar, oder gleich Abhirä im Jndusgebiet nicht weiter kommt. Hat man doch bei dem Parwaim-Gold Chrönik'3, 6) gar an Peru gedacht! (Hommel identifizievt Parwairn mit] bem'nordwestarabischen Orte Farwain im alten Land Melüch - Ainralek.) Aber Hennig hobt doch auch in. die philologrsche Erllorungsmethodezur Stütze-seiner wahrscheinlichsten und wirtschaftl'^geographisch bestbegründeten Hypothese aus, daß Ophir in dem goldreichen Mcrschonaland zu finden sei, indem er aus. den berühmten arabischen Reisenden Jbn Batuta verweist, nach welchem -das Goldland im Hinterland der Sosalaküste noch im 14. nachchristlichen Jahrhundert Pousi (^ Ophir) heißt. Die späteren Seefahrtsunternchmungen des Volkes Israel waren nicht mehr so günstig; die erste Tat der'kurzlebigen israelitischen Seeschiffahrt war auch ihre Glanzleistung. Josaphat (876 bis 851 v. Chr.) hatte „Tarsisschiffe" bauen lassen, die nach Ophir fahren sollten, Gold zu holen; aber man fuhr nicht, denn die Schiffe scheiterten zu Ezeongeber (I. Könige 22; 49). Um 730 v. Chr. wurde dann Elath wieder edomitisch und Israel vom Roten Meere abgeschnitten (II. Könige 16, 6). Und als Hesekiel (um 600 v. Chr.) sein Klagelied über Tyrus anstimmte: „Tyrus, die mit den Völkern handelt nach vielen Küsten hin", war Ophir längst vergessen; denn in dieser berühmten, für die Handelsgeschichte des alten Orients so überaus wichtigen Auszählung der Handelsbeziehungen von Tyrus mit den „Krämern unter allen Völkern" ist Ophir nicht mehr genannt. Bit Begründung einer Akademie kür die Millrnschakt des Judentums. Von Hermann Cohen *). Unter allen Wandlungen, welche die religiös-kulturelle Verfassung des Judentums seit etwa hundert Jahren erfahren hat, ist keine so frappant wie die Verminderung oder gar das Verschwinden der jüdischen Gelehrsamkeit unter den modernen Juden. Es war ja ein soziologisch sehr interessanter Ausnahmezustand, der das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit herrschend war, daß fast in jeder kleinsten Gemeinde sich Männer fanden, die als Handelsleute doch zugleich die volle Befähigung zur Verwaltung des Raböineramtes besaßen. Dieser so überaus charakteristische Zustand mußte aushören, als den Juden die vielseitigen Ausgaben der modernen Kultur sich erschlossen und sie, sei es den gelehrten Berufen, sei es den eine erhöhte allgemeine Bildung erfordernden Industrie- und Handelszweigen, sich Hingaben. Zunächst freilich trat für diesen Notstand dadurch eine Aushilfe ein/ daß der moderne Rabbiner ganz unwillkürlich zum Vertreter der modernen Wissenschaft an seiner Religion, ihrer Literatur und Geschichte heranwuchs. So entstand die bedeutsame Tatsache, daß vom deutschen Rabbiner die Wissenschaft des Judentums geschaffen wurde: die Wissenschaft auf Grund der methodischen Philologie und Geschichtsforschung, während die Talmudstudien, wie sie bis dahin betrieben wurden, dieser modernen methodischen Hilfsmittel entbehrten. Durch diese Schöpfung der jüdischen Wissenschaft erhob sich der deutsche Rabbinerstand zu einer geistigen Höhe, welche einen gewissen Ersatz darbot für die Lücken, die in der jüdischen Laienwelt durch die Verminderung des Thorastudiums in ihren Reihen entstanden waren. Die Gelehrsamkeit war in den jüdischen Massen verringert, aber in den Rabbinern mit der modernen Wissenschaft verschmolzen worden. So wichtig nun aber diese Wandlung für den Rabbinerstand und demzufolge auch für die kulturelle Physiognomie der Gemeinde wurde, so mußte allmählich doch der Mißstand fühlbar werden, daß der Gelehrtenstand schlechterdings zusammenfiel mit dem Rabbinerstand. Dies war nicht nur eine Anomalie in der jüdischen Geschichte, sondern es bedeutete auch ein Mißverhältnis zu den Anforderungen einer jeden Pflege der Wissenschaft und insbesondere zu den Aufgaben der Wissenschaft für die Erhaltung des geistigen Lebens innerhalb einer lebendigen Religion, die als Kulturreligion sich behaupten will. Die Anzahl der freien Gelehrten darf in einer religiösen Gemeinschaft nicht beschränkt sein auf die Anzahl der amtierenden Geistlichen. Die Wissenschaft des Judentums war daher ka>uu entstanden, da regten sich schon die Forderungen nach einer jüdisch-theologischen Fakultät. Diese Stimmen sind bis zum heutigen Tage nicht verstummt, ebensowenig aber befriedigt. Auch hier trat zwar die entsprechende Aushilfe ein. Die Fakultät freilich konnte nicht geschaffen werden: dafür aber wurden Räbbinerseminare ins Leben gerufen. Immer jedoch h Abdruck aus den „Neuen Jüdischen Monatsheften" Heft II vom 10. März 1918.