Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1918)
- Date
- 1918-04-26
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
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196 Wortführer der Ukrainer, Abgeordneter Nomanczuk, - der anläßlich der Wahlreformdebatte im österreichischen Parlament «die Anerkennung der Juden als Nation itttb die Sicherung einer selbständigen jüdischen Vertretung forderte. Die Entstehung des Jüdischen Klubs im ersten Hause des allgemeinen Wahlrechts war in hohem Maße der — auf Gegenseitigkeit beruhenden — Wahlhilfe der ukrainischen Wähler zu verdanken. * Das „Berliner Tageblatt" enthält folgende bedeutungsvolle Nachricht: „Warschau, 20. April. Nach polnischen Blättern wird das polnische Landwirtschastsministerium in einer der ersten Sitzungen des Staatsrats ein Gesetz einbringen, nach dem Juden das Recht erhalten, auf Bauerngrundstücken ansässig zu werden." Wir begrüßen diese verheißungsvolle Nachricht mit reinster Freude. Damit würde den Juden , eine neue aussichtsvolle Tätigkeit gewahrt und ihnen die Möglichkeit eröffnet, bodenständig zu werden und sich wirklich z-u Polen umzuwandeln. Hoffen wir, daß der Vorschlag Gesetzeskraft erlangt und daß die polnischen Juden in Maste die Gelegenheit ergreifen-, jüdische Polen zu werden. * Wie weit der Antisemitis m u s in Deutschland aeht, erhellt aus folgender Mitteilung in der „Welt am Montag": Für die Dummen. Ein Leser sendet uns ein in Friedenau verbreitetes Flugblatt, das folgendermaßen beginnt: Streng vertraulich! Als Handschrift gedruckt! .Arbeiter und Gen osten! 1800 Millionen Mark ba-ben amerikanische, englische und russische Juden, wie sie mit frecher Offenheit in ihren Zeitungen rühmen, aufgebracht, um Deutsche aeaen Deutsche, also Brüder aeaen Brüder zu hetzen. An diese schöne schwindelhafte Einleitung reiht sich Schwindel auf Schwindel. Und das Ganze läuft auf eine Hetze gegen die deutschen Juden hinaus, wie sie zvnischer sei.t Pücklers Zeiten nicht getrieben worden ist. Daß deutsche Arbeiter auf solches Machwerk hineinsallen, ist natürlich ausgeschlossen. Interessant wäre nur. festzustellen, wer das — bei den heutigen Papier- und Druck- Preisen nicht unbeträchtliche — Geld für das anonyme Machwerk gespendet hat. * Uns ist freilich das Flugblatt, auf das sich die im vorstehenden abgedruckte Notiz bezieht, nicht zugegangen, so daß wir die einzelnen dort gegen die Juden ausgesprochenen Angriffe nicht registrieren können, aber es ist schmachvoll, daß derartiae Aufrufe, freilich unter dem Deckmantel der Anonhmität. sich hervorwagen dürfen, und wir halten es für unsere Pflicht, darauf hinzuweisen. * Etwas erfreulicher klingt eine Aeuberung der „Staatsbüraer-Zeitung". In einem Artikel „Begriffe, die auch ins Rutschen kommen" (14. April d. I.) gebraucht Rudolf Lebius am Schlüsse folaende Sätze: Aus dem Bekenntnis zur Einverleibunasvolitik folgt aber auch, daß man die Verpflichtung des Deutschen Reiches, zu aernmnisieren, anerkennt. Ein-verleiben und nicht germanisieren wollen, hieß den völkischen Wirrwarr des Habsburger reiches als Ideal anbeten. Wir müssen wie die Amerikaner assimilieren durch Demokratisieren. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums" meinte letzthin, die Deutschvölkischen verlangten die Auswanderung der Juden. Wir können uns das nicht denken. Wir würden die Auswanderung der Juden aus Deutschland für ein Unglück halten. Ein solches Judengesetz würde wie das unselige Sozialistengesetz — auch ein Schnitzer Bismarcks — wirken. Das Sozialistengesetz machte die Sozialdemokraten zu Märtvrern und entwöhnte das Bürgertum dem politischen Kampfe. So würde die Auswanderung der Juden uns dem täglichen Kampfe um nationale Selbstbehauptung entwöhnen. Setzen sich die Juden im bürgerlichen Leben durch, so werden es die Deutschen doch wohl auch vermögen. Außerdenr können wir von den Juden aus kaufmännischem Gebiete noch mancherlei lernen. Gewiß kann inan eine solche Erklärung mM judensneunblich nennen, aber man nimmt gern Akt von der Versicherung, daß die Deutschen von den Juden mancherlei lernen könnten, vor allen Dingen aber von der 'bestimmten Versicherung, daß die genannte Zeitung, und ebenso die von ihr vertreten^ Partei eine Auswanderung der Juden aus Deutschland für ein Unglück halten würden. . Recht wenig angenehm dagegen berührt folgende Mw teilung, die wir der „B. Z. am Mttag" vom 17. April ewnehmen: A n t i se m i t i sche A g i t a t i >o n v o n d e r Ka n z e l. In der gestrigen Stadtverordnetensitzung in Frankfurt a. M. brachte ein fortschrittlicher Stadtverordneter den Fall Kübel zur Sprache. Pfarrer Kübel hat in einer Silvesterpredigt die Aeuße rungen eines österreichischen Erzbischofs wiedergegeben, die besagte, die Weinberge würden bespritzt, damit die jüdischen Wucherer mehr Geld verdienen. Der Stadtverordnete stellte fest, daß Pfarrer K. die Kanzel zu antisemitischer Agitation mißbraucht habe. Derselbe Vorwurf sei dem Konsistorium zu machen, das in einem Schreiben die Aeußerungen Kübels für gerechtfertigt gehalten. Sämtliche Vertreter de^- ndninen Parteien, die zu Worte kamen, mißbilligten das Verhalten Kübels. Stadtrat Meckbach, ein Mitglied des Konsistoriums, suchte das Schreiben des Konsistoriums zu rechtfertigen Oberbürgermeister Voiat betonte, daß der Magistrat sich noch mit der Angelegenheit beschäftigen werde. Es sei anzunehmen, daß er dem Konsistorium seine Bedenken über die Behandlung der Angeleaenheit ausdrücke. Frankfurt war bishereine der Städte, aus denen man selten etwas vom antisemitischen Treiben hörte. Es ist zu hoffen, daß der Magistrat dieser Stadt, der im großen und ganzen der freisinnigen Richtung angehört, Ernst mache und der Verhetzung von der Kanzel Einhalt gebiete. * Das Resultat der mit dem 18. April abaeschlostenen Z eichmtnoen 3 u r 8. Krieg s anleibe ist über alle Erwar tungen glänzend. Es sind 14,550 Milliarden zusammengekommen. anderthalb Milliarden mehr als in der bisher m-- folareichsten sechsten, beinahe viermal so viel, als durch die ersi>' geliefert wurde. Das ist ein mit Heller Freude zu begrüßendes Ereignis, ein wunderbarer Sieg im Innern, ein geradem niederschmetterndes Faktum für unsere Geaner. Denn dies'' die Deutschland am Ende seiner Kraft und Leistungsfähigkeit wäbnten. müßten, wenn ein Funke von Wahrheitsliebe, irgendeine Fähigkeit richtiger Einsicht vorhanden wäre, begreifen, wie ungeeignet sie sind. Deutschlands Hilssauellen einzuschätzen. Es ist aber auch ein großartiger Triumph für unser Volk, für unsere Reichen, für die Städte, kommunalen Verbände. Sparkassen und industriellen Gesellschaften. Schulen und für die unzähligen kleinen Zeichner und Sparer. Sie alle haben m diesem staunenswerten Resultate beigetragen, sie alle haben sich ihrer nationalen Pflicht voll und ganz erinnert und mit einmütigem Siegeswillen die Mittel bereitgestellt, um das ungeheure Ringen zum erfolgreichen Ende zu führen. Noch kann man freilich von einem solchen Ende in keiner Weise sprechen: nirgends zeigt sich bei unseren Gegnern eine Friedensaenewheit. vielmehr scheint ihr Vertrauen auf ihren Triumph fett gegründet. Auch unsere frohe Hoffnung auf einen dauernden und fortschreitenden Frühling ist wiederum aetrübt. Nach herrlichen, sonnenwarmen Wochen, die uns ein erguickendes Grün und entzückende Zauberpracht der Blüten gebracht haben, ist. wie ja leider im April immer zu befürchten steht, wiederum wahrhaft winterliche Kälte eingekehrt, die nach den Mitteilungen der Wetterstation mindestens einige Tage anbalteu soll. Wir wollen hoffen, daß dieser Wetterumschlag nicht in lange dauert und die schöne Erwartung auf einen segenspendenden Lenz nur aufhält, nicht zerstört. Schon, manchmal