Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1918)
- Date
- 1918-04-26
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 keineswegs einer misstonavartigen Proselytenmacherei das Wort reden; aber er denkt an eine von selber durch eine edle praktische und wiffenschaftliche Lebensbetätigung sich verwirklichende Durchsetzung mit den aus dem ewig sprudelnden Wahrheitsquesi fließenden lauteren jüdischen Glaubensvorstellungen. Solche Wirkung vermag nur vermittelt zu werden durch den lebendigen Kontakt mit den Völkern, wie er allein durch die Diaspora hergestellt ist. Eine in einem immerhin von der großen-Welt abgelegenen Ländchen zusammengedrängte, kompakte Masse, selbst-wenn wir sie uns aus lauter geistig und sittlich vollkommenen Individuen bestehend denken, vermöchte dergleichen nicht zustande zu bringen, wie ja in der Tat erst mit der Diaspora (vgl. Septuaginta und Philo) allererst die Wirksamkeit des Judentums in der Ferne begann. Nun kommt aber noch — und damit kommen wir zum Schlüsse wieder zu unserer K r i e g s Meditation zurück — ein sehr wichtiges Moment hinzu. Zeigt uns nicht dieser Völkerkrieg; welcher Verniichtungsgefahr die kleinen, ob auch national noch so «zusammenhängenden staatlichen Gebilde ausgesetzt find, wie die Völkerriesen mit eisernen Hufen zerstampfend über die Zwergvölker dahinschreiten, ganz wie es einst die Assyrer und Babylonier und Römer gemacht haben? Gerade England, das sich gegenwärtig als ein Hort eines zu erneuernden jüdischen Staates gebärdet, veranschaulicht ja am deutlichsten, wie grausam der Egoismus solches Weltreiches mit den kleinen, ihm im Wege stehenden Volksexistenzen verfahren kann, wie er jede selbständige nationale Kultur bei ihnen gewaltsam niedevhält und im Grunde überall nur englische Kultur und Politik duldet und fördert. -Ganz so würde England mit dem jüdischen Volkstum verfahren, wenn es ihm fein Staatsvorteil zu gebieten schiene. Renan hat schon recht, wenn er in seiner „Geschichte des Völkes Israel" mit einem gewissen Neide davon spricht, daß Israel verschieden von allen anderen Völkern durch seine Zerstreuung über die ganze Erde vor Vernichtung geschützt und — wie wir hinzufügen wollen — in der Ausübung seiner spezifisch-religiösen Sendung gesichert sei. Diese Lehre, die uns der Weltkrieg des weiteren im speziellen Hinblick auf das Judentum nahelegt, scheint in der Tat nicht minder als jene allgemein religiöse der Beachtung wert zu sein. Nur als jüdischreligiöses, nicht als jüdisch-politisches Volk wird Israel bis in unabsehbare Zeiten zum Heile der Menschheit bestehen und wirken. Ne Woche. Berlin, den 23. April 1918. ie großen Erfolge in den erbitterten Kämpfen gegen England, die man allgemein als Entscheidungskämpfe bezeichnet, dauern an: Höhe auf Höhe wird erstürmt, ausgebaute Stellungen der Feinde, eine nach der anderen, eingenommen und zerstört, kleine befestigte Städte, bisher die Stützpunkte der feindlichen Macht, werden genommen. So wird die Hoffnung immer größer, daß dieser stärkste und iaheste unserer Feinde in nicht allzu langer Zeit niedergezwungen werde. Frankreich oder seine Machthaber haben lange ausgehört, in Prahlender oder lächerlicher Weise ihre Zuiricdenheit über die Entwicklung der Kriegsereignisse kundrugeben. Italien zittert in spannender Erwartung eines "wen Angriffs und angesichts der großen dort herrschenden ->-ot, die sich immer verzweifelter geltend macht — das sind ''lies gute Anzeichenfür eine günstige Wendung. Auch ein anderes Moment können wir als ein günstiges "»sprechen. Trotz der Erfolglosigkeit der e n g l i s ch - französischen Gegenangriffe, die alle mit blutigen Veristen des Feindes geendet und nicht vermocht haben, auch nur ein Stück breit des von unseren Truppen erworbenen Ländergewinns uns zu nehmen, macht sich -in den Reden des Generalissimus Foch erne ungemein starke Zuversicht geltend; ebenso werden die Angaben des deutschen Staatssekretärs v. Capelle über die ungeheueren Schiffsvevluste Englands von englischen Staatsmännern durch nichtssagende Erklärungen zu dementieren gesucht. Trotz des lauten Geredes und trotz des hohen Tones solcher Erklärungen sehen wir gerade in solchen Aeuerßungen nur Anzeichen der Ohnmacht unserer Gegner, nur Versuche, ihre Völker zu beschwichtigen und zum Ausharren in ihrem vergeblichen Widerstande zu ermutigen. Nicht minder erfreulich darf man den Umstand gelten lassen, daß der russische Staatskommissar Joffe in Berlin eingetrossen ist, ebenso ein deutscher Geschäftsträger in Moskau. Man darf aus diesen beiden Tatsachen den Anfang geordneter Verhältnisse und den Beginn friedlicher Beziehungen zwischen den ehemals feindlichen Staaten Rußland und Deutschland entnehmen. Auch das ist zu erwähnen und freudig zu begrüßen, daß der Widerstand der Roten Garde - in Finnland durch das Eingreifen deutscher Truppen gebrochen zu sein scheint, und ferner, daß Rußland sich nun entschlossen hat, mit der Ukraine in Friedensverhandlungen einzutreten, so daß auch in dem Verhältnis dieser einst zusammengehörenden Teile des großen russischen Reiches, die nun als gesonderte Staatsgebilde nebeneinander zu bestehen haben, in absehbarer Zeit geordnete und friedliche Verhältnisse eintreten werden. Ein wirklicher Friede zwischen Rumänien und den Mittelmächten ist bisher allerdings noch nicht zum Abschluß gelangt, doch liegt die Verzögerung wohl teils an den Schwierigkeiten der Verhandlung, teils an dem Umstande, daß die Staatsmänner der Mittelmächte durch die Verhältnisse in den eigenen Ländern vielfach genötigt sind, den Schauplatz der Friedensverhandlungen zu verlassen. Der Vollständigkeit wegen mag erwähnt werden, daß der Leiter der auswärtigen österreichischen Politik Graf Czernin wegen des mehrfach - erwähnten Briefes des Kaisers Karl seine Entlassung erbeten und erhalten hat. An seine Stelle ist der schon vielfach bewährte Staatsmann Burian getreten. Sein Aufstieg zur Macht bedeutet nur einen Personen-, aber keinen Systemwechsel, und man darf nicht den geringsten Zweifel hegen, daß auch unter seiner Leitung die Bundestreue des großen östlichen Kaiserreiches aufrechterhalten und das feste Zusammengehen Oesterreich-Ungarns mit Deutschland bis zur Erringung des endgültigen Sieges gewahrt bleiben wird. * lieber jüdische Verhältnisse im Ausland ist aus den Mitteilungen deS Jüdischen Pressebureaus in Stockholm folgendes mitzut-eilen: Ukrainer und Inden in O e st e r r c i ch. Dem Jüdischen Presseburean in Stockholm wird aus Wien berichtet: Am 25. März fand in Lemberg eine Konferenz von Vertrauensmännern aller ukrainischen Parteien in Galizien statt. Die Konferenz stellte unter anderem die Forderung der Umwandlung' Ostgaliziens und des ukrainischen Teiles der Bukowina in einen ukrainischen Staats-vrgamsmus ini Rahmen Oesterreichs auf. Sie erklärte dabei, den Polen, Juden und anderen nationalen Minderheiten die volle Sicherung der nationalen Autonomie und politischen Gleichberechtigung zuznerkennen. Mit diesem Beschluß haben die österreichischen Ukrainer, zweifellos unter dem Einfluß der von der Ukrainischen Republik inaugurierten Nationalitätenpolitik, in der Jndensvage wieder den Weg zurückgefnndeir, den sie nach 1905 eingeschlagen, später aber bedauerlicherweise verlassen hatten. J-m Jahre 1905 ivar es der