Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1918)
- Date
- 1918-04-26
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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194 konnte auf sie einen Zwang ausüben, niemand! sie zur Rechenschaft ziehen, wenn sie nach wie vor bei ihrem Jndifferentismus beharrten, Es ist dann zweifellos die durch die Wucht der weltgeschichtlichen Vorgänge bewirkte Einsicht in eine göttliche Gerechtigkeit, die die Menschheit wegen ihrer früheren Verfehlungen zurechtweift und zur Einkehr nrahnt — wie es auch der Deutsche Kaiser in seiner jüngst in Homburg gehaltenen Rede so ergreifend wahr aussprach —, solche Einsicht führt viele vorher unfromm Gesinnte zur Religion zurück und damit zu derjenigen wohltuenden Beruhigung, die dem religiösen Menschen stets, auch in regelmäßig verlausenden Zeiten, gegenüber so manchen Anfechtungen zu heiterer Resignation verhilft. Er spricht mit dem Psälmisten: „Ich kenne meine Vergehen, und meine Sünden sind mir nicht verborgen", und er nimmt alles gelassen, ja befriedigt hin als einen Ausgleich, als eine Wiedevebnung früher verschuldeter Krümmungen, als eine Herstellung seiner Lebenshavmonlie. Die Leiden wirken nicht nur bessernd, sondern fast beseligend aus sein Gemüt, er betrachtet sie mit dem Talmud als „Leiden der Liebe". „Er freut sich seiner Heimsuchungen", wie der Talmud ferner von jenen erlesenen Frommen sagt, die da sind „wie die Sonne, wenn sie aufgeht in ihrer Kraft". Sicherlich dürfen wir auch das gegenwärtig bei der Menge wahvgenommene neu erwachte religiöse Interesse analogisch deuten und es als einen Tatbestand von unverächtlichem Werte vermerken. Was nun speziell das Judentum betrifft, so möchte sich uns zunächst im Gegensatz zu der in allgemein religiöser Hinsicht erfreulichen Wahrnehmung subjektiver Art, wie wir sie eben besprochen haben, eine solche objektiver Art aufdrängen, die sehr deprimierend wirken muß. Der Antisemitismus, der schon einigermaßen erschlafft zu sein schien, trat anläßlich des Krieges aufs neue und wilder denn je mit seinen bekannten mittelalterlichen Ansprüchen hervor. Die Tatsache, daß Tausende und aber Tausende von Juden fürs Vaterland treu kämpfen und sterben, daß Tausende und aber Tausende von Juden auch der auszeichnenden Anerkennung seitens der berufenen Stellen teilhaft geworden und fort und fort teilhaft werden, sie rührt die Judenfeinde nicht, sie wirkt vielmehr aus sie wie Oel aufs Feuer. Sie schmähen und verleumden noch leidenschaftlicher denn vordem und mit wachsender Gehässigkeit Juden und Judentum. Diese ethisch tief betrübende Wahrnehmung wird jedoch durch eine ethisch wahrhaft erhebende paralysiert. Wie hell erstrahlt nämlich solcher Niedrigkeit gegenüber der unerschütterte Patriotismus der Juden! Es gibt sicherlich — trotz allen jenen widerwärtigen Eindrücken — keinen Juden, der nicht aufs allerinnigste an den Leiden und Freuden des Vaterlandes teilnähme, dessen Herz nicht freudig erzitterte, nicht ausjubelte bei jeder neuen Kunde von Siegen, sei es der vaterländischen Heere, sei es der -vaterländischen Staatskunst, keinen, dessen Unwille nicht aufflammte beim Lesen der lügenhaften, dreisten Kundgebungen der feindlichen Staatsmänner. Ich möchte das kühn selbst von jenen jugendlichen Adepten des neu aufgekommenen jüdisch-politischen Nationalismus behaupten. Ihre eigenen fraglos gut und echt patriotischen Regungen zeugen Wider sie, ihr eigener unausrottbar patriotischer Affekt belehrt sie eines Besseren und beglaubigt eindringlich, was das besonnene Alter eines Sigmund Mayer — in dessen neuestem prächtigen Buche „Die Wiener Indens" — aus reichsten Lebenserfahrungen heraus darlegt, indem er auf das gefährliche nicht nur — weil, wie schon der weise Deal sagte, ein s e l b st preisgegebenes Recht für immer eingebüßt wird —, sondern auch auf das ungeschichtliche, die Aussagen der h R. Löwit Verlag. Wien-Berlin 1917. ■; Geschichte ignorierende Verhalten jener jüdisch-politischen Natiouälisten hinweist. Gerade die eben in Rußland, von dessen Judenelend ja die ganze Bewegung erst den eigentliches-Impuls empfing, sich vollziehende Metamorphose zeigt es ja aufs Karste, wie ganz derselbe Befreiungsprozeß, der im Westen nach den langen, unsäglich traurigen, pvgromveichen Verfolgungen erst am Ende des 18. Jahrhunderts begönnert und schließlich zur Gleichberechtigung geführt hat, sich ebetz auch im ehemaligen Zarenreiche zu vollziehen im Begriffe ist. Man lese die Geschichte der Juden im mittelalterlichen Deutschland und Frankreich und England, und man wird finden, daß deren Lage ganz unvergleichlich schlimmer war als unter den slawischen Völkern, und hier mittelalterlich-westländische Zustände eigentlich erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts — infolge der Chmelnickischen Erhebung ■— begannen, dann nach längerer Pause im letzten Jahrhundert wieder .eintraten, nun aber auch von hier dank dem unaufhaltsamen Gange der Gerechtigkeit zu weichen und lichteren Verhältnissen Platz zu machen beginnen. Nun haben sich die jüdischen Nationalisten allerdings in ein ganz anderes Ideal, als wie es ein Leben bürgerlicher Gleichberechtigung unter den Nationen der Erde darstellt, hineiygeträumt: Wiederherstellung des alten jüdischen Staates in Palästina. Der Kern des jüdischen Volkes soll sich hier wieder sammeln, festsetzen und der Ausgangspunkt einer neuen national-jüdischen Kultur werden. Wir enthalten uns aller Skepsis darüber, ob die erforderlichen materiellen Grundlagen zur Verwirklichung solches Problems als möglich angesehen werden können. Wir setzen sie als möglich, ja als gegeben voraus, aber fragen, ob jene neu einzusetzende, selbständige nationaljüdische Kultur als eine weltliche gedacht ist. Wenn ja, dann möchte es uns doch als sehr zweifelhaft erscheinen, ob solche weltliche Kultur als eine wahrhaft selbständige, d. h, originelle, die es zu betreiben lohnte, sich erweisen würde. Die Juden haben auch im Altertum, als sie in voller Urwüchsigkeit in die Geschichte eintraten, an weltlicher Kultur kaum etwas Originelles geleistet; wohl aber haben sie in der Diaspora in Anlehnung an die weltlichen Kulturen der verschiedensten Völker, wo sie nur irgend zur Mitarbeit zugelassen wurden, also namentlich in der Neuzeit, eine hervorragend fruchtbare Wirksamkeit -entfaltet. Originell waren die Juden, einzig in ihrer Art und wunderbar schöpferisch, lediglich auf dem Gebiete der Religion. Und zwar haben sie da bereit? mit ihrem Prophetentum das Höchstmögliche hervorgebracht. Sie haben mit ihrem ethischen Monotheismus den Kulm erstiegen, über den eS nichts mehr Höheres gibt. Es braucht und vermag auch in Wahrheit nichts Neues mehr auf diesem Gebiete geschaffen zu werden: aber das Alte, dem die Völker durch das Medium des Christentums und des Islams sich zwar bereits erheblich genähert, das sie aber lange noch nicht erreicht haben, jenes vollendete, unübertreffliche prophetische Erbteil in der Mitte der Nationen zu vertreten, es ihnen beharrlich vorzuleben und namentlich auch literarisch in fortwährender freimütiger Auseinandersetzung mit den außerjüdischen Religio n Sa nsch a uu ngen zu immer klarerer Erkenntnis zu bringen wie dies auch in den Blüteepochen des mittelalterlich-jüdischen Schrifttums der Fall war —man denke nur an die mächtigen läuternden Anregungen und Beeinflussungen, die von Ma imonides ausgegangen sind —, das ist offenbar der noch fortdauernde Beruf Israels in der Welt. Dazu aber scheint die Diaspora unausweichlich nötig zu sein, was offenbar auch der Talmud gefühlt hat, wenn er meint: „Gott habe Israel überall hin zerstreut, damit sich ihm überall Proselyten anschließen." Er will damit, wie aus manchen anderen seiner Aeußerungen evident hervorgeht,