Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1918)
- Date
- 1918-04-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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8!, Jahrgang. Nr. 17 Berlin, 26. April 1918 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Allaemeine w Vegründet oon Rabbiner Dr. Ludwig PHMppfon Unter Leitung des Geheimen Regiernngsrats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag; NuNolk Masse, verlln» Jerusalemer Strasse 4S-4S Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch-. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 XXI — Postscheckkonto 32*. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentmns", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6 *9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Eine schlichte Kriegsmedrtation in allgemein religiöser nnd spezifisch-jüdischer Richtung. Von Dr. M. St e ekel mach er (Mannheim). — Die Woche. — Die Begründung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Von Hermann Cohen. — Die Hebräische und Jüdische Bücherei in der Frankfurter Stadtbibliothek. L. M. — Eine deutsche Tondichterin. Von Neßler-Cohn. — Bericht der Hauptstelle für Berufsberatung der Juden. — Feuilleton: Die Flucht aus Jerusalem. Von Jakob Fingermann. — Literarische Mitteilungen.— Büchereinlauf. Dev Gemeindedote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Magdeburg, Frankfurt a. M., Aus Baden, Wien, London. — Von Nah und Fern. - Line schlichte Lriegsmeditstimr in allgemein religiöser und lpesiMchjüditcher Sichtung. Von Dr. M. Stecke! macher (Mannheim). möcfyt der Krieg die Menschen von der Religion abwendig oder führt er sie wieder in ihre Arme, nachdem sie in den langen Friedensjahren sich ihnen entrungen hatten? Diese Frage von allgemein religiöser Wichtigkeit drängt sich uns wohl zunächst auf und möchte nach flüchtiger Besinnung dahin beantwortet werden, daß teils das eine, teils das andere zutrifft. Wie kann geglaubt werden, daß es einen Gott gebe, wenn solch furchtbare Begebenheiten, wie sie in diesen: Weltkriege geschehen, sich ereignen dürfen? So kann man die einen fragen hören, und diese scheinen also zu denen zu gehören, welche der Krieg von der Religion abführt. Scheinen: denn soweit ich von persönlichen Erfahrungen im Verkehr sowohl mit Juden als auch mit Christen reden kann — und gewiß haben auch andere die gleichen Erfahrungen gemacht —, ergab sich mir, daß die also Fragenden tatsächlich schon früher atheistischen oder, wie man heute mit Vorliebe sagt, monistischen Ueberzeugungen huldigten, schon früher weder die Synagoge noch die Kirche frequentierten. Der Krieg dient ihnen offenbar nur als wohlfeiles argumentum all bömmvm, als ein weiteres, besonders blendendes Beweismittel für die Richtigkeit ihrer schon immer gehegten und betätigten Irreligiosität, wie von diesen Kreisen ja immer, wann irgendeine besondere Kalamität die Welt in Schrecken setzt, wie z. B. seinerzeit das verheerende Erdbeben aus der Insel Martinique, sogleich triumphierend ausgerufen wird: Da habt ihr's, wie könnt ihr nur an einen Gott, einen allgütigem allgerechten, allweffen Gott glauben, der viele tausende Unschuldiger umkommen läßt! Die Oberflächlichkeit in solchen Hinweisen erhellt aber schon aus ihrer Unnötig! eit. Wenn Leiden und trauervolle Schicksale Unglauben-begründen: ist nicht auch schon das alltägliche Menschenleben unzähligen Widrigkeiten unterworfen? Schon der Tod, der häufig unzeitig in die glücklichsten Sphären hereinbrichi und edelste Hoffnungen zerstört. und was noch quälender ist, die Not, nicht nur die materielle, sondern vor allem die seelische, verursacht durch Intrigen und Perfidien, durch Neid, Mißgunst und Charakterlosigkeiten allerlei Art, denen gegenüber es zu leben und sich zu behaupten gilt — schon dieser ewige Kampf, der besonders bei den feineren Seelen eine ewige Unzufriedenheit erzeugen muß, liefert ja, wenn allein Eudämonie eine Grundbedingung für religiöse Denkweisen bildet, die schreiendsten Belege für deren Gegenteil. Und da zeigt sich noch ein weit bedenklicherer Fehler in ienen Hinweisen, nämlich ein Widerspruch, Unlogik. Man kann es verstehen, wenn die gemeiniglich dein Anthrov o z e n tr ali s m u s zuneigenden Vertreter einer religiösen Weltanschauung — nach Art eines Hiob oder Koheleth oder Zeremia — angesichts immer wiederkehrender bitterer Enttäuschungen zeitweilig wenigstens an ihrer Gottesvorstellung irre werden. Der Mensch ist ja nach dem herrschenden religiösen Bewußtsein der ganz besonders bevorzugte Gegenstand göttlicher Fürsorge nnd erscheint doch oft so vernachlässigt, so arm und unglückselig! Aber siehe da. gerade jene Freigeister, die allen Anthropozentralismus mit Hohn ablehnen, leiten gleichwohl ans dem Elend, das dem Menschengeschlechte ans Ereignissen wie diesem Weltkriege erwächst, die Gewißbeit her, daß es keinen Gott gibt, geben kann, weil sonst solches Elend die Menschen nicht heimsnchen dürfte. Der Mensch ist doch aber nach ihnen nichts weniger als Mittelpunkt der Welt, er ist doch nur ein versckwindendes Stäubchen in ihr. und da überdies der Theismus überhaupt, selbst nack einem Maimonides (vgl. More 18 n. 25). keineswegs sick mit Anthropozentralismns decken muß, keineswegs mit diesem siebt und fällt, ist es nicht denkbar, ja durchaus naheliegend, daß die Gottheit für ihre erhabenen, das aewaltige Universum umsvannenden Zwecke zum Heile des Ganzen das im Augenblick braucht, was jenem verschwindenden Stäubchen ein so großes Unglück deucht? Erkennen wir nun besonders von hier aus das Scknvächliche einer Denkungsart, die sich eben zu solch erhabener Idee nicht emporzuschwingen vermag, so gewahren wir dagegen solches Vermögen bei demienigen — so gern für naiv gehaltenen — Teile der Zeitgenossen, der. obgleich gemeiniglich in der hergebrachten anthropozentrischen Ansicht befangen, dock mir Demut dessen inne wird, daß ein bockerbabener Lenker hinter dem gewaltigen Weltgeschehen steht. Dieses Jnnewcrden mag teilweise nur wenig deutlich sein; aber kein Grund liegt für die Annahme vor, daß das vielfach in gesteigertem Maße zutage getretene religiöse Empfinden etwa nur auf Schein nnd Täuschung, beruhe. Vielmehr spricht alles dafür, daß wir es hier mit wahrhaftigen seelischen Wandlungen zu tun haben. Was für äußerliche Rücksicht sollte denn diese veränderte seelische Haltung bei denen, die ehemals sich beharrlich vom Gotteshanse serngehalten haben und nun sich ihm zuwenden, veranlaßt haben? Niemand