Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-19 · Heft 16 (19.4.1918) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 16 (19.4.1918)
Date
1918-04-19
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229355--73946-3286416
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

82. Jahrgang Nr. 16 Berlin, 19. April 1918 Der GemeindeLote. Vtilagt zur „Allgemeinen Leitung dr- Judentum-". korrrlpondmrrn und Kachrichtm. Seutschlsnd. Berlin, 16.April. Der Deutsch-Israelitische Gern ei ndeb und sendet uns mit der Bitte um Veröffentlichung nachstehenden Aufruf: Stadtkinder aufs Land! In diesen Tagen bat der Berliner Verein, der obigen Namen trägt, in den politischen Blättern einen Notschrei veröffentlicht, der die Schwierigkeiten schildert, die sich in diesem Jahre der Erfüllung der sozial und Patriotisch gleich w ichti gen Aufgabe entgegen türmen, die e r sich, von den höchsten Staatsbehörden autorisiert, gestellt hat. Kann es uns wu übernehmen, daß der Deutsch - Israelitische Gemeindebund, der die gleiche Aufgabe für die indischen Kinder übernommen hat und in inniger Arbeitsgemeinschaff mit der neu gegründeten ,.Zentralw oblsahrissteile der deutschen Inden" und der „Kriegshilfskommisston der Jüdischen Gemeinde Berlin" zu lösen sich bestrebt. trotz Mitwirkung aller entsprechenden Instanzen bisher einen Familienlandaufenthalt für zahlreiche Kinder aus Großaemeinden und den Industriebezirken nicht ermitteln konnte? Lebt doch ein viel größerer Prozentsaß unserer Glaubensgenossen in der Großstadt unter den ungünstigsten gesundheitlichen Verhältnissen für die Heranwachsende Jugend und fehlt uns doch anderseits fast vollständig eine Landbevölkerung, die als Selbstversorger am besten besähigt ist, in den fetzigen Zeiten Kinder bei sich aufzunehmen und ihnen alle diejenigen Segnungen zuteil werden zu lassen, die eine zureichende Verpflegung, der'Aufenthalt in frischer Luft und die innige Berührung, mit der Natur für die körperliche und seelische Entwicklung des Heranwachsenden Menschen bedeuten. Allein aus Hamburg, Leipzig und den Industriegebieten sind mehrere hundert Kinder angemeldet, für die aufnahmebereite Familien bisher nicht haben gefunden werden können. Es wäre müßig, noch weitere Gründe anzuführen, die in unserer Gemeinschaft die Schwierigkeiten der Ausgabe vermehren. Eine Lösung m n ß gefunden wer den. Deshalb ergeht an alle Freunde der Heranwachsenden Jugend, insbesondere an die Herren Rabbiner, Lehrer und Kantoren in kleinen Gemeinden, der Aufruf, zu ihrem Teil beizutragen, daß die Generation, auf der unsere Zukunftshoffnung ruht, in diesen schweren Zeiten nicht unersetzlichen Schaden an Leib und Seele erleidet, indem sie ihren Einfluß auf alle in Betracht kommenden Familien ausüben, dendankenswerten Versuch mit der Ausnahme der Kinder aus Großstadt oder Jndu.striebezirk zu machen. A l l e I s r a e l i t e n st e h e n gegenseitig füreinander ein. Es gilt die körperliche und seelische Ertüchtigung der Heranwachsenden Bekenner des Judentums. Darum geben wir uns der Hoffnung hin, daß dieser dringende Appell an die Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen ein offenes Ohr findet und daß wir bald in. den Stand gesetzt werden, die an uns ergangenen Wünsche vollauf befriedigen zu können. Zu -allen gewünschten näheren Auskünften -ist das Bureaudes Deutsch-JsraeliLischen Gemeindebundes, Berlin W 36, Steglitzer Straße 9, bereit. 2£5 Lettin, 16. April. Die Gesellschaft zur Förderung derWissenschastdesJudentums versendet ihren 16. Jahresbericht. Aus diesem ist besonders eine Tatsache hervorzüheben: sie hat, mitten in den Kriegswirren, im letzten Jahre die beiden ersten Bände ihrer großen wissenschaftlichen Unternehmungen herausgegeben, nämlich den Sisre, eines .derjenigen Schriftwerke, welche der ältesten nachbiblischen- Periode angehören, sowie den ersten Halbb-anid der Germania Judaica. Die Germania Judaica hat die Aufgabe, alle Landschaften und Orte des Deutschen Reiches, in welchen von den ältesten Zeiten bis zu den Wiener Verträgen jüdische Ansiedlungen bestanden oder hervorragende Juden gelebt haben, zu verzeichnen und -deren Geschichte und. Leistungen auf Grund der Quellen in gemeinverständlicher Sprache und einer auch den Nichtfachmann fesselnden Form -darzustellen. Der Plan zu diesem Werke, zu dessen Bearbeitung die Gesellschaft die hervorragendsten Forscher auf dem Gebiete der Geschichte der deutschen Inden h-eranzog, wurde unmittelbar nach der Begründung der Gesellschaft gefaßt. Die ersten Probeartikel erschienen 1909 in der „Monatsschrift für Geschichte undWissenschaft des Judentums" und fanden den ungeteilten Verfall sowohl der Fachgelehrten als auch des wissenschaftlich interessierten Publikums. Gelegentlich der glanzvollen Tagung der Gesellschaft zu Frankftrrt a. M., die dem Ausbruch des Weltkrieges fast unmittelbar voranging, konnten die Herausgeber bereits eine größere Anzahl von Druckbogen vorlegen. Dann brach der Krieg aus und der Druck des Werkes geriet ins Stocken. Um so größer ist die Genugtmmg des Vorstandes der Gesellschaft, daß er im Jahre 1917 dennoch den ersten HaNband der Germania Judaica der Oeffentlichkeit übergeben konnte. Er ist -dem Andenken Martin Philipp so ns gewidmet, des verdienten ersten Vorsitzenden der Gesellschaft, «der sie seit ihrer Begründung bis zu seinen: Tode geleitet und insbesondere sich um das Werk, das nun sein Andenken ehrt, verdient gemacht hat. Auch in anderer Meise noch ist sein Name mit der Gesellschaft dauernd verknüpft worden. Die Gesellschaft selbst hat ihn in ihrer M.itgliederversammlnng am 27. Dezember 1916 zum immerwährenden Ehrenmitglied ernannt, und seine Gattin hat zu seinen Ehren der Gesellschaft einen Betrag überwiesen, mit der sie eine Martin-Philippson-Stiftung begründet hat. Eine weitere Stiftung begründete 'bei der Gesellschaft Herr L. Bloch (Breslau) zu Ehren seines verstorbenen Vaters: die David-Bloch- Stiftung zur Förderung der wissenscha-ftlichen Talnmdsorschung, so daß die Gesellschaft nrit Ende des Berichtsjahres vier besondere Stiftungen ihr eigen nannte. Zu diesen tritt die L u d w i g - P h i l i p P - son-Gedächtnisstiftung, die unter der Verwaltung der Gesellschaft steht, welche alljährlich ihre Zinsen jüdischen Lehrern und Jugendvereinen zur Anschaffung guter, gediegener Werke über Juden und Judentum zur Verfügung stellt. Die Mitgliederzahl der Gesellschaft hat zwar einen geringen Verlust aufzuweisen, doch steht diesem ein Gewinn an immerwährenden- Mitgliedern gegenüber, der im neuen Geschäftsjahre infolge der Wiederaufnahme der Werbetätigkeit noch wachsen wird. Für alles Weitere sei auf den Bericht selber verwiesen, der von Herrn Syndikus Dr. Nathan, Hamburg, Werder Straße 30, kostenlos zu beziehen ist. E. M. Berlin, 16. April. Seit dem Jahre 1911 veranstaltet der Vorstand der Jüdischen Gemeinde während der Sephira-Zeit allabendliche Lehrvorträge, die vor Beginn des ^lbendaottesdienstes stattfinden. Bis zum Vorjahre blieben diese Vorträge, die auf eine Anregung des verstorbenen Rabbiners Dr. Eschelbach er zurückzuführen sind, auf die Alte S v n a go g e in der Heidereuteraasse beschränkt. 1917 wurden die Vorträge auch auf die neu «erworbene Synagoge in der Pe st alo z zi st r a ß e ausgedehnt, in diesem Jahre werdenauch in der Synagoge Kottbuser Ufer während der Sephira-Zeit Lehrvorträge abgehalten.. Mit der Haltung von Lehrvorträgen sind beauftragt worden die Herren Rabbiner Dr. Loewentbal, Dr. Vetuchowski, Dr. L i ebe rm ct n n . mb Dr. Bleichrode. Rabbiner Dr. Loewenthal behandelt die Sprüche der Väter. Rabbiner Dr. P e t u ch o w s ki hat Schrifterklärungen als Vortragsthema gewählt, Rabbiner Dr. Lieber m a n n spricht über Gebete und über jüdische Geschichte, wäbrend Herr Rabbiner Dr. Bleichrode -den Siddu r nach Anordnung und> Inb a l t behandelt. Die Vorträge, die sich in den früheren Jahren eines großen Zuspruchs erfreuten, wurden auch im vorigen Jahre von den Gemeindemitgliedern zahlreich besucht.' 2<jj> Berlin, 16. April. In der Reibe der von der In d i s ch e n Re so r m g e m e i n de veransta'lteten Vorträge sprach Herr Prediger Dr. Leb mann am 26. v. M. über das Thema: Die Gr undlagenderjü dischenGern einschaftu nddieRef o r m. Das Zentralheiligtum des Opfertempels kann, wie der Redner ansführte, weder für die Vergangenheit noch für die Zukunft als wesentliche Grundlage gelten. Das Judentum seit zweieinhalb Jahrtausend würde sonst ein Rätsel sein. Dasselbe gilt von einer nationalpolitischen Grundlnae. Eine Kirche hat das Jirdentum nicht und kann es nicht haben. Unbaltbar ist auch die Vorstellung, als ob bestimmte rituelle Formen diese gemeinschaftsbildende Kraft heute noch haben oder überhaupt besessen haben. Den Sabbat als „Atemholen des inneren Menschen" haben die modernen Mrtschaftsverhältnisse unmöglich gemacht. Die Speisegesetze können sich nur behaupten, solange man sie für göttlich oder originial-jüdifch hält. Die hygienische Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.