Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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tiefte sich in ein gelehrtes Talmudgespräch mit Dr. Paul Selig (Kassel), der aus einem jüdischen Saulus ein protestantischer Paulus gewordenwar." (Gemeint ist -natürlich: Selig (später Paulus) Cassel.) Ferner erzählt sie: „In dieser Zeit, 1865 bis 1866, standen die dramatischen Leseabende im Flor. Auch Frau Henrrette Goldschmidt, die Vorkämpferin der Frauenbewegung und Begründerin der ersten „Hochschule für Frauen" in Deutschland, veranstaltete noch bei Lebzeiten «ihres Gatten, des Ra«bbiners Dr. Goldschmidt, in ihrem Hause genußvolle Lesungen, zu denen sie mich zuzog. Der Wiedergabe von Shakespeares „Wintermärchen", bei der ich die „Perdita" las, erinnere ich mich noch voll Entzücken. Von Nichtkünstlern wurde hier Künstlerisches geleistet." Wiederholt erwähnt sie Karl Goldmarcks, des Komponisten der „Königin von Saba", in anerkennendster Weise. Aus dem Jahre 1876 schreibt sie von Anton RMnstein, dessen Oper „Die Makkabäer" gerade in Hamburg über die Bühne geschritten war: „Er erzählte mir, was wir nachmals wiederholt besprachen, daß ihm eine ganze Reihe biblischer alt- und neutestamentarischer Stoffe vorschwebe, die er für eine erst zu schaffende geistliche Bühne gestalten wolle, zu der sich aber das geeignete Volk und Land noch nicht gesunden habe, weil es entweder an religiösen Interessen fehle oder anderseits eine Profanation. befürchtet werde." Von einer Sonntagsrnatinee bei Liszt in Weimar 1878 erzählt sie, daß dort ein südlich aussehender Violinist, Consolo Bey, spielte. In Italien als Sohn eines bedeutenden Gelehrten israelitischer Konfession geboren, von Vieuxtemps ausgebildet, seit früher Jugend in Konstantinopel lebend, wo er die Gunst des Sultans genoß, war er Muselmanngeworden und kam jetzt von Rom, wo er sich hoher Protektion erfreute. Im folgenden Jahre schreibt sie aus Wien: „Die stolze, durch ein hohes Gittertor geheimnisvoll abgeschlossene Villa war in das Eigentum Herrn v. Wertheimsteins, eines begüterten Finanzmannes und echten Gentlemans, übergegangen, dessen Gattin Josefine geborene Gomperz den schönsten, syrnpatischsten und bedeutendsten Frauen Wiens beigezählt ward. Als Freundin Frau v. Wehlis' kam ich bald mit ihr und ihrer kaum minder bevorzugten Tochter Franzi in Berührung und war oft der Gast dieses eine hohe Geisteskultur und edle Geselligkeit Pflegenden Salons." In Gastein lernt sie im Sommer durch Frau v. Wertheimstein die anmutige Witwe Moritz Hartmanns und die noch im Alter schöne Gräfin Maxe Oriolla, eine Tochter Bettina v. Arnims, kennen. Auch den Minister. Josef Unger, der allerdings nicht mehr Jude war, nennt sie mehrfach. Der Sommer 1880 findet sie wieder in Wien. „Gleich am Tage «meiner Ankunft erwartete uns ein Mittagsmahl bei Wertheimsteins in Döbling. Dahin Zog's mich vorzugsweise. Seme geistige Atmosphäre machte dies Haus so überaus angenehm. Immer belvegte sich das Gespräch auf Höhen, me auf der Fläche. Alles Horchen widerstand dem vornehmen Sinn der Hausfrau. Die Reden blitzten, Witze kreuzten sich. Es war' eine Lust, in dem Sprühfeuer Zu sitzen, inmitten der mit fernem Kunstsinn ausgeschmückten Räume, von deren Wanden, Zwischen anderen Meisterwerken, zahlreiche Lenbachs herabblickten; denn der große Porträtift konnte sich in Wiedergabe des schönen Kopfes der Hausfrau nie genug tun-, und ringsum blühten in üppiger Sommerpracht Garten und Park und sandten uns berauschende Düfte zu, As wir uns verlocken ließen, sie draußen in linder Abendluft zwischen Beeten, Büschen und Bäumen. in vollen Zügen einzuatmen." Im September 1881 weilte sie in Tervitet. „In Onchy haben sich Wertheimsteins eingefunden; natürlich tauschen wir öfters Besuche. Mit Frau Wevtheimstem jun., deren Andenken die Wiener dank ihrem königlichen Vermächtnis: dem Wertheim stein-Park, segnen dürfen, segle ich einmal wahrend einer Spazierfahrt der anderen allein ins Blaue hinaus. Ihre feine innerliche Natur zieht mich von jeher an, und gern leiste ich ihr die erbetene Gesellschaft. Den einzigartigen Reiz ihrer Mutter besitzt sie nicht; doch hat sie wie diese etwas Exotisches an sich, auch das Weiche, Lässige, Unentschiedene des Wesens von ihr geerbt. Apart, geist- und talentvoll, von bedeutenden Männern zur Gattin begehrt, gebrach ihr die Kraft des Entschlusses zu einem Ja. So blieb sie, das in Zärtlichkeit umf-orgte und verwöhnte einzige Kind des Hauses-, allein und kam mit allen Anlagen zum Glück nie zum Glücklichsein. Sie mußte nacheinander den Verlust «der ihr in Treue hingegebenen Tante Minna und ihrer geliebten Mutter beweinen und sich schließ- . 182 - lich durch ein langes, schmerzhaftes Leiden die ersehnte Erlösung erringen." Mit hoher Befriedigung, 'legen wir das ausgezeichnete Buch, das die weitgehendste Beachtung und Vevbr«eitimg verdient, aus der Hand und sehen mit begeisterter Spannung dem zweiten Bande entgegen. Breslau. ' Regine Reißer. ■ Charlo tte Birch-Pseisser und Heinrrich L a u b e. Im Briefwechsel. Auf Grund der Originalhands'christen dargestellt von Alexander v. Weilen. Schriften der Gesellschaft für Theatergefchichte, Band 27. . Berlin 1917, Selbstverlag der Gesellschaft für Theatergeschichte. Diese neue Publikation der rührigen Gesellschaft für Theatergeschichte, die auch während des Krieges ihre Tätigkeit ununterbrochen fortsetzt, sei, obgleich ihre wesentliche! Bedeutung auf anderem Felde liegt, auch hier genannt, weil in ihr auch manchmal von Juden die Rede ist. An einer Stelle wird ein Urteil Max Rings erwähnt, häufiger wird auf. Saphirs boshafte, aber das Rechte treffende Beurteilungen Bezug genommen. Jüdische Schauspieler, wie Sonnenthal und Lewinsky, werden manchmal als Berkörperer Birch-Pferfferscher Rollen hervorgehobem Besonders häufig wird Berthold Auerbachs gedacht. Man weiß, welches Herzeleid Auerbach dadurch bereitet wurde, daß die Birch-Pfeiffer seine „Frau Professorin" in „Dorf und Stadt" dramatisierte. Schon wegen dieser Bemerkungen und wegen der lehrreichen Mitteilungen über Auerbachs Urteile über andere Werke dieser fruchtbaren Dramenschreibexitt sind wir berechtigt, auf diese tüchtige Arbeit hinzuweisen. Aber auch andere Künstler jüdischen Ursprungs, wie BogumÄ Davison und Meyerbeer, Schriftsteller und Agenten, z. B. L. A. Frankl und F. Michaelsohn, kommen gelegentlich vor. Auch mag.daraus, hmgewiesen werden, daß Frau. Birch-Pfeiffer, die sich ebenso als Schauspielerin wie als Bühnenschriftstellerin betätigte, in ersterer Beziehung als Daja in Lessings „Nathan dem Weisen." auftrat und auch in einigen Stücken Mosenthals spielte, der sich seinerseits für diese Leistungen dankbar erwies, dadurch, daß er ihr von dem Erfolg seiner Stücke berichtete. Vielleicht lohnt es sich einmal zu untersuchen, ob und wie die genannte Schriftstellerin in ihren dramatischen Arbeiten Judentum und Juden behandelte. L. G. Mchrrrmlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Friedenspflichten des Einzelnen. Sechs. Preisarbeiten der Großloge in Deutschland von Georg I. Plotke, Wilhelm Jerusalem, Immanuel Lewy, Jsmar Elbogen, Max Seber und Max Golde. Friedrich Andreas Perthes, A.-G., Gotha 1918. Wilhelm Ohr zum Gedächtnis. Mit einem Bildnis Wilhelm Ohrs. Verlag Friedrich Andreas Perthes, Ä.-G. Gotha 1918. Kviegspredigten von Dr. Hochseld, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Berlin, Verlag vpn M. Poppelauer. 1918. Das Abenteuer im Geiste. Von Emil Alphons Rheinhardt. S. Fischer Verlag, Berlin. 1917. Der Krieg, die russische Revolution und der Zionismus. Rede von Dr. E. W. Tschelenow, zweitem Vorsitzenden des engeren Aktionskomitees der Ziomftischen Organisation, äusder Delegier,tenkonfereuz der russischen Zionisten in Petrograd am 24. bis 30. Mai (6. bis 12. Juni) 1917. Herausgegeben vom Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation. Kopenhagen, Martins Truelsen, Buchdruckerei. 1917. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden, Berlin , Dorotheenstraße 52. Schriftleitung Dr. Bruno Blau, Berlin. 12. Jahrgang, Juli—Dezember 1916, Heft 7—12. Der Rote Hahn- Leo Tolstoi: Der Fremde und« der Bauer. Berlin- Wilmersdorf. Verlag Die Aktion. Abraham, Isaak und Jakob. Auswahl aus den Sagen der Juden. Herausgegeben von M. I. bin Gorion. Literarische Anstalt Rütteu u. Loening, Frankfurt a. M. 1917. Die ersten Menschen und Tiere. Auswahl aus den Sagen der Juden. Herausgegeben von M. I. bin Gorion. Literarische Anstalt Rütten u. Loening, Frankfurt a. M. 1917.