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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-19 · Heft 16 (19.4.1918) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 16 (19.4.1918)
Date
1918-04-19
Page
Seite 191 (sequence 11)
Language
German
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ich ttümlich sein Haus auf der. stelle verlassen haben. Vaters Gesinnung -freilich kannich nicht ändern. So wenig wie er die meine, die ich ebenfalls morgen, und zwar durch einen Besuch bei Ihrer Frau Mutter, zum. Ausdruck bringen werde. Bis dahin. Marie-Louise von der Uhlenburg." Hermann faltete das Matt langsam, indem er sagte: „Trotz alledem, Mütterchen: ,Es ist noch nicht die Zeit', denkst du des Wortes?" Frau Kahn sucht in ihrem Gedächtnis. Hermann kommt ihr zu helfen: „Es ist noch nicht die Zeit" -— sagtest du nicht so damals bei der Geschichte mit Friedrich Lohse, als es um dein Lebensglück ging: ,Es ist noch nicht die Zeit!' — Helfen wir sie herausführen, Mutter. Vielleicht für uns. Oder erst für die anderen: Wer weiß. . ." Zu „Kellen und die Juden". Unter diesem- Titel habe ich vor -einiger Zeit in diesen Blättern eine größere Mitteilung verösfenltlicht. Sie berühr,te die Werke des gefeierten Dichter^, biehandellte aber im wesentlichen die Stellen, die sich in der neugedruckten Briefsiam'mlung des hervorragenden Mannes befinden. Weder in den Werken noch in ten Briefen waren die Bettagsmandate zu siinden, die Keller als Züricher Staatsschreiber trn Aufträge des Großen Rates zu verfassen hatte. Sie waren bisher entweder gar nicht oder nur an unzugänglichen Orten gedruckt. In einem diestr Bettagsmandate, und zwar in dem ersten von 1862, das wegen seiner Länge und wegen der Neu-heit seiner Gedanken von der Behörde nicht angerWMmen und daher damals nicht veröffentlicht wurde, findet sich nun eine sehr schöne Stelle über Juden-, di-e ganz vor kurzem in dem Buche von H. M. Kriesi: „Gottfried Keller als Politiker", Frauenseld, Huber ir. Co., S. 162 ff. abgedruckt ist. In Kriesis Buch heißt es nämlich: „Das Mandat enthält auch ein schönes Denkmal seines Freisinns und seiner Duldsamkeit! in konfessionellen Dingen. Ein Gesetz jenes Jahves hatte dem geächteten Volke der Juden im Kanton endlich Freiheit und Gleichberechtigung mit den Ehristen gebracht — „und wir haben keine Stimme vernommen, die sich aus Eurer Mi-tte dagegen erhoben hätte. Ihr habt- Euch dadurch selbst geehrt und Ihr dürft mit diesem Gesetze das eben so sehr von der Menschenliebe wie aus Gründen der äußeren- Politik endlich? geboten war, am kommenden Bettage getrost vor den Go-tt der Liebe und der Versöhnung treten. An Euch wird «es sodann sein, das geschriebene Gesetz zu einer fruchtbringenden, lebendigen Wahrheit zu machen, indem Ihr den Entfremdeten und Verfolgten auch im gesellschaftlichen Verkehr freundlich entgegengehet, und ihrem guten Willen, wo sie solchen zeigen, behülflich seid, ein neues bürgerliches Leben zu beginnen. Was der verjährten Verfolgung und Verachtung nicht gelang, wird der Li-obe gelingen; die Starrheit dieses Volkes in Sitten und Anschauungen wird sich lösen, seine Schwächen werden sich innützliche Fähigkeiten, seine mannigfaltigen Begabungen in Tugenden verwandeln, und ihr werdet eines Tages das Land bereichert haben, anstatt es zu schädigen, wie blinder Verfolgungsgeist es wähnt." L. G. Ein neues italienisches vwttsches Drama. Der während des Weltkrieges in Turin verstorbene Gelehrte und Dichter Arturo Graf, der übrigens trotz seines Namens kein Jude ist und auch nur von mütterlicher Seite von Deutschen abstammt, hat kurze Zeit vor seinem Tode in der „Nuova antologia” (Neue Serie), Band 157 (1912, S. 193 ss.) einen kleinen dramatischen Versuch unter dem Titel „La morte die Caino“ (Der Tod Kains) veröffentlicht. Der Inhalt dieses merkwürdigen Versuchs ist etwa folgender: Kain ist 500 Jahre alt, hat Wissenschaft und Künste der Menschheit gebracht, eine große Stadt gegründet, ein neues Geschlecht um sich versammelt, das von Liebe zu ihm erfüllt ist, da er sich milde erzeigt hat und die wenigsten von der Ermordung Abels durch ihn wissen, vielmehr vermuten, daß er von wilden Tieren zerrissen sei. Nun ist Kain ans Ende seines Lebens . gelangt. Er hat einen Schwächeanfall, währenddessen er durch die Worte des Tubal, der seinen Bruder innig liebt, erschreckt an Abel erinnert wird. Einer seiner Getreuen oder seiner Nachkommen Namnah will aus dem irdi- 191 —. schen Paradiese Früchte holen, der Cherub verweigert ihm jedoch den Eintritt, weil Kain zufolge des schrecklichen Verbrechens,. das er begangen habe, eines solchen Labsals unwürdig sei. Auch Lucifer wird vo-n Tubal vergeblich um Hilfe angerufen, vielmehr kündigt der Engel Kain den Tod an, und zwar soll er diese Nachricht erfahren, damit er die Beängstigungen des kommenden Todes spüren solle. Kain hat noch die Kraft, zu seinem Volke zu sprechen, und genießt die wehmütige Freude, von den Seinen die einzelnen Züge seiner Verdienste aufgezählt zu erhalten. Mitten in diesen Bekundungen seines gerechtfertigten Stolzes und der Liebe, die er sich durch seine Täten erworben, ertönt die Stimme des Engels: „Er hat das Blut seines Bruders vergossen", eine Nachricht, durch welche den meisten das grausige Verbrechen enthüllt wird. Kain, durch diese Verkündigung erschreckt und in dein traurigen Bewußtsein, dadurch die Achtung seines Volkes verloren zu haben, vermag nur noch schmerzerfüllt dre Worbe zu wiederholen: „das Blut Abels" und stirbt. Manche Szenen dieses kleinen Dramas sind durchaus poetisch und wirkungsvoll. Sie sind es um so mehr, als hier in gewisser Weise ein neuer Weg eingeschlagen wird. Denn die früheren dichterischen Behandlungen dieser Figur hoben zwei Motive hervor: entweder Kain als Brudermörder im Gegensatz zu seinem sanften Opfer und in Widerstreit mit seinen Eltern, oder' den unter seinen Gewissensbissen Leidenden, in der Wett Umherirrenden, durch das Bewußtsein seines Verbrechens zu immer größeren Untaten Gereizten. Neu ist, wie mir scheint, in dieser italienischen Dichtung die innere Umwandlung des Brudermörders, die darin besteht, daß er durch Volksbeglückung sein Verbrechen gutzumachen. strebt, und deren Wirkung sich darin kundgibt, daß er selbst die grausige Tat fast vergessen hat. Die poetische Gerechtigkeit aber zeigt sich darin, daß der furchtbare Verbrecher, wenn er auch scheinbar Lohn erhalten hat, doch für seine schlimme Tat gestraft wird. Und zwar ist die Strafe eine doppelte: er verliert trotz seines heilsamen Wirkens das Vertrauen und die Liebe seines Volkes, und zu dieser äußerlichen Strafe gesellt sich die schwerere, innerliche: er muß im Gegensätze zu den meisten Men schert das peinigende Bewußtsein ertragen, daß seine Tage gezählt sind und daß er dem Tode verfallen ist. Uebrigens mag zum Nachtrage bemerkt werden, daß in derselben Zeitschrift 1908, 16. März und 1. 2lpril, ein größerer Aussatz desselben italienischen Forschers abgedrnckt ist, der sich kritisch über die früheren Kain-Dichtungen ausspricht. L. G. Knabenmord in Venedig 1480? lieber den vorbereiteten, den Juden schuld gegebenen Mord an einem Knaben in Trient berichtete der venetianische Gesandte in Nom (1475) seinen Herren am 7. August des genannten Jahres. Fünf Jahre später, 20. Mai 1480, weiß der mailändische Gesandte in Venedig seinem Fürsten zu erzählen, daß im Venetianischen ein Kind ermordet worden sei und daß viele Juden in Venedig als verdächtig eingekerkert seien. Er legt seinem Bericht einen darüber veröffentlichten kleinen Traktat in terza rima bei, dessen Lektüre er -empfiehlt. (Beide Briefe veröffentlicht tun „Boll. storico delüa Svizzera italiana“ VI, 1884, S. 207.) Das Gedicht ist nicht bekannt, auch, soweit ich weiß, nicht das Faktum. Es würde sich lohnen, bei. der Wiederherstellung geordneter Zustände auf die ungerechtfertigte und im erleuchteten Venedig so eigenartige Anklage näher einzugehen. L. G. Litkrarikchr Mitteilungen. — La M a r a: „Durch Musik und Leben im Dienste des Ideals", Band I. Druck und Verlag von Breitkops und Härtel, Leipzig. 1917. Die bekannte Mustkschriftst?ellerin La Mara (Marie Lipsius) in Leipzig, die jüngst ihr 80. Lebensjahr vollendete,,, hat alle Freunde der Tonkunst mit einem ungemein wertvollen Werke beschenkt, das drei Vierteljahr-Hunderte Kunst-, insbesondere! Musik-, ja sogar Kulturgeschichte umfaßt. Der erste vor uns liegende Band behandelt die Zeit von 1837 bis 1881. Ein ungewöhnlich reiches Frauendasein, das wir mit lebhaftester Anteilnahme begleiten, zieht an uns vorüber. Ungezählte hervorragende Persönlichkeiten durste La Mara zu ihren Freunden zählen. Hat auch das treffliche Werk wenig mit Juden und Judentum gemein, es berührt uns öfters sympathisch, den Namen bedeutender Glaubensgenossen darin zu begegnen. Von einem Empfangsabend der berühmten Freundin Liszts, der Fürstin Karoline Sayn-Wittgenstein, in Erfurt 1856 berichtet sie: „Die Fürstin ver^

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