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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-19 · Heft 16 (19.4.1918) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 16 (19.4.1918)
Date
1918-04-19
Page
Seite 190 (sequence 10)
Language
German
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190 die Liebe zur Bibel festgewurzelt ist. In meinen Vorlesungen benutze ich jeden Anlaß, auf jenen ewig rinnenden Urquell wahrhaft göttlicher Poesie hinzuweisen. Was Sie über die Beziehungen des Erdgeistes zum Gott des Hiob scharfsinnig darlegen, werde ich genau durchdenken. Mt dem Aufsatz über den Zug Israels durch die Wüste beschäftigte sich der kecke Forscher im Frühling. 1897; die erste Aeußerung seiner wunderlichen Ansicht finden Sie im Briefe an Schiller vom 12. April. Aus Ihrer Darstellung wird mir nicht klar, ob Ihnen Goethes Uebersetzung des Hohen Liedes, wie Langer sie im Anhang zu seiner Ausgabe der Briese an Sophie la Roche (1879) mitgeteilt, auch wirklich zu Gesichte gekommen. Da Sie meiner kleinen biographischen Skizze so wohlwollend gedenken, so wünsche ich, daß Sie auch einigen andern meiner Arbeiten, wie z. B. der Einleitung zu den Briefen Goethes an Fr. Aug. Wolf, gelegentlich eine freundliche Aufmerksamkeit gönnen möchten. . Werde ich nicht bald einmal die Freude haben. Sie hier in München zu begrüßen? Mich Ihnen verehrungsvoll empfehlend Bern a y s. München, 4. Mai 1888. Es ist sehr zu bedauern, daß diese in persönlicher Beziehung auf einen freundschaftlichen Ton gestimmte Zuschrift eines getauften Rabbinersohnes an einen Rabbiner dem-Herausgeber der „Briefe von und an Michael Bernahs" unbekannt geblieben war. Sie hätte es jedenfalls verdient, in diese Briefsammlung ausgenommen zu werden, und hätte an dieser Stelle mit ihrem herzerwärmenden Bekenntnis zur Bibel als dem „der Menschheit von Gott verliehenen Buch der Erziehung und Offenbarung" neben seiner aus einem Briefe vom Jahre 1877 bereits zitierten, dem antisemitischen Sprachjargon entnommenen Aeußerung über die „Söhne Abrahams", welche in der „in frechem Schimmer" prunkenden Synagoge (von Nürnberg) „ihren Geld und Klugheit spendenden. Gott verherrlichen", entschieden einen vorteilhaften Eindruck gemacht. Sollte Professor Michael Bernahs im Jahre 1877 bereits ganz vergessen haben, daß auch er trotz seines Uebertritts zu einem anderen Religionsbekenntnis zu den Söhnen Abrahams gehörte, oder wollte er es vergesien machen? Ein schöner Spruch aus dem Talmud lautet: In den Brunnen, aus dem du getrunken, sollst du keinen Stein werfen. ■ A. Eckstein, E4S. Ser Weg ües jlmgen tzrrmsnn Sahn. (Schluß.) Von Clementine Krämer (München). er Freiherr von der Uhlenburg hatte es hingesagt, ohne viel zu bedenken. Hermann aber sprang von seinem Stuhl auf: „Ich bin Jude, das wisien Sie doch wohl, Herr von der Uhlenburg." — Auch der Major hatte sich erhoben: „Gewiß," erwiderte er, „ich hatte aber in diesem Augenblick — äh — gar nicht — hm — weiter überlegt." — „Aber," fragte Hermann und sah dem andern fest ins Auge, „aber es ist Ihre Meinung, nicht wahr?" — „Sie sind mein Gast," erwiderte der Freiherr achselzuckend. — „Ich frage nicht als Ihr Gast!" — „Er ist nicht dein Gast, Vater," rief Marie-Louise dazwischen, „er ist zu mir gekommen und du hast ihn beleidigt." — „Ich frage nicht als Ihr Gast," wiederholte Hermann, „als den ich mich in der Tat nicht betrachte; ich frage Sie: der Mann den Mann: es ist Ihre Ueberzeugung, Herr vonder Uhlenburg, das mit der Judenpartei, die die andern übergaunevt, wie Sie sich ausgedrückt haben?" Der Major war außer sich über den jungen Menschen, der da vor ihm stand und ihn zu examieren wagte; auch schien es ihm das beste, gleich die Gelegenheit wahrzunehmen und Schluß zu machen mit dieser neuen Freundschaft seiner Tochter. So erwiderte er: „Wenn Sie es denn durchaus wissen müssen, mein Herr, was ich sagte — ja — es ist meine Meinung, ich kann's nicht leugnen." Da wandte sich Hermann zu Marie-Louise. Er verbeugte sich tief, ohne ein Wort Vorbringen zu können. So wie sie selber. Dann nahm er ihre eiskalte Hand und preßte einen Augenblick die zitternden Lippen daraus. Und ging. Rausgeworsen — der Jud! — dachte Hermann im Gehen, und noch einmal: Rausgeschmissen! Und er stellte sich vor, was Kurt Jsaaksohn nun wohl sagen, und wie er triumphieren würde, daß er nun recht behielt mit seiner Meinung, nach der es einmal nichts anderes gäbe als diesen-~— „nenn/ du's Umweg, Kahn; gemacht werden muß er nun einmal, dieser Umweg über Palästina. Nur so erringst du dir die Anerkennung der Freiherren von der Uhlewburg, nur dann, wenn du sie nicht haben mußt und daraus pfeifen kannst, mein Lieber . . ." So würde Kurt Jsaaksohn sprechen, der jetzt in Jeruscholajim Gras ausjätet«, das Land seiner Väter bckaute und sich Kurt Moses Jsaaksohn schrieb, so wie er wirklich hieß. Er aber. — trotz alledem — er konnte nun einmal nicht mit auf diesem Weg, einfach er konnte nicht, das fühlte er gerade in diesem Augenblick deutlicher als je. Und da ging es ihm durch den Sinn, wenn dieser konservative Major, der ein guter Kenner der Politik zu fein schien, wenn der am Ende recht hätte — nicht mit dem Uebergaunern natürlich, o pfui — aber damit, daß man nie wisien könne, wer als Erster durchs Ziel ginge, wenn es ihm gelänge, dann — — — war-nicht der Reichstag die zuständige Stelle für des Volkes Nöte . ...? Und wie es der Zufall wollte, warteten da, wie er heimkam, zwei Herren auf ihn, die ihn dringend zu sprechen wünschten. Das waren der Rektor Kemnator und der Grohkaufmann Rothschild. Beide von der „Partei". Und der Rektor sprach gleich auf ihn ein, sie seien nun zum drittenmal da und es nütze ihm alles nichts, er m ü s s e die Kandidatur annehmen, einfach er müsse, es sei seine Pflicht — als Deutscher. „Als Deutscher," sagte Hermann bitter, und dachte des Begebnisses von vor wenigen Minuten. „Gewiß, Doktor Kahn," assistierte der andere, Herr Rothschild, „gewiß, ist es Ihre Pflicht. — Als Deutscher und auch als Jude." Da gab Hermann den beiden langsam die Hand, zum Zeichen, daß er bereit sei: als deutscher Jude ... * Frau Kahn hatte der Unterredung beigewohnt. Sie vermutete sogleich, daß da irgendeine ernste Sache ihren Sohn bewogen haben müsse, nun auf einmal ja zu sagen. „Gewiß," nickte Hermann aus ihre Frage, „ja, Mütterchen, rausgeschmissen." Und er erzählte. „Und -das Fräulein," -fragte die Mutter und sah, wie es zuckte um die Mundwinkel ihres großen Jungen. In diesem Augenblick ward ein Brief abgegeben, darin stand: „Sie dürfen es nicht falsch auffassen, verehrter Herr Dr. Kahn, und müssen es meiner unbeschreiblichen Erregung zugute halten, daß ich Sie so gehen ließ. Ich habe mich in derselben Minute mit Vater auseinandergesetzt. Es wird Ihnen morgen sein Entschuldigungsbrief zugehen, sonst würde

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