Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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desto mehr, sich zu wirklichen Ereignissen der Saison gestalteten, sich eine treue, immer mehr anwachsende Gemeinde ge- LMet und dieser die höchsten Kunstgenüsse zu verschassen gewußt. Was ihn zu solchen Leistungen befähigte, die von der fachmännischen Kritik in völliger Nebereinstinrmung mit dem llrteile der großen Waffe anerkannt worden sind, dürste in folgenden Momenten bestehen: . Die Begeisterung. Ochs lebt. in und mit den Werken, die er zur Aufführung bringt. Er ist wie ein jeder wahrer Dirigent kein Naher Taktschläger, wie die Laien meinen, kein Exerzievmeister, wie die handwerksmäßig Gebildeten vermuten, sondern ein Mit- . und Nachschafser der Künstler, der sich in Proben und Aufführungen für das Werk, dem er seine Kräfte , widmet, einfetzt, in leben scheint und ihm zum Siege -verhelfen will. Eine solche Begeisterung, die, sobald das Werk einmal gewählt ist, jede Kritik verstummenmacht, wäre wirkungslos, wenn sie nicht mit Kunstverständnis gepaart wäre. Und dieses feine Kunstverständnis beweist er stets, da er sich nicht durch die Mode verführen und durch den Klang des Namens täuschen läßt. So sehr er auch dem Neuen ergeben ist, so vermeidet er die Sucht, durch Hohles zu überraschen, dem Noß der Stempel der Modernität auf-gedrückt ist, sondern bietet nur solche Schöpfungen dar, die besonders einen Bestand gewährleistende Eigenschaften zu besitzen scheinen. Mit solchem Kunstverständnis geht Kunstfertigkeit Harü» in Hand. Man verstehe dies Wort recht: Es ist nicht die Fähigkeit des Virtuosen, sondern, wenn man in Kunstbetrachtungen ein solches Wort gebrauchendarf, die Technik des soliden Schulmeisters. Es ist das Bestreben, die einzelnen Werke nicht eintönig abzuleiern, sondern st« in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit vorzuführen, in der Abwechslung der Tempi, in dem Anschwellen und Abschwellen des Tones, indem kraftvollen Einsetzen und in dem einträchtigen Schluß. Der Nachlässigkeit früherer Dirigenten in der Wahl der Tempi, dem -Schlendrian im Einsetzen und Aufhören bei -den einzelnen Abschnitten hat Ochs ein machtvolles Ende gemacht und gerade durch solche Kunstfertigkeit; seine Darbietungen zu höchsten Kunstleistungen gesteigert. Zu seinen Vorzügen gehören ferner die Vielseitigkeit und die Individualisierungskraft. Jene besteht darin, daß er, der Moderne, durchaus nicht ausschließlich seinen Göttern opfert, sondern die Meister aller Zeiten- und Völker berücksichtigt. Diese bekundet sich dadurch, daß er jedem Werke seinen eigenen Charakter zu geben versteht, daß die schönen von dem Meister selbst vielfach neu bearbeiteten BolSlieder den kindlich naiven Charakter alter Weisen behalten und völlig abstechen von dem gehaltvollen Ernst, der grandiosen Hoheit Bachscher und Beethovenscher Werke, von der majestätischen Eigenart Brahmscher Schöpfungen und der schillernden Buntheit moderner Leistungen. So wirkt und schafft der ton-freudige Meister seit Jahrzehnten, im schönsten- Idealismus, nicht auf Gelderwerb und nicht auf Ehre bedacht, sondern rein um der Kunst willen. Bei ihm, dem Jugendftischen, kann man nicht von einein Eintreten in die Alters-epoche sprechen. Unser Wunsch, der ihn in sein siebentes Lebensjahrzehnt begleitet, bestcht darin, daß er mit derselben Frische wie bisher der Kunst dienen, der du-ng seines im Drucke erschienenen Vortrages über: „Goethe und das Alte Testament" (Nürnberg 1883) gerichtet hat. Der Brief hat folgenden Wortlaut: „Hochwürdiger Herr! Ihre Schrift ist mir eine sehr wohltuende Erscheinung. Was Sie. aussühren und andeüten, erweckt bei mir die lebhafteste Zustimmung. Wie schöpferisch anregend das Buch der Bücher aus Goethe gewirkt, das -verdiente einmal von einem Manne dargestellt zu werden, der wie Sie mit religiösem Ernst und mit wissenschaftlicher Strenge dies der Menschheit von Gott verliehene Buch der Erziehung und Offenbarung durchforscht und sich zugleich den empfänglich reichen Sinn für dessen unermeßliche poetische Herrlichkeit bewahrt hat. Mir geht immer das Herz aus, wenn mir ein selbständig gebildeter Geist begegnet, in dem ihm zu Prof. Siegfried Ochs. Geist erheben, sie aus des grauen Alltags Nöten in reinere Regionen entführen und sich selbst, dem echten Meister wahrer und großer Kunst, immer steigende Befriedigung durch seine Leistungen verschaffen möge. Lin lörirk von Drok. Michar! lörrnnys an Ssbdmkr Dr. Ziemlich. <)fuf Seite 12 des laufenden •^4- Jahrganges dieser Zeitung läßt der gelehrte Schriftleiter derselben aus Briefen -deS berühmten Literarhistorikers Michael Bernays in München, eines Sohnes des Chacham Bernays in Hamburg, zwei Zitate abdrucken, von denen das eine als Aeußerung pietätvollen Eingedenkens seiner verstorbenen Mutter seinem Andenken zur Ehre gereicht, während das andere eine Lästerung der Religion seiner Väter, von welcher er treulos abgefallen war, enthält und darum sein Andenken in unfern Augen zu bemakeln geeignet ist. Diese Mitteilungen geben mir nun die Anlegung, einen in mehrfacher Beziehung interessanten Brief zu veröffentlichen. den Michael Bernays an meinen verewigten Schwager Dr. B. Ziemlich in Nürnberg zum Danke für die Zusen-