Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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186 rechten Beins sich unerschütterlich entgegensetzt. Die lebhafte Drehung des Kopfes, verbunden mit dem Zurückschnellen des linken Beines im Widerspruch zu dem Ruhen der Arme sind für Angiolo typische Requisiten für die Darstellung von Talmenschen: sie kehren in auffälliger Uebereinstimmung bei dem Giuliano de Medici (1521 bis 1534) wieder. Moses drückt ja auch nicht nur das Wort aus, als dessen erleuchteter Verkünder er berufen ist, er ist vor allem Tat und Schwert Gottes. Der Kardinal von Mantua hatte recht zu sagen: „Diese Figur allein genügt, Papst Julius zu ehren" (nach Basari). In der Tat symbolisiert sie trefflich dessen energischen, groß angelegten Geist, diesen herrlichen Willensmenschen aus dem Stuhl Petri, der mit einem Schwert in der Hand abgebildet zu werden wünschte, beileibe nicht mit einem Buch, wie etwa nach Herrmann Grimms schönem Wort Angiolos David die Geschichte vou Florenz repräsentiert. Daß natürlich trotzdem zunächst einmal Moses Moses sein sollte, versteht sich von selbst bei einem Manne, der wie der Meister ein ebenso großen Verehrer wie Kenner der Heiligen Schrift war. Sicher hät ihn überdies Dante geleitet, dem er in Sonetten schwärmerisch huldigt und dessen tiefen Wirkungen auf seine Kunst man längst nachgegangen ist. Für Dante repräsentiert Moses in der Himmelsrose den Alten Kund (wie aus dem Julius-Grab), und wo der Poet auch sonst seiner gedenken mag („Paradiso" 26), erscheint er immer als Liebender, von der göttlichen Liebe umflossen, niemals als Mann des Zornes, was er daher auch für den Bildhauer nicht sein konnte. Was aber von stürmischer Leidenschaft aus diesem alttestamentlichen Zeus hervorloht, ist Flamme aus der Seele Buonarottis, den sein Freund Vasari, der es wissen mußte, als leidenschaftlich und zornmütig bei viel innerer Güte beschrieb. Michel Angiolo war eben selbst Seher und Gottesmann, von brausenden Visionen und Offenbarungen der Kunst erschüttert und. umgetrieben, daher ihm denn dieses einzige Bildwerk gelang, für: das es in der ganzen italienischen Kunst keinen Vorgänger gab; die langweiligen Weltgerichts- oder Disputä-Szenen (Orcagna, Fra Ä-NWlico und noch Raffael selbst), wo stets immer ein Moses repräsentativ im Chor von Propheten und HeiliMl erschien, kommen für den Beethoven der Plastik nicht in Betracht. Bedeutender sind die liebenswürdigen Moses-Historien eines Ghiberti, BenvM Gozzoli, Botticelli, die ihm jedoch zu geschwätzig und schwächlich Vorkommen mochten. Es gibt kein Vorbild und kein Nebenbild, Raffaels unvergleichliche Annrut in den Loggien erscheint klein neben so viel erhabener Wahrheit. Niemandem untertan, hat der Moses des großen Florentiners die Kunst kommandiert und sich unserer Phantasie so unauslöschlich eingeprägt, daß wir den Genius der jüdischen Geschichte gar nicht mehr anders denken können als angelesk. Ja, gewiß hat er jenen alten uwbekannten Schriftstellern, die uns in der Bibel -die Moses- Geschichten erzählt haben, selbst ebenso vorgeschwebt. Siegfried lllchs. Zum 60. Geburtstage. Von Ludwig Geiger. er Meister, zu dessen Jubiläum das sangesfrohe Berlin sich rüstet, ist am 19. April 1858 in Frankfurt a. M. geboren. Er empfing seine wissenschaftliche Ausbildung im Häsielschen Institut in Frankfurt und bezog die Universität Heidelberg, um Chemie zu studieren. Nach zwei Jahren gab er dieses Studium aus, übersiedelte nach Berlin, um sich ausschließlich der Musik zu widmen. Er studierte an der Königlichen Hochschule für Musik und empfing dann privaten Unterricht bei den Meistern Friedrich Kiel und Heinrich Urban. Schon 1882, also in einem verhältnismäßig sehr jugendlichen Mer, begründete er den Philharmonischen Chor in Berlin und widmete längere Zeit auch seine Kräfte dem seit lange bestehenden Rühlschen Gesangverein in Frankfurt. Der Philharmonische Chor aber ist seine ureigenste Schöpfung Und darf als ein Markstein in der Geschichte des Berliner Musiklebens angesehen werden. Siegfried Ochs ist nicht bloß als Leiter dieM Chores, sondern auch als Komponist tätig gewesen; eine komische Oper „Im Namen des Gesetzes", viele Lieder, Duette, Kanons, Klavierstücke rühren von ihm her. Als Mitglied der Direktion -der Neuen Bachgesellschast, ferner der Königlich preußischen Sachverständigenkommission für musikalische Angelegenheiten hat er eine bedeutende Tätigkeit -entfaltet. Ochs ist seit etwa 30 Jahren mit einer Dame der vornehmen jüdischen Gesellschaft Berlins verheiratet, lebt in glücklichster Ehe, der vier Kinder entsprossen sind. Ich hatte den gefeierten Mann gebeten, seinem Bilde, das ich zu seinem Ehrentage" zu bringen gedachte, autobiographische Notizen beizufügen, und empfing statt des Gewünschten eine Aufzeichnung, die so charakteristisch für sein Wesen ist, daß ich sie hier folgen lasse. Sie lautet: „Das ist für mich eine schwierige Sache. Ich -habe mein ganzes Leben hindurch alles ängstlich vermieden,-^ was auch nur im entferntesten nach einer oratio pro ckomo aussehen könnte, und möchte von diesem Grundsatz nicht gern abgehen. WaS aber soll ich von mir erzählen? Ich war immer ein verhältnismäßig stiller Mensch, habe wenig in der Gesellschaft gelebt und bin fröhlich in meiner Arbeit. Das ist wirklich so ziemlich alles, was ich sagen kann. Daß ich das Glück gehabt habe, als einer der Ersten die Bedeutung einiger hervorragender Tonsetzer zu erkennen und deren Werke trotz allen Widerspruchs duri^usetzen, ist doch mehr ein Zufall als ein Verdienst. Und wenn ich mich noch so -einigermaßen erhalten habe, so verdanke ich es wohl -dem Umstand, -daß ich in den sechsunddreißig Jahren meiner taktschlägerischen Tätigkeit nicht dazu gekommen bin, auch nur einen einzigen Tag völlig in Ruhe zu verleben.. Ich glaube nicht daran, -daß die Arbeit einen Menschen herunterbringt und werde sehr glücklich sein, wenn es mir noch-einige Jahre vergönnt ist, den Gegenbeweis für diese so oft aufgestellte Behauptung zu erbringen. . Nehmen Sie es mir, hochverehrtester Herr Geheimrat, nicht übel, wenn ich ein so unausgiebiger Berichterstatter über mich selbst bin; ich weiß aber beim besten Willen nichts Besonderes von mir zu erzählen. Im Anfang war die Tat, und ich hoffe, daß sie bei mir auch noch am Ende stehen wird, daß ich noch arbeiten und an der Arbeit meine Freude finden darf, solange ich lobe." Ich kann mich nun zwar nicht rühmen, Fachmann in der Musik zu fein, darf mich auch nicht einmal als Kenner betrachten, sondern muh mich damit begnügen, als eifriger Hörer reichen Genuß durch Musik zu empfangen; gleichwohl wage ich eS, diesen Bemerkungen und den kurzen Notizen über den Lebenslauf des JubilarS einige Worte hinzuzufügen, die ich nicht als Beurteilung sondern als schlichte laienhaft« Beiträge zu seiner Charakteristik ausgefaßt sehen möchte. Siegfried OchS -hat in dem Philharmonischen Chor , nicht den vielen Gesangvereinen noch einen anderen hinzugefügt, sondern ein wirklich Neues geschaffen: ein fügsames Instrument in den Händen eines Meisters-, ein vorzüglich geschultes Regiment, das den künstlerischen Anordnungen seines Befehlshabers willig folgt. Er hat, ohne etwa ein bestimmtes Programm aufzustellen und durchzuführen, die großen Chorwerke älterer und neuerer Meister: Bach, Beethoven, Brahms, Bruckner, Liszt und Hugo Wolf und -manche der neuesten, dazu Volkslieder in seinen Konzerten vorgeführt, die, je länger