Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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186 durch einen Minister müssen wir uns ebenso höflich wie entschieden bedanken. * Wenn dieses Blatt in die Hände unserer Leser kommt, ist der Termin für die Zeichnung der achten Kriegsanleihe abgelauson. Wir dürfen uns wohl der Hoffnung hingeben, daß unsere Leser, ebenso wie alle vaterländisch gesinnten Deutschen, ihre Pflicht erfüllt haben. Noch stehen wir nicht am Ende. Eiy neuer Kredit ist, wie man weiß, bereits bewilligt- und wer , kann sagen, ob damit die großen Forderungen geschlossen sind. Aber Bedenken nutzt hier nichts, die heilige Pflicht steht voran. Es ist der Ruf des Vaterlandes, der an alle ergangen ist und der erfüllt werden muß, sooft er auch noch ergeht. Heute und allezeit muß jeder Vaterlandsfreund aufS ernstliche daran denken, an seinem Teile seiger ersten großen wichtigen Pflicht nach seinen Kräften nachzukommen. Lur Gemrindkorgamsation. Von Rabbiner Dr. Friedmann (Lublinitz). or kurzer Zeit beehrte mich der Vertreter unseres leider schwer erkrankten Landrats, der Regierungsrat und Rittmeister W., mit seinem Antrittsbesuche., Bei dieser Gelegenheit kam er u. a. aus die Frage der Organisation des Judentums, auf die Gemeindeorganisation, zu sprechen. Er wußte von dem Bestehen der großen Vereine und Verbände im Judentum und schien es zu bedauern, daß noch keine Organisation der Gesamtgemeinden und des Judentums vorhanden sei. Es darf hier wohl mit Sicherheit angenommen werden, daß von den politischen Behörden eine solche Organisation recht sehr gewünscht wird. Im Kriege und auch im Frieden. Müßten da nicht die jüdischen Gemeinden und Verbände alle Hebel in Bewegung setzen, um endlich zu einem Endziel zu kommen? Wenn jede Partei das Beste der Gesamtheit will, so muß das Streben von Erfolg gekrönt werden. Es wäre nicht schön und nicht gut, wenn nicht die Einheitlichkeit und Einigkeit der jüdischen Gemeinden in der Organisation zutage treten würde. Dieser Angelegenheit dient ein Artikel in Nummer 13 dieser Zeitung. Ohne aus alle Einzelheiten desselben näher einzugehen, möchte ich doch den einen und den andern Punkt in ihm berühren. Wenn «da der Verfasser meinte, ,/das Austrittsgesetz vom Jahre 1876 müßte, wenn die Separatisten bei ihrer Stellungnahme beharrten, dahin erweitert werden, daß auch ganze Geimeiuden aus der Landesgemeinde der Juden Preußens auszutreten berechtigt, dann aber auch nicht befugt sind, an den allgemeinen Einrichtungen der preußischen Judenheit teilzünehmen" — so sollte im Ernst ein solcher Schritt nicht unternommen und auch gar nicht notwendig werden. Den Ruf „schiedlich — friedlich" vernahm auch ich jüngst aus dem Munde eines Schulleiters, welcher für Auflösung der Simultanschule in konfessionelle Schulen, und zwar, meinte er, in eine katholische und eine evangelische, mit allem Eifer eintrat, indem er dabei auch die Hoffnung hatte, daß eine jüdische Volksschule mit einem jüdischen Lehrer nicht mehr geschaffen würde — aus Mangel an : jüdischen Schülern. Man stoße — meinte er — zu oft und zu viel aufeinander und gegeneinander, wenn die Konfessionen in einer Schule zusammen unterrichtet werden — „wie in einer Mischehe". Das ist freilich nicht ganz unrichtig. Aber es kommt eben auf den © e i ft an, von welchem das Ganze geführt und geleitet wird, ob es ein Geist des Fanatismus oder der Toleranz, ein Geist des Egoismus oder des Wohlwollens ist zum Besten der G e s a m t h e i t. Wenn beispielsweise ein Lehrer in einer Simultanschule sich verhalten wollte wie ein Geistlicher in der Kirche und die alte. zehn- und hundertmal widerlegte Behauptung äußern würde: „Die Juden haben Jesum gekreuzigt", oder wenn er einem jüdischen Schüler zurust: „Laß dir das Haar schneiden, du siehst doch aus wie ein polnischer Jude mit Peies!" —, so kann natürlich ein solches Verhalten nicht den Geist der Einmütigkeit und des^Wohlwollens beweisen. Die Kunst der Selbstbeschränkung und das nicht minder große Heldentum der Selbstbeherrschung ist immer geboten bei der Leitung eines großen Ganzen. Diese Kunst nun und dieses Heldentum ist aber auch notwendig für die Gesamtorganisation der jüdischen Gemeinden. Sie muß den mannigfachen Verschiedenheiten durchaus Rechnung tragen und die Einheit und Einheitlichkeit in der Mannigfaltigkeit zum Ausdruck bringen — zum besten der Gesamtheit. — In dem genannten Artikel steht darum auch folgender Satz: „Die Rabbiner dürfen allerdings nicht den Anspruch auf das sogenannte Vetorecht und auf lebenslängliche Anstellung erheben." Wir huldigen doch wohl dem Ausspruch „Freie Bahn dem Tüchtigen", und aus religiösem Gebiete gelten besonders heutzutage doch die Rabbiner fast allein als die Tüchtigen, die Kundigen und Gelehrten. Und da sollten sie nicht einmal das Vetorecht haben! Da sollen die zumeist im Judentum« unkundigen Laien, die etwa kaum den Segensspruch über die Thora zu sagen wissen, in Kultus und RituS das Wort führen und Beschlüsse fassen — entgegen dem Urteil des religiösen Leiters und Führers! Dafür dürste kein einziger Jude zu haben sein, der wirkliches Interesse für das Judentum hegt und von ihm erfüllt ist. Das Einspruchsrecht des Rabbiners ist notwendig, um Torheiten zu vermeiden, und als Riegel gegen Uebergriffe und schädliche Einrichtungen. Eine gemeinschaftliche Verantwortung ist immer nützlicher und zuträglicher als eine einseitige. DaS Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden in bezug auf Kultus und Ritus soll bestehen, aber nur immer in Verbindung mit dem Rabbiner, der lebenslänglich angestellt ist und eine maßgebende Stimme in seiner Gemeinde hat. gulius Ammann gsb. 18. April 1818. m 18. April vor hundert Jahren wurde >der vielen Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Berlin noch persönlich bekannte warmherzige, edle Menschenfreund Zigarrenfabrikant Julius Neumann in Phritz geboren. In früher Jugend von seinem älteren Bruder, dem um das Judentum wohlverdienten Statistiker, Stadtverordneten Dr. Salomon Neumann, aus seiner Vaterstadt nach Berlin gerufen, gründete er nach verschiedenen anderen Unternehmungen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die noch bestehende Zigarrenfabrik I. Neumann. Diese brachte er bald zu hoher Bedeutung, besonders dadurch, daß er im Vertrauen aus seine Tatkraft es unternahm, während des Krimkrieges, als die französischen Staatsfabriken ruhen mußten, ganz Frankreich allein mit Zigarren zu versorgen. Später führte er als erster Fabrikant in Deutschland — unter Umgehung des Zwischenhandels — den Verkauf seiner Fabrikate durch eigene Detailgeschäfte in Berlin und vielen anderen Städten Deutschlands mit wachsendem Erfolge ein. Neben seiner umfangreichen geschäftlichen Tätigkeit widmete er sich den sozialen Bestrebungen des Judentums mit unermüdlichem Eifer. Die nach seiner Bestimmung gegründete, von dem Vorstände der Jüdischen Gemeinde zu Berlin verwaltete Julius Neumannsche Schülerstiftung hat seit Jahrzehnten viele aufstrebende jüdische Knaben dem Handwerk zugeführt und