Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist daher dem Herrn Rabbiner Dr. Braver, Rabbiner der österreichisch-ungarischen Kultusgemeinde, hoch anzurechnen, daß er die Initiative ergriffen hat, für alle jüdischen Soldaten aus Deutschland und Oesterreich-Ungarn zwei Sederabende einzurichten. Besonderen Reiz verlieh der feierlichen Veranstaltung die freiwillige Betätigung der Mitglieder des Israelitischen Mädchenvereins (in dem die besten Familien vertreten sind). An beiden Abenden waren zirka 70 jüdische Soldaten versammelt. Herr Rabbiner Dr. Braver hat den Text der Haggadah durch deutschen Vortrag verständlich und durch Beziehung auf die zeitgemäße Geschichte dieselbe allen recht interessant gemacht. Nach dem Mahl blieben noch die jüdischen Soldaten mit den jungen Damen zu einem« gemütlichen Tanz beisammen. Auch die Gattin des Herrn Rabbiner Dr. Braver, welche durch ihre Anmut sowohl den Kranz der jungen Damen für die edle Sache zu interessieren verstand als auch durch ihre Anwesenheit der Veranstaltung einen familiären Charakter verliehen hat, hat sich den Dank der Soldaten und der österreichisch-ungarischen israelitischen Kültusgemeinde verdient. Hoffentlich wird der Erfolg Herrn Rabbiner Dr. Braver ermuntern, die Soldatenfürsorge in weiterem Sinne auszubauen. * Ueber die Juden in Deutschland liegt nichts Besonderes vor. Man könnte hinzusügen, glücklicherweise, da es sich leider in solchen Berichten meist um antisemitische Anrempeleien handelt. Recht betrüblich ist folgende Notiz aus Roseggers „Heimgarten", VII. Heft. Ich gebe sie unverkürzt wieder, Sie lautet: Die Verarmung des Judentums. In der „Korrespondenz des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Nr. 8 vom 3. August 1917 steht geschrieben: „Weitaus der größte Teil der Juden seufzt unter bitterer Armut und Not, ab re auch die Verniögendsten sürd entfernt nicht so reich wie die christlichen Großgrundbesitzer und Großindustriellen. Sie alle haben denn auch ain Kriege unendlich mehr verdient als die Paar Dutzend Juden, die etwa auch au Kriegslieserungen beteiligt waren. Mit dem Lebensinittelhandel ist sicherlich kaum ein Prozent der deutschen Juden befaßt, dagegen sind.mit ihm naturgemäß ausnahmslos alle Landwirte verbunden. Wir sind weit davon entfernt zu verkennen, wie mancherlei Schwierigkeiten die Landwirtschaft in der Kriegszeit zu überwinden hat, weit davon entfernt zu übersehen, wie große Verdienst« sich die Landwirtschaft um die Allgemeinheit erworben hat. Auch 8en großen Verdienst, den die einzelnen dabei einstreichen, mißgönnen wir ihnen keineswegs. Wer es soll doch nicht übersehen iverden, daß die Juden — bis auf wenige Ausnahmen — durch den Urieg schwerste Einbuße erlitten, vielfach verarmt find, daß dagegen der Wohlstand der Landwirte sich ungewöhnlich gehoben hat . . .' Gerührt von dieser schmerzlichen Feststellung, ist die Schristleitung des „Heimgarten" gern bereit, für das im Kriege notleidend gewordene Judentum milde Spenden entgegenzunehmen! Nur ein paar Bemerkungen dazu seien gleich gestattet. Lange vor dem Kriege durchlief die Presse eine Notiz über antisemitische Anschauungen und Angriffe des vortrefflichen Äolksschriststellers Peter Rosegger. Ich wandte mich damals an den geschätzten Autor und erbat mir von ihm eine unumwundene Erklärung. Sie wurde mir zuteil. Ich veröffentlichte sie und glaubte sicher annehmen zu dürfen, daß das b>ervde über Roseggers Antisemitismus eine böswillige Erfindung gewesen sei. Um so betrübender ist die oben veröffentliche Notiz. Denn es handelt sich in ihr, wie man ja wohl nicht erst zu sagen braucht, um bitteren Hohn. Ich würde in tiefster Seele verstimmt sein, wenn diese Bemerkung wirklich aus der Feder dieses berühmten Volksschrrftstellers geflossen wäre. Einstweilen kann ich mir nur dercken, daß ein RedaktionSmitglied diese Notiz in das Blatt eingeschmuggelt hat. 185 ——- Ich wende mich daher selbst an Herrn Rosegger, bitte ihn um eine authentische Erklärung und werde nicht verfehlen, diese, sobald sie eintrifft, meinen Lesern kundzugeben. m Es war in einer früheren Uebersicht schon davon die Rede, daß eine jüdische Abordnung bei dem österreichischen Ministerpräsidenten Seidler die Wünsche des national gesinnten Teils der Judenheit ausgesprochen und eine Zusage des Ministers erhalten habe, die jüdischen Forderungen zu unterstützen. Nun -faßte die Abordnung diese jüdischen Forderungen in einer Denffchrfft zusammen, die folgende Sätze enthält: Anerkennung der jüdischen Nationalität und Gewährleistung des freien Bekenntnisses zu derselben. Das Recht der Juden aus ihre Schule, auf Erziehung ihrer Kinder in jüdischem Geiste. Vertretung der Juden entsprechend ihrer Zahl und ihren Leistungen im Reichsrate, in den Landtagen und den Gemeindeverwaltungen durch Bildung von jüdischen Wahlkurien und Einführung des Proportionalshstems. Vertretung der Juden in der Reichsregierung durch einen Minister oder Staatssekretär. Sofortige Durchführung der den Juden durch die Verfassung garantierten bürgerlichen Gleichberechtigung. Konstituierung der jüdischen Nation durch Schaffung eines Reichsverbandes (nationale Kammer) auf Grund des gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts. Gesetzlicher Ausbau der jüdisch-religiösen Institutionen durch Schaffung eines Reichsverbandes der Kultusgememden. Diese Sätze, von der antisemitischen „Reichspost" wiedergegeben, finden die Billigung dieses Antisemitenblattes und werden mit nachstehenden Sätzen begrüßt: Wenn nun aus der Judenschast selbst immer nachdrücklicher der Ruf nach reinlicher Scheidung erhöben wird, so können wir darin nur ein Anzeichen begrüßen, daß es in der Judenschast nicht mehr an Elementen fehlt, welche endlichdie Ursachen und Beweggründe der Selbstschutzbewegung des Antisemitismus erkennen und den Mut haben, daraus die gegebenen Folgerungen Mzuleiten. Den Juden ihre Nationalität mit allen Politischen Konsequenzen, mit jüdischen Wahlkurien, Judenschulen, Judenpresse, Judenliteratur, Judentheatvvn und, wenn es sein muß, auch Judenministern! Lieber ein jüdischer Landsmannminister als ein tausendfach von jüdischen Interessen abhängiges Gesamtkabinett. Wenn der Ministerpräsident nnd der Minister des Innern tatsächlich der bei ihnen erschienenen Judenabordnung die Förderung der angeführten Wünsche zugesagt haben, so haben sie sehr löblich gehandelt. Das Selbstbestirnmungsrecht der Christen hat die Selbstbestimmung der Juden, was gleichbedeutend ist mit der Beschränkung des Bestimmungsrechtes der Juden auf ihre eigene Nation, zur Voraussetzung^ Man .wird bei der Lektüre der vorstehenden Ausführungen an das Gellertsche Wort von dem Maler erinnert, daß es schon ein böses Zeichen sei, wenn seine Schrift dem Kenner nicht gefalle, daß es aber Zeit sei, sie auszustreichen, „wenn sie gar des Narren Lob erhalte". Zionistische Forderungen, von den Antisemiten froh begrüßt, beweisen ihre Gefährlichkeit und die traurigen Folgen der Durchführung solcher Ansprüche für diejenigen Juden, die mit ihren Wirtsvölkern wahrhaft vereint leben wollen. So sehr wir unserseits jedes Bestreben billigen, völlige Gleichstellung und Gleichberechtigung der Juden herbeizusühren, so großen Wert wir legen aus eine Erziehung unserer Kinder im jüdischen Geiste, so wenig wir auch etwas einzuwenden haben gegen einen Reichsverband der Kultusgemeinden, so müssen wir doch aufs entschiedenste Einspruch erheben gegen jüdische Wahlkurien, gegen Anerkennung der jüdischen Nationalität und gegen Konstituierung der jüdischen Nation. Wir sind sehr dafür, daß einer oder mehrere Minister jüdischen Glaubens sind; dieser Minister aber soll wirklicher Reichsminister sein wie seine Kollegen. Für eine Vertretung der Juden als Juden