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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-19 · Heft 16 (19.4.1918) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 16 (19.4.1918)
Date
1918-04-19
Page
Seite 184 (sequence 4)
Language
German
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184 beide Auseinander?etzungen hier folgen, muß freilich die Verantwortung für diese Bemerkungen den betreffenden Blättern überlassen. Das Kommissariat für jüdische Angelegenheiten. Die Juden sind in der gegenwärtigen Regierung nicht vertreten, und zwar aus dem einfachen- Grunde, iveil keine einzige jüdische sozialistische Partei nrvt den herrschenden Parteien zusammenarbeitet. Sämtliche Juden in der Regierirng und um dieselbe vertreten nicht jüdische Organisationen. Die Tatsache, daß die Regierung sich aus keine einzige jüdische Partei stützen kann, mußte von ihr naturgemäß urrangenehm empfunden werden. Man sann auf Mittel, um die jüdischen Arbeiter zu gewinnen, und entschloß sich zur Schlafftvng eines Konumiffariats für jüdische Angelegenheiten, das als Sektion des Konnnissariats für nationale Angelegenheiten gedacht ist. Zum jüdischen Kommissar wurde eine ganz unbedeutende Persönlichkeit namens Dimendsteiu (ein Mitglied der Bolschewikipartei) ernannt; ihm wurde ein Gehilfe namens DobkowsM (linker Sozialrevolutionär) beigegeben. Der Kommissar haßt alles Jüdische und stellte sich unter arkderem zum Ziel, den Zionismus zu bekämpfen. Der Gehilfe hingegen ist national gestimmt und hat Sympathien für -die jüdische Renaissance und -den Zionismus. Auf einer öffentlichen, vom jüdischen Kommissariat einberufenen Versammlung propagierte DLmendstein den Kamps gegen den jüdischen Nationalismus und schlug eine Resolution vor, die die Auslösung des Jüdischen Kongresses forderte. Diese Resolution wurde auch angenommen. Auf eineranderen Versammlung, gleichfalls vom jüdischen Kommissar einberusen, zitierte DoLkowski das Manifest des Holländisch-Skandinavischen Komitees und sprach sich mit Sympathie für die jüdische Kolonisation in Palästina aus. Ich habe dieser Versammlung beigewohnt, die im Porträtsaal des. BildungsmimfLeriums stattfand. Mit Entsetzen konstatierte ich die ungeheuere Unwissenheit und die Gemütsroheit der meisten Redner der Verfarnmlung; da erklärte ein Anarchist, der jüdische Nationalismus müsse bekämpft werden, weil 36 Prozent (?) der jüdischen Bevölkerung Wucherer seien. Andere äußerten ihr Entzücken über die Einstellung des „Petrograder Tagblatts" a-ls eines konterrevolutionären Blattes und hetzten mit beispielloser Erbitterung, gegen den Jüdischen Kongreß. Ein Redner endigte seine bombastische Ansprache mit den Worten: „Meder nüt der jüdischen konstituierenden Versammlung, es leben die Sowjets der jüdischen Arbeiter-, Bauern»-, Soldaten- und Kosakendeputierten" .... Besonders scharf wurde der „Bund" angegriffen; er wurde als Vortruppe der Reaktion bezeichnet und mit großer Heiterkeit wurde die Bemerkungdes Redners ausgenommen, daß der „Bund" und die Kosaken die einzigen waren, die sich an der letzten Demonstration für die Kerenfkh-Regierung beteiligten. Das Kommissariat für jüdische Angelegenheiten hatte tatsächlich die Einberufung eines jüdischen Arbeiter- und Soldatenkongresses vor, tnn eine jüdische Sowjetorganisation zu- Waffen, welche die Prinz-Wien der Sowjetregierung auf das jüdische Leben an-zwoenden hätte. Diese Idee war so absurd, daß sie in den leitenden jüdischen Kreisen weniger mit Besorgnis als mit Heiterkeit kormnentiert wurde. Da die Juden keine Bauer nklasse besitzen, so wäre die lieber nähme der Macht durch eine den Sowjets nachgebildete Organisation auch theoretisch die Herrschaft einer kleinen Minorität. Keine einzige der leitenden jüdischen sozialistischen Parteien würde sich auf das Abenteuer einlassen. Die zweite Mitteilung, die mir ebenso wie die erste etwas parteiisch gefärbt erscheint, lautet folgendermaßen: Der Jüdische Kongreß. Die Wahlen zum Jüdischen Kongreß haben die ungeheure Stärke des bürgerlichen Zionismus dargetan. Bei meiner Abreise waren noch nicht sämtliche Wahlergebnisse bekannt. Allein, es galt als sicher, daß die zionistische Organisation über die Mehrheit der Stimmen und der Mandate verfügte. Diesen großen Erfolg hat der Zionismus im hohen Grade der englischen Erklärung zu verdanken. Diese Erklärung hat anerkanntermaßen den Zionismus in Rußland außerordentlich gestärkt und den bürgerlichen Zionismus zur herrschenden Partei in der jüdischen Gesellschaft erhoben, eine Position, die der zionistischen Organisation jetzt eine ganz andere Verantwortung als bisher für ihre eigenen Handlungen und für alles, was im jüdischen Leben vorgeht, auferlegt. Die Position der Poale-Zion ist durch das Manifest des Holländisch-Skandinavischen Komitees sehr gestärkt worden'. Der Bund ist in den letzten Monaten in vielen Orten ganz ms Hintertreffen geraten. Er hat seine dominierende Stellung im jüdischen Proletariat bereits eingebüßt. Bei den „Vereinigten Sozialisten" (Sejnnsten und Zionisten-Sozialisten) scheint die Tendenz, sich mit den Poale-Zionisten, zu vereinigen, die Oberhand zu nehmen. Die bekannte Hetze Anins in der Kiewer Rada gegen den Zionismus wurde von seinen Parteigenossen sehr bedauert und Anin bekam vom Zentralkomitee der Zionisterv-Sozialisten, wie ich hörte, 'eine scharfe Rüge wegen seines Auftretens. Die OpserwMgkeit des russischen Judentums für die Zwecke des Palästinawerkes ist ungeachtet der gegenwärtig so ungünstigen Umstände außerordentlich groß. Sodann entnehmen wir den Nachrichten des Haager Bureaus eine Notiz, die einen etwas lächerlichen Aufputz an sich trägt, die aber doch als zeitgeschichtliches Dokument an dieser Stelle nicht fehlen darf. Sie lautet folgendermaßen: Das Jüdische Regiment. Das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag berichtet: Das Jüdische Regiment ist in Kairo von der Bevölkerung mit großer Begeisterung empfangen worden. Es zog mit blauweißen Fahnen durch die Stadt. Eine Deputation der Jüdischen Gemeinde begrüßte das Regiment. Besondere Ovationen wurden Leutnant Wladimir Jabotinskv aebr^E. als er in seiner Antwort auf die offizielle Begrüßung hebräisch sagte: „Wir wollen Palästina nicht als Geschenk aus fremder Hand empfangen. Mit unserem eigenen Blut wollen wir unser Vaterland wiedergewinnen, das wir nie mehr aus unseren Händen geben werden." Das Regiment ist an die Palästinafront abgegangen. * Zu welchen Mitteln die Zionisten greifen, um Palästina vovulär zu machen, zeigt folgender Ausschnitt aus dem „Fränkischen Kurier": Das jüdische Leben in Palästina wurde in den Lu-Li Lichtspielen im Film vorgeführt. Der Besuch der Sondervorstellung war ein außergewöhnlich starker, so daß kaum noch Matz für weitere Zuschauer übrig gewesen wäre. Mehr als zwei Stunden lang wurden hochinteressante, besonders durch dis Deutlichkeit der einzelnen Züge ausgezeichnete Bilder von der Seereise bis Jaffa, von den hervorragendsten jüdischen Ansiedlunqen in den verschiedenen Gegenden Palästinas und zuletzt von der Hauptstadt Jerusalem und der Jordan stadt Jericho gezeigt. Landschaftsbilder, Darstellungen der Feldarbeit, Szenen aus den Unterrichtsanstalten und Aufnahmen aus dem reli g lösen Leben wechselten ins bunter Reihenfolge und fesselten die Aut urerksanrkeit bis zum letzten Augenblick. Ihr Verständnis wurde er leichtert durch die Erklärungen, welche Bibliothekar Prof. Dr. Loewe aus Berlin kt die Vorführungen einflocht, nachdem er in einem .einleitendenzusammenhängenden Vortrag die Veden tmw Palästinas für das jüdische Volk erläutert hatte. * Von einem gelegentlichen Korrespondenten wird uns geschrieben: K o n st a n t i n o p el, 2. April 1918. In Deutschland und Oesterreich-Ungarn habendie jüdischen Gemeinden schon in Friedenstagen außer ihrer Mitarbeit an der allgemeinen Soldatenfürsorge auch den besonderen Verhältnissen der jüdischen Soldaten in religiöser Beziehung Rechnung getragen. Allgemein ist bekannt, daß die kleinste jüdische Gemeind? in Deutschland und Oesterreich sich angelegen sein ließ, den in ihrer Mitte sich aufhaltenden jüdischen Soldaten jede Gelegenheit zu bieten, um ihren religiösen Bedürfnissen zu genügen: die umfangreiche religiöse Fürsorge im Felde zu schildern, wäre hier nicht der Platz. Nichts ist davon hier zu merken. Durch .ihre Zersplitterung sind die hiesigen Juden nicht in der Lage, sich einer ihrer Zahl nach entsprechenden sozialen Arbeit zu widmen. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn eine Fürsorge für jüdische Soldaten bisher ausgeblieben ist. Insbesondere fühlten sich die aus Deutschland und Oesterreich stammenden Soldaten in religiöser Beziehung vereinsamt.

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