Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-12 · Heft 15 (12.4.1918) · p. Seite 179

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 15 (12.4.1918)
Date
1918-04-12
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229354--73927-3286396
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

seiner Erzählung sich streng an die Wahrheit hält, wenn er auch im einzelnen kleine Jrrtmner begeht, und daß mcm daher verpflichtet ist, selbst die seltsamsten., manchmal unglaublich scheinenden Berichte, wie sie in den Bekenntnissen stehen, für durchaus wahr zu halten. Das Besondere aber, das für unsere Leser einen eigenen Reiz hat, besteht in folgendem: Muss-eau berichtet nämlich von den weiblichen Täuflingen, die sich in jener Anstalt zusamm-enfanden, sagt, daß die nwisten unter ihnen höchst abschreckend, gewesen seien, fährt aber fort, „nur eine war ziemlich interessant, etiva von meinem Alter nrit spitzbübis>chen Augen-, die manchmal die meinigen trafen. Aber es war nicht möglich, ihr nahe zu kommen, da sie von der Wärterin stark behütet und von dem Beichtvater ausschließlich in Anspruch genommen wurde". Wir sind nun nach den Angaben des Registers imstande zu konstatieren, daß selbst dieser kleine Zug von Rousseau keineswegs erfunden wurde, sondern der Wahrheit entspricht. Die Erwähnte, eine Jüdin, hieß Judith Kornes, stammte aus Amsterdam, war damals 18 Jahre alt und nur zwei Jahre älter als Rousseau, wurde am 26. Mai getauft. Er berichtet ferner von zwei Slawen, die sich Juden -oder Mauren nannten, und auch hier können wir vermöge des Registers die Tatsache als wahr erweisen und die Namender betreffenden Tauflustigen feststellen. (Dabei hat nur der kleine Irrtum sich eingeschlichen, daß nur einer der beiden Juden als Slawe oder Maure bezeichnet werden kann.) Ter eine hieß Levy Isaak aus Casale di Monserrato, der andere Rüben Abraham aus Aleppo. Sie wurden beide vor Rousseau getauft, konnten seiner Taufe Zusehen, und Rousseau berichtet über den erstgenannten Levy Isaak: „Er war mit ei nein weißen Gewand bekleidet, das mir sehr nützlich gewesen wäre; man gab es nur aber nicht, in Anbetracht, daß ich nicht die Ehre hatte, Jude zu sein." Selbst diese kleine, zunächst höchst unwahrscheinlich klingende Notiz bestätigt sich nun als wahr, denn aus dem mehrfach angeführten- Register ergibt sich als Regeil des Hospizes, daß nur die ehemaligen Juden „vestito d!al Hospitio“ wurden, das heißt, daß sie ihre Täuflingskleidung von der Verwaltung erhielten, denn die eben erwähnte Notiz steht sowohl bei Judith Komes als bei Levy Isaak, nicht aber bei den christlichen Täuflingen. L. G. Eine Aerrtzernng Börnes über die Rothschilds. In dem- Buche Heines über Börne, das, wie die Auffindung der Originalhandschrist durch Professor Dr. Friedrich Hirth lehrt, in Zukunft nicht mehr heißen darf: „Heinrich Heine über Ludwig Börne" sondern „Leben Ludwig Börnes" von Heinrich Heine — ein Titel der übrigens für das genannte Buch fast noch weniger paßt als der, unter dem es bisher bekannt war, kommen einige Bemerkungen vor, die Börne nach Heines Zeugnis über die Mitglieder des Hauses Rothschild getan haben soll. Es handelt sich dabei nicht um die Pariser Mitglieder des großen Welthauses; die Aeußerungen sollen auch nicht während des gemeinsamen Lebens der beiden Schriftsteller in der französischen Hauptstadt, sondern bei ihrem ersten Zusammentreffen in Frankfurt a. M. 1827 erfolgt sein. Dieser frühe Ursprung der Bemerkungen ist deswegen von.besonderer Wichtigkeit, weil dadurch diese Anschauungen einer Epoche zugewiesen werden, in welcher Börne die Stellung der Firma noch kaum kennen konnte, die ihm erst während seiner Pariser Zeit aufging. Daß diese Aeußerungen sehr herb waren — mögen sie nun wirklich von Börne gebraucht oder ihm nur untergeschoben worden sein —, bekennt Heine selbst in einem an Frau Betty von Rothschild gerichteten Briefe vom 1. Juni 1840, der erst seit kurzer Zeit allgemein zugänglich gemacht worden ist. Eine dieser Aeußerungen hat Heine bei dem Drucke seines Buches gestrichen; sie wird erst jetzt („Zeitschrift für Bücherfreunde" 1917/18, Heft 11/12) von dem schon genannten Professor Hirth mitgeteilt und lautet folgendermaßen: „Trotz dieses Hasses, der sich in seinen (Börnes) Schriften so grell, so sansculotisch, fast schmutzig ausfpvach, würdigte er doch manche hervorragende Eigenschaften dieser Männer, und schon als ich ihn in Frankfurt sprach, gestand er mir ganz naiv: daß er sie nur hassen könne, daß es ihm trotz aller Mjühe ni,cht möglich fey, sie verächtlich oder gar lächerlich zu finden." „Denn sehen Sie", sprach er, ,chie Rothschilde haben so viel Geld, eine solche Unmasse Geld, daßsie uns einen fast grausamen Respekt einflößen; fte identifizieren sich sozusagen nrit dem Begriffe des Geldes überhaupt und Geld kann man nicht verachten. Auch haben diese Leute das sicherste Mittel angewendet. . ." Warum gerade Heine diese Aeußerung unterdrückt hat, wird nicht recht klar, da sie kaum schlimmer ist als andere, die er zum Druck befördert. Immerhin ist es sehr interessant zu sehen, wie .Heine bei 179 —-—- ' der Drucklegung seines Buches vorging und man muß mit Begierde der großen Ausgabe -der Heineschen Schrift über Börne entgegensehen, die Professor Hirth für seine neue textkritische Edition von Heines Werken vorbereitet. L. G. Notizen über Juden ans Barnhagens Tagebüchern. Als Fortsetzung einer Reihe von Mitteilungen, die in Nr. 52 (Jah-rg. 1917) dieses Blattes gegeben worden sind-, gebe ich wieder eine Anzahl zeitlich geordneter Auszüge ans der ungemein wichtigen Quelle. Diese Auszüge erklären sich meist von selbst, sie sollen daher nicht mit vielen Bemerkungen begleitet werden. Nur für die erste sei kurz erwähnt, daß Varnhagen, -der mit Eduard Gans sehr intim befreundet war, über den Genannten außerordentlich viel Bemerkungen bringt, über die Machinationen der Regierung gegen den mißliebigen Professor, über feinen Triurnph an der Universität, seine großen Erfolge als Schriftsteller sowie über seine letzten Tage und die großartige Beerdigung, die dem Plötzlich Gestorbenen zuteil wurde. Die Notizen lauten folgendermaßen: 26. Llpril 1837. Abends mit Professor Gans. Die Verhandlungen der sächsischen Landstände über die Rechte der Juden werden scharf durchgesprochen, die stupiden, kleingeistigen, selbstsüchtigen Widersacher der Juden gehörig bezeichnet. „Und wieviel Juden sind denn in ganz Sachsen, daß diese Lumpenchristen so große Furcht haben?" „Kaum 800." So wenig Juden nur sind da? Ja, da wundert's mich nicht, daß die Sachsen so dumm geblieben sind! Da müßten sie expreß welche, erbitten, damit mehr Gescheitheit ins Land käme. 25. März 1840. Der Prediger Moliere erzählt eine hübsche Geschichte. Ein aufgeklärter Jude folgt dem Rate christlicher Freunde und will sich taufen lassen. Der Geistliche fragt ihn, ob er denn ein rechter Jude sei und alles Jüdische glaube. „Nein, ganz und gar nicht, und deshalb wolle er sich davon lossagen." „Was?" ruft der Geistliche, „Sie glauben nicht an den alten Bund und an die Propheten? Dann - können Sie auch kein Christ sein", und weist ihn zurück. 19. April 1841. Ein jüdischer Arzt Dr. Beer wünscht an der hiesigen Universität Vorlesungen zu halten. Der König hat es ihm nicht erlaubt, um nicht gegen die Verfügung des verstorbenen Königs anzustoßen, der nicht gewollt, daß ein Jude ein Lehramt habe. 5. August 1841. Eine Dame nahte sich mir, es war Madam 3E; sie und die Doktorin Vei-t geborene Man setzte sich, zu mir, letztere so sanft, sinnig und angenehm als erstere hart, leer und unerfreulich. 14. September 1841. Heine hat sich in Paris mit Herrn Strauß auf Pistolen geschlagen und ist an der Hüfte verwundet worden. Seltsame Leute, geborene Juden, die es gar nicht nötighaben, borgen sich ein Vorurteil von den Gojim und brechen einander die Hälse. 3. Februar 1851. Besuch von Dr. Max Ring. Ein kluger, gewandter Mann, der mich im besten Sinn bisweilen an Koress erinnert. In Gleiwitz war er während des Hungertyphus. Er lobt die dortigen Einwohner sehr, die sogenannten Wasserpo-lacken. Sie seien ein gutmütiger und begabter Menschenschlag, nur völlig unterdrückt und grenzenlos elend. 16. Mai 1851. Die Zeitungen bringen -die telegraphische Depesche aus Paris, daß Dr. Koreff am 15. -dort gestorben ist. Es ist mir leid, ihn nicht mehr unter den Lebenden zu wissen, aber ihm war längeres Leben kaum zu wünschen. Er hatte -eine glanzvolle Jugend, ein reiches, wirksames, man kann sagen ruhmvolles Manne satter, dann versank er in schlechtere Verhältnisse, verlor Ansehen und Geltung, verlor seine medizinische Praxis, hatte ein trauriges Alter von Mißvergnügen und sogar Not. Es war nicht denkbar, daß er sich hätte noch wieder erheben können. Von meinen Freunden aus der Zeit des Grünen Almanachs ist er als der letzte aus der Welt geschieden. Ich habe ihn -trotz vieler früheren häßlichen Entzweiungen heiß geliebt und seine großen Eigenschaften sehr geehrt und gepriesen. slleber den letztgenannten Mann, Dr. Koreff, seien einige kurze Bemerkungen gestattet, obgleich ich sonst diese Notizen nicht mit weiteren Zusätzen beschweren will. Koreff war Jude von Geburt, seinem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.