Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1918)
- Date
- 1918-04-12
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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177 — Der Wunsch, Proselyten zu machen, liegt nicht eigentlich im Judentum. Zu fest wurzelt der Glaube an die lebendige Kraft der monotheistischen Lehre, als daß man zu dem Mittel der Ueberreduyg gegriffen. Indessen die Weisheit und Schönheit der Lehre ließ sich niemals unterdrücken, Historiker erzählen, daß die Bürger des verfallenden Rom den tiefteligiösen Charakter der Hebräer anstaunten und daß nicht wenige in den moralischen Bann des Judentums gerieten. So sei die frevelhafte Poppäa, Neros Gemahlin, zur Synagoge übergetreten und habe nur als Jüdin begraben sein wollen. In Haigerloch, so geht der fromme Glaube, war es Gott selbst, der Berge versetzt, ehe die Menschen es inne geworden. DrrWegzdrs^ungknHrrmann Lshn (10. Forts.) Von Clemenrine Krämer (München).. or allem dürfe man sich nicht entmutigen lassen; wenn die eine Redaktion nicht wolle, so müsse man ein anderes Kuvert nehmen und es bei der nächsten versuchen. Aber zunächst bäte er darum, etwas lesen zu dürfen. Das wäre nicht ganz einfach bei ihrer Schrift, — meinte sie, — denn gerade die letzten Arbeiten, die sie für die besseren hielte, seien noch nicht einmal ordentlich abgeschrieben. Aber vielleicht könne sie ihm ein oder das andere vorlesen, und sie bitte, daß er sie einmal besuche. Sie hoffe, sie seien ungestört, er möge um die Teestunde kommen, da wäre der Vater gewöhnlich bei seiner Billardpartie. „Wollen Sie Herr Doktor, gleich morgen?" — Er blieb stehen und verbeugte sich dankbar und feierlich: „Gnädiges Fräulein..." —— „Sitte," unterbrach sie, „sagen Sie nicht gnädiges Fräulein', es ist mir zu — zu — unpersönlich, zu" — sie suchte nach dem Ausdruck — „na ich weiß nicht, nennen Sie mich auf alle Fälle bei meinem Vornamen, ich höre es lieber."-„Glaub's wohl, wenn man auch einen so schönen hat" — und er ließ langsam den Doppelnamen über die Lippen gleiten: „Marie- Louise". Und da gerade eine abschüssige Stelle war, faßte er sie zart bei der Hand. Und konnte nicht anders, als ihr erzählen, daß er einst ebenso die Hand ihres kleinen Schwesterchens habe in der seinen halten dürfen... Da entzog ihm aber das junge Mädchen leise die Hand wieder und ging ein ganz klein wenig voraus. Und Hermann bemerkte, daß er dies lieber nicht hätte sagen sollen. Und zog im allgemeinen daraus die gute Lehre, daß man gar. nicht wenig genug sagen kann, wenn man glücklich und zufrieden ist. Das heißt: daß der Mensch dann wohl über alle möglichen Dinge sprechen «rag, bloß nicht gerade über dieses sein Glück. Denn es ist sein und zart. Und so wie der Staub auf Schmetterlingsflügeln. * Den anderen Mittag bei Tisch fragte der Major von der Uhlenburg seine Tochter, mit wem sie denn da gestern in aller Frühe losgegangen sei. „Mit Magda Ruyter und Horst Bäumte", berichtete sie. Ein Ausflug zu dreien— meinte der Major — sei nie seine Leidenschaft gewesen. Er wäre dann immer um einen zu viel oder einen zu wenig, habe er gefunden. — Es ginge ihr auch nicht viel anders — erwiderte Marie- Louise —, und es habe sich gestern noch ganz gut gemacht da droben, denn auf der Hütte hätte der Bäumke zufällig einen Freund getroffen, der sich ihnen dann zum Heimweg angeschlossen habe. „Ah, ein Freund von Bäumke?" fragte der Freiherr, und ob es auch ein Militär sei. — „Nein Vater", lachte sie, „man bloß ein Mediziner." — Wie er denn heiße? „Doktor Kahn!" — „Wie sagst du, Kahr oder Karl?" — „Nein, Kahn, Doktor Kahn, Vater." — „Du", sagte der Major langsam, „das wird doch kein Jüdchen sein?" — Sie habe keine Ahnung, erwiderte Marie-Louise, es wäre ihr auch ganz egal; übrigens könne ihn der Vater heute nachmittag gleich selbst fragen, sie habe ihn gebeten, um fünf Uhr mit ihr Tee zu trinken. — Das sei ja geschwind gegangen, meinte der Vater, und es werde doch wohl kein Jude sein, sonst würde er kaum die Frechheit gehabt haben, ihre Einladung anzunehmen. Die Tochter erwiderte darauf, daß sie von all dem kein Wort verstünde, ihr sei es ganz egal, als was einer aus die Welt gekommen, sondern bloß, was danach aus ihm geworden wäre. Darauf schrie der Major, ob sie denn jetzt ganz verdreht wäre, und er nähme an, sie ließe es sich heute einfallen, sich in einen kleinen Judenjungen zu verlieben — ihre Ahnen würden sich im Grabe umdrehen... „Gott", erwiderte hierauf die Tochter, „nimm mir's nicht übel, Vater, unsere Ahnen haben wohl längst die Drehkrankheit; damals, wie ich nach Heidelberg auf die Universität gegangen bin, Habs angefangen. Dann, wie ich begann, mir meinen Verkehr selbst auszusuchen, nicht bloß in Ofsizierskreisen!" --— »Nein, wahrhaftig nicht," warf der Major dazwischen. — „Und die vielberufenen Ahnen, Vater, damals, wie Vetter Eberhard seine Prima Ballerina zu einer Freiin von der Uhlenburg machte, und — doch genug der Beispiele! Nebenbei glaube ich gar nicht, daß es einem ordentlichen und einigermaßen vernünftigen Ahnherrn Freude macht, sich immerfort herumzudrehen, denn nehmen wir mal an, der da droben auf dem Bild —" — sie blickte zu dem Oelgemälde auf — „Herr Jörg von der Uhlenburg — wenn der herunterstiege, da würde ich ihm wohl zunächst sagen: -Also Ur-Urgroßpapachen, nehme» Sie mal vor allen Dingen Ihre verstaubte Perücke ab!' Dann würde er mich wohl ein wenig erstaunt aublicken, nicht wahr? Da würde ich aber weiter machen: -Wissen Sie, das ist nämlich unhygienisch'-das müßte ich ihm natürlich auch ., wieder erst klarmachen. Aber wenn er sich dann ein bißchen zurechtgefunden hätte, dann würde er gewiß nicht mehr Zeter und Mordio schreien, sondern sich höchstens ein wenig genieren, weil er so weit hinter seiner Zeit zurückgeblieben ist - . " Und sie wolle es hiermit gleich geloben für alle ihre Enkel und Urenkel und so fort und so weiter für ewige Zeiten, sie könnten da oben auf der Erde tun, was sie wollten, wenn es ihnen gut und recht dünke — was sie — deren Urgroßmama Marie-Louise beträfe — sie würde sich gewiß nicht herumdrehen. Höchstens darüber, daß sie so gänzlich tot sei. Und aus Sehnsucht nach dem schönen lebendigen Leben. Der Freiherr mußte lachen über seiner Tochter wunderliche Einfälle, nahm sich aber nichtsdestoweniger vor, lieber diesen Nachmittag seine Billardpartie im Stich zu lassen, um zu sehen, wie der Hase liefe, wenn dieser Herr Kohn oder Kahn mit seiner Tochter Tee tränke. * Hermann Kahn war pünktlich. Man plauderte ein wenig von dem schönen Tag gestern, dem heute abscheuliches Sudelwetter gefolgt war. Bald begann Marie-Louise auf Hermanns Bitte zu lesen, und schon nach den ersten Sätzen glaubte er gewiß zu sein, daß sie nicht ohne Talent, wie groß dies freilich wäre . . . und übrigens sah sie in dem weichen Seidenkleidchen heute noch viel reizender aus wie gestern in den Bergen-Da aber ging die Türe auf, und der Major fragte ohne viel Umstände, ob für ihn auch noch eine Tasse Tee vorhanden wäre. Und was Marie-Louise vorläse? — Aber die Tochter fragte dagegen, ob der Vater Rahm nähme oder lieber Rum. Obgleich sie genau wußte, daß er nicht plötzlich unter die Antialkoholiker gegangen war. Und sie gab ihrem Gast ein Zeichen, daß er nichts verraten möge.