Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1918)
- Date
- 1918-04-12
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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T 176 Herrscherhauses, atit Rande der Rauhen Alb, die Friedrich Wilhelm IV. allzu anspruchsvoll und mit geringem Stilgefühl wieder aufgebaut. So kunschiftorisch interessant Schloß und Schloßkirche, die man nach Ueberwindung vieler Stufen besucht, so reizvoll der Rokokobau der St. Annakirche auch ist, ich enthalte mich, hier davon zu sprechen. Ebenso erscheint es überflüssig, dabei zu verweilen, daß neben diesen beiden katholischen Gotteshäusern eine evangelische Kirche ihren Platz behauptet. Indessen die jüdische Kolonie mit ihrem Tempelchen in diesem weltentrückten Ort der Verbrüderung konnte Erstaunen erregen und verdient ein kurzes Wort der Würdigung. Der Hügel hinter der evangelischen Kirche, „Haag" genannt, wird ausschließlich von dem'Volk der wunderbaren Lebenskraft bewohnt. Ein freiwilliges Getto in einem Garten Gottes. Denn nicht in traurigen Winkelgassen wühlen Ausgestoßene im Lumpenkram, nicht in dunklen Türöffnungen sticken und stopfen die armen Töchter Zions. Nein, in ländlichen Wohnhäusern auf lieblichem Boden führen die Kinder Jehovas bei vielgestaltigen Beschäftigungen ein menschenwürdiges Dasein. Freilich habe ich später erfahren, daß auch hier der Handel, der Viehhandel, in den Händen dieser Männer, die sich Levi, Behr, Josua Hirsch, Hohenemser usw. nennen und die sich äußerlich die ausgeprägten Merkmale ihrer Rafie erhalten haben, liegt, jedoch ohne daß diese dadurch ein weniger geachtetes Element der Einwohnerschaft bilden, ohne in irgendeinem anderen Gewerbe oder Handwerk behindert zu werden. Es war mir nicht ganz leicht, die Synagoge zu entdecken; denn sie ist kein „aus Säulen ruhender Tempel, innen mit köstlichen Teppichen und goldenem Bildwerk von Granaten und Blumen ausgeziert", wie es der älteste jüdische Tempelbau im trasteverinischen Rom gewesen, jene prächtige Synagoge, die 300 Jahre früher als der St. Peter und der Lateran entstanden. Hier handelt es sich um ein einfaches Bethaus. Der Spruch über der unverschlossenen Tür: „Gesegnet wer kommt im Namen Gottes" begrüßt feierlich und freundlich den Eintretenden. Nur begleitet von zwei rotblonden Mädelchen, machte ich mir den; Versammlungsort der frommen Gemeinde zu eigen. Außer den Kronen von graziösen Formen ist mir Bemerkenswertes nicht ausgefallen. Und doch liegt ein Ahnen von etwas Unnennbarem, Unfaßbarem in dem Raum, der das „Amen und lobe den Herrn" so vieler Gläubigen auffängt. Vielleicht ging vor Jahrzehnten bei der Renovation der Synagoge und des Gemeindehauses auch heiliges Gerät verloren. Jedenfalls ist der Vergangenheit der Gemeinde in Haigerloch — ich habe mir deswegen viel Mühe gegeben — schwer nachzuspüren. Tatsache ist, wie mir vom israelitischen. Vorsteheramt in Haigerloch freundlichst geschrieben wird, „daß damals bei der erwähnten Restauration alle Gemeindeakten der älteren und ältesten Zeit, die nach den obwaltenden Bildungsverhältnissen der deutschen Juden nur in jüdischer bzw. jüdisch-deutscher Schrift abgefaßt waren, mit den alten, unbrauchbar gewordenen hebräischen Büchern heiligen Inhalts, sogenannten Schäaus und Seforim, aus dom israelitischen Kirchhof begraben worden seien und damit der Vernichtung anheimgegeben, weil man sie für heilige Bücher, unbrauchbare, hielt. Ein Rabbiner, der dies verhindert hätte, war gerade nicht in der Gemeinde". Auf das beträchtliche Alter dieser Kolonie kann .man trotz fehlender Dokumente aus der Vergangenheit — die Gemeinde bewahrt nur einen Judenschutzbrief aus dem 18. Jahrhundert und das Bürgermeisteramt einen ähnlichen — durch einen nicht mehr benutzten Friedhof schließen. In der feierlichen Ruhe des Waldes soll „der güte Ort" mit Grabsteinen aus dem 15. und 16. Jahrhundert zu finden sein. Zu spät ward mir davon die Kunde. Es verdient Hervorgehoben zu werden, daß diese wie im Gelobten Land auch Ackerbau treibenden Semiten M den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur in konfessioneller, sondern auch in politischer Hinsicht vollkommen selbständig unter einem Judenschultheiß wirkten". Aus freundlicher jüdischer Feder, durch den Herrn Vorsitzenden und Rabbinatsverweser Wallach, erhielt ich nachträglich schätzenswertes Material für diese Skizze. - An Ort und Stelle vernahm ich aus christlichem Munde manch Auges und ehrliches Wort über das versprengte Volk im Schutze des sogenannten Römerturms, des weithin sichtbaren Wahrzeichens von Haigerloch. — Der mtelligente Buchbinder, bei dem ich als Fingerzeig die illustrierte Postkarte erstand, der seinem Unmut gegen den Krieg kräftigen Ausdruck verlieh, stellte als Lokalfortschritt im Weltunsrieden den uneingeschränkten Religionssrieden in Haigerloch fest. Reibungen und Mißverständnisse unter den Konfessionen waren auch früher nicht zu beklagen, indessen wurde die Schuljugend von zwei katholischen, einem protestantischen und einem jüdischen Berufenen in die Geheimnisse des Wissens eingeführt. Nun, da jene eingezogen, sitzen alle die Männlein und Weiblein auf einer Schulbank, und — „sie beißen sich nicht", so schloß der Berichterstatter lachend. lieber die Entstehung des Getto, des „Haag", läuft eine anmutige Legende im Lande herum. Was das Volk im bunten Traum sich selber baut, das lohnt stets der Mühe, ausgefangen zu werden. Ein Ritter aus der Gefolgschaft deS Haigerlocher Fürsten lernte an einem sonnendurchleuchteten Tage auf Kriegspfaden ein schönes Judenmädchen kennen. Bei seinem rauhen Gewerbe rührten chn die sanften Taubenaugen, und lieblich erschien ihm der Jungfrau Rede. Er begehrte sie zum Weibe, und da ihre Angehörigen den Uebertritt zum Judentum zur Bedingung machtenerbat und erhielt er von dem Fürsten, dem weisen Fürsten, die Erlaubnis zu freiem Tun. In der Burg von Haigerloch, unter Wipfeln mit duftendem Laub, genoß er sein junges Eheglück. Aber das Sehnen, das große Sehnen nach ihrem Volke überfiel die holdselige Frau. Joseph, da chm in den stolzen Pharaonengemächern der Tod nahte, nahm seinen Brüdern einen heiligen Eid ab. Er verlangte, daß seine Gebeine in das Land, das Gott Abraham, Isaak und Jakob geschworen hatte, überführt würden. - In nicht mehr biblischer Zeit sehnte sich eine Tochter Jerusalems in voller Lebenslust nach den feurigen Augen der Genossinnen. Selbst in der Freude ihres Herzens suchte sie jene, die ihre Seele liebte. Der Fürst, an den sich der Ritter abermals wandte, verschloß ihm sein Ohr nicht. Mtleidsvoll gestattete er deni Volke, das den Geboten Jehovas gehorchte, sich im Schatten seiner Burg anzusiedeln. Sobald der Ruf ertönte, eilten die Hebräer herbei. Ledig und frei vom Zwange des Berufs bebauten sie den Hügel, den der kleine Fuß der treugesinnten Rittersfrau so oft beschritt. Noch heute stehen Reste der fürstlichen Burg und sind von Israeliten bewohnt. Eine jüdische Gastwirtschaft: „Zum Fürsten Joses" erinnert an vergangene Zeiten. In der Stadt des Minnesängers Grafen Albrecht von Haigerloch, der ein Schwager Rudolfs von Habsburg gewesen, ist dies ein Geschichtlein, in dem sich Wahrheit und Dichtung harmonisch gepaart.