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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-12 · Heft 15 (12.4.1918) · p. Seite 175

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 15 (12.4.1918)
Date
1918-04-12
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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175 störimgen und dergleichen äußert. Derartige Störungen treten bei Gesunden als Folge von Ueberanstrengungen, bei einem mangelhaft veranlagten oder einem durch Gifte oder andere Schädlichkeiten, wie Alkohol, Lues- Unfälle usw., geschwächten Nervensystem schon bei relativ geringer Leistung auf, und zwar immer in den Teilen des Nervensystems, die überanstrengt werdendie mangelhaft veranlagt sind oder durch die Schädlichkeiten weniger widerstandsfähig geworden sind. Diese Theorie ermöglichte mit einem Schlage die verschiedensten Krankheiten in Zusammenhang zu bringen, die. schier unübersehbare Fülle der EittzelkrcmVheitsbikder zu ordnen und die individuellen Abweichungen zu verstehen. Sie ist der Ausgangspunkt für eine rationelle Therapie geworden und hat, besonders die Bedeutung der Schonung für die etwa durch äußere Ursachen oder angeborene Schwäche besonders gefährdeten Teile des Nervensystems wieder mehr in den Vordergrund gerückt. Gerade wegen dieser Theorie ist Edinger vielfach angegriffen worden, besonders weil man irrtümlich an-, nahm, daß er.dadurch alle Nervenkrankheiten erklären zu können glaubte. Er hat auch vielleicht anfangs 'den Umfang ihrer Bedeutung etwas überspannt. Der Grundgedanke, dessen Richtigkeit er selbst immer wieder an Beispielen darzustellen versuchte, ist unberührt geblieben, hat seine Fruchtbarkeit erwiesen und wird sie auch weiter erweisen. Es würde eine wichtige Seite des Edingerschen Geistes übersehen heißen, würde man seiner Bedeutung als Lehrer nicht Erwähnung tun. Er schreibt einmal: „Die Glücksempfindung ist für den Genialen so charakteristisch; er hat sie aber nicht nur für eigene Arbeit, sondern er empfindet sie sehr wohl, auch wenn ihm von anderen genial Erdachtes oder Geleistetes entgegentritt." Wieder hat er hier einen Grundzug seines Wesens geschildert. Es gibt wohl nur wenige, die so restlos die Leistungen anderer anzuerkennen neigten. Seine großzügige schöpferische Natur kannte nicht das Gefühl des Neides. Es gab für ihn keine persönliche Polemik. Was ein anderer fand, das brauchte er nicht zu finden. So überließ er nur zu gern seinen Schülern die Ausarbeitung seiner Ideen. U überhaupt war das Verhältnis zwischen ihm und seinen Schülern ein ganz besonderes. Hier gab es nichts von der oft unüberbrückbaren Distanz zwischen Dozent und Student, hier gab es noch das alte Verhältnis zwischen Meister und Schüler. Mit rührender Sorgfalt nahm er sich der Studenten und Assistenten an; dieser ungemein fleißige Forscher hatte immer Zeit für jeden, und auf seinem schweren Krankenlager war es ihm besonders schmerzlich, daß er sein Kolleg nicht zu Ende führen konnte; für alle persönlichen Dinge seiner Schüler hatte er immer ein offenes Ohr. Ein ganz unpersönliches Verhältnis vertrug er überhaupt nicht. Auf diesen persönlichen Grundton war auch die ganze Arbeitsweise im Institute eingestellt. Das machte das Arbeiten dort so schön und fruchtbar. Kein Wunder, daß die Zahl der Schüler, die vor Eröffnung der Frankfurer Universität fast ausschließlich aus schon ausgebildeten Aerzten, besonders auch aus dem Auslande bestanden, immer mehr zunahm. Das Institut selbst war unter dem Gedanken, als Forschungs- und Lehrinstitut zu dienen, von Edinger ganz selbst geschaffen. Aus einem einzigen Raum in der alten Senckenbevgscheu Anatomie, in dem ursprünglich nur vergleichend-anatomisch gearbeitet wurde, hat es sich zu einem neurologischen Institute in des Wortes weitester Bedeutung ausgewachsen mit einer Reichhaltigkeit der Sammlungen und einer Vielseitigkeit der Arbeitsrichtung, durch die es wohl einzig dasteht. Nicht nur die normale, vergleichende und pathologische Anatomie des Nervensystemes hatte hier ihre Stätte, physiologische und psychologische Arbeiten wurden hier ausgeführt und die Einrichtung einer klinischen Abteilung war vorgesehen, um einerseits die physiologischen- und psychologischen Vorgänge auch am kranken Menschen zu studieren und andererseits die Erfahrungen direkt am Patienten nutzbar zu machen. Edinger stand noch in der Fülle seiner Schaffenskraft, als die Krankheit ihn zu seinem großen Schmerze am Mitarbeiten hinderte. Er trug sich dauernd mit neuen Plänen, in den letzten Jahren hat er sich besonders mit dem Menschenhirn und seinen Leistungen beschäftigt. Mitten aus einem arbeits- und erfolgreichen Leben wurde er herausgerissen. Er wird in den Annalen der Wissenschaft und in den Herzen seiner Freunde und Schüler weiterlebeü). Lir Juden von haigerloch. Von Margarete Marasse. as Leine hohenzollernsche Bergstädtchen Haigerloch, wie Hechingen und Sigmaringen dem preußischen Staate zugehörig, obgleich im schwäbischen Gebiet, besitzt der Beziehungen viele zur mittelalterlichen Geschichte, zum Minnesang, zur- Romantik und zur Kunst des Barock. Auch landschaftlich lugt der wenig bekannte Ort sehr merkwürdig über der wilden Eyachschlucht ins Grüne. In heiliger Einsamkeit, geschützt von drohenden Tannen auf starrem Fels, scheint er der gewitterschwülen, der furchtbaren Zeit zu trotzen. Eine seltsam zusammengesetzte Bevölkerung, Dinge gegensätzlicher Art, die da droben zwischen den Burgen friedlich nebeneinander ruhen, veranlassen mich, Haigerloch an dieser Stelle ein warmes Wort zu weihen. Die Geschichte der Ansiedlung, die ich lapidar wiedergeben möchte, bietet nicht gerade Ungewöhnliches: Ums Jahr 1061 in den Besitz der Zollern, die sich erst seit dem 13. Jahrhundert auch „Hohenzollern" nannten, gelangt, wurde Haigerlochvon Rudolf von Habsburg zur Stadt erhoben und überflügelte bald all die anderen kleinen Residenzen in der Umgegend. Mit einer Unterbrechung von etwas über 100 Jahren blieb es bis aus den heutigen Tag unter hohenzollernscher Herrschaft. Die schwäbische Habe dieses Hauses wurde im Jahre 1575 geteilt. Eitelsriedrich IV. erhielt Hechingen, Karl Sigmaringen, Christoph, der nachmalige Erbauer der schönen spätgotischen Schloßkirche mit ihrem prächtigen holzbemalten Hochaltar in Haigerloch, diese emporblühende Stadt. Die drei genannten Glieder der jüngeren schwäbischen Linie sind die Stifter der Nebenzweige des hohenzollernschen Hauses geworden. Heute sind diese Gebiete wieder vereinigt. Am frühesten — im Jahre 1634 — erlosch die Linie Haigerloch. Nie verband ein rastloser Strom des Verkehrs das Städtchen mit der Außenwelt, ein gutes Motiv zur Erhaltung der Eigenart. Wer jetzt die lohnende Fußwanderung scheut, der vertraut sich einer klingelnden Kleinbahn an, die langsam und bedächtig bergauf kriecht. Ein Fluß in krausen Wirbeln, über dem im Spätherbst die Nebel brauen. Wiesen und Wälder, der Burgruinen graue Schatten begleiten den Schienenweg. Wie ein seiner, alter Stich harmonischer Architektur liegt plötzlich das Ziel vor den Augen des sinnfrohen Reisenden. Auf steilen Felsen zu beiden Seiten der Eyach, die ein Zustrom des Neckar ist, ragen die Zollernschlösser. Stattliche Dome, ein imposanter frühmittelalterlicher Turm grüßen die Sonne, die der Nebel Herr geworden. Ich gestehe es gern, auf mich war der Eindruck ein wesentlich stärkerer als jener der Zollernburg, der Wiege unseres -’) Edinger ist als Jude geboren und als Jude gestorben. Er lebte s,m Frankflirt a. M., da ihm das Erreichen einer akademischen Stellung anderwärts schwer gefallen war, entfaltete an den dortigen medizinischen Lehranstalten eine hervorragende Tätigkeit und hatte di« Freude, in seinen letzten Lebensjahren an der Frankfurter llniverfxtat lehren zn können. D. Red.

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