Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1918)
- Date
- 1918-04-12
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 sachen selbst nicht geahnte Zusammenhänge zu dringen verstand. Edinger hat diese Art der geistigen Veranlagung — wohl nach seinem eigenen Erleben — in einem Keinen Aufsatz „Der Schöpferische und Kritische" als die Art der „wahrhaft Schaffenden" geschildert, „die immer etwas vom Genie haben, vom Göttlichen". Gerade aus diesem Aufsatz geht auch hervor, daß er sich der Gefahren einer derartigen Arbeitsweise wohl bewußt war und der Notwendigkeit, die durch 'das intuitive Denken erzeugten Hypothesen durch mühsame Kleinarbeit zu stützen. „Erst diese Arbeit", schreibt er, „macht den Genius zum Forscher", und wer die Fülle von Einzelarbeiten von seiner und seiner Schüler Hand zur Verifizierung seiner Hypothesen kennt, der weiß, wie ernst es ihm darum zu tun war, ein Forscher in diesem Sinne zu sein. Das hätten die, die so leicht an manchem einzelnen Fehlgriff Kritik übten, nie vergessen sollen. Er hat sich in dem erwähnten Aufsatz bitter über diese Ueberkritiker, die den Schaffenden eher hemmen als fördern, besonders mit Rücksicht aus Erfahrungen, die sein Freund Paul Ehrlich mit solchen Kritikern machen mußte, ausgesprochen. Er selbst hat unter den Kritikern vielleicht deshalb nicht zu viel gelitten, weil er mit einem großartigen Optimismus Über Enttäuschungen himvegzugehen verstand; nie klagend über Verfehltes, sondern nur eine Lehre daraus ziehend, immer den Blick nach vorwärts, nach neuen Tatsachen und neuen Hypothesen. Er hat gern ein Wort von Eharcot zitiert, der gesagt habe, eine Hypothese ist wie ein Hemd, das man anzieht in dem Bewußtsein, es nach einer gewissen Zeit zu wechseln. Das war ganz seine Denkungsart. So war er selbst längst über von ihm ausgestellte Hypothesen hinweg oder hatte sie selbst umgebildet, wenn seine Kritiker begannen, sie zu kritisieren. Immer aber hat er mit seinen Hypothesen ungemein fruchtbar auf die Forschung gewirkt. Es ist selbstverständlich, daß ein Mann mit so ausgesprochen synthetischer Denkrichtung den Rahmen seiner Wissenschaft soweit wie möglich zu spannen versuchen, daß er alle Grenzwissenschaften einbeziehen und sich ein volles Verständnis für das Ganze des Wissens überhaupt bewahren wird. So war auch Edinger im besten Sinne allgemein gebildet. Das Dazukommen einer ausgesprochen künstlerischen Begabung für Zeichnen und Malen ließ ihn so zu außerordentlich wissenschaftlichen Leistungen berufen sein. Edinger hat seinen Ruhm früh begründet. In seinem dritten Lebensjahrzehnt erschienen seine Aufsehen erregenden ersten Arbeiten über die vergleichende Anatomie des Gehirns, mit 30 Jahren das Buch, das den bescheidenen Titel führte: „Zehn Vorlesungen über den Bau der nervösen Zentralorgane des Menschen und der Tiere", das später so vielfache Neuauflagen und Uebersetzungen in verschiedenste Sprachen erleben und zu dem Handbuch für jeden wissenschaftlich arbeitenden Neurologen werden sollte. Schon vorher hatte es weit mehr Tatsachen umfassende Lehrbücher der Anatomie des Zentralnervensystems, schon vorher eine Fülle der Arbeiten über dessen vergleichende Anatomie gegeben. Das Besondere des Buche? Edingers 'lag darin, daß es zum ersten Male eine zusammenfassende Darstellung von einer solchen Vereinfachung und Uebersichtlichkeit brachte, die einen ganz neuen Ueberblick sowohl über die Anatomie des menschlichen Zentralnervensystems wie auch die vergleichend anatomischen Beziehungen gestattete. Hier hatte sich Edingers Art, wissenschaftlich zn schaffen, zum ersten Male in seiner gangen Größe gezeigt. Dieses Buch wurde der Ausgang einer fruchtbaren Entwicklung der vergleichenden Anatomie des Nervensystems und begründete seinen Ruf als Meister-dieser Wissenschaft. Noch eines machte das Buch so sehr anziehend. Hier war zum ersten Male der Versuch gewagt, diese scheinbar so theoretischen Taffachen in Beziehung zur ärztlichen Praxis zu bringen. Das Buch war ursprünglich für den praktischen Arzt gedacht und ist auch das Buch des praktischen Arztes gewesen. Auch dies ist ein charakteristischer Zug von Edingers Schaffen, über der reinen Theorie niemals den Blick für das Praktische zu verlieren, ein Zug, der ihm so vielerlei für den praktischen 'Nervenarzt tvichtige Entdeckungen aus dem unerschöpflichen Born der theorcmachen lies; und ihn auch geeignet machte, als Arzt in einer sehr ausgedehnten Praxis zu wirken. Es entsprach ganz seinem umfassenden Geiste, daß ihm die Anatomie überhaupt immer nur die Grundlage war für physiologische Betrachtungen. Er hat gewiß, wie kaum einer, zu unserer Kenntnis -des anatomischen Bane-; des Nervensystems beigetrageii. aber doch interessierte ihn der Bau im letzten Grunde vor allein wegen der Möglichkeit, daran? auf die Leistung seines Träger? schließen zu können. Damit war ihn die Beziehung der Anatomie zu den Nervenkrankheiten der Menschen, die ja nichts anderes all- Leistungsstörungen des Nervensystems sind, und zu vergleichendpsychologischen Untersuchungen der Leistungen der Tiere gegeben. Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier die Fülle der Arbeiten, durch die Edinger auf vielfachen Wegen die Neurologie bereichert hat, auch nur anzuführen. Es konnte mir nur darauf ankommen, Edingers Geistesrichtung, die sich i» ihnen allen ausspricht, zu charakterisieren. Nur auf ein:' seiner Theorien möchte ich noch eingehen, weil sie wieder sin diese so charakteristisch ist und die Fruchtbarkeit seines Denkeman einem praktisch so wichtigen Problem wie die Entstehn ml der Nervenkrankheiten zeigt. Diese Theorie ist unter dem Namen der „Aufbrauchtheorie" bekannt. Sie geht, basierend auf Anschauungen Weigerts, von der Tatsache aus, daß bei der Tätigkeit des Nervensystems Stoffe verbraucht werden, die wieder ersetzt werden müssen, wenn das Organ normal funktionieren soll, und die beim gesunden Individuum erseht werden. Ist nun der Verbrauch ein abnorm großer oder tritt aus irgendeinem Grunde kein genügender Ersatz ein, so kommt es zu einem dauernden Schwund nervöser Substanz, zu einem „Aufbrauch", der sich in verschiedenen Funktionsstörungen, die wir bei den Nervenkranken finden, wie Lähmungen, Gefühletischen Forschung Prof. Dr. Ludwig Edinger