Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1918)
- Date
- 1918-04-12
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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173 etwa um Vordrängen seitens der Juden — unsere Glaubensgenossen in größerer Anzahl in solche Kommissionen gewählt worden sein, so müßte das Wiener. Blatt, wenn es ehrlich wäre, bedenken, daß Juden seit Jahrhunderten eben infolge der Kurzsichtigkeit der Regierungen, die ihnen viele andere Berufe verschlossen hatten, zum Handel, besonders mit Getreide und mit Vieh, gedrängt worden find, daß sie sich in dieser Beschäftigung Kenntnisse und Geschicklichkeit erworben haben, und daß sie endlich die Zuverlässigkeit besitzen, die viele unter ihnen zu solch verantwortlichem Posten geeignet macht. Der „Frankfurter Zeitung" entnehmen wir folgende Notiz: Wien, 3. Aprile Die Begnadigung des Leopold Hilsner, der wegen Ritualmord angeklagt und seinerzeit wegen angeblicher Mitschuld an einem solchen Mord zum Tode verurteilt worden war, qibt den Blättern Anlaß, auf diesen dunkelsten Punkt der österreichischen Justiz zurückzukommen. Die Erhebung der Anklage war im chchre 1901 während der Hochflut des Wiener Antisemitismus dem damaligen Justizminister Dr. v. Rubner vom antisemitischen Ws^eordneten Schneider durch die Drohung mit persönlichem Skandal aögezwungen worden. 'Das ganze Verfahren stand unter dem Druck der vereinigten tschechischen und deutschen Antisemiten, von denen jene im Juden immer zugleich den Deutschen treffen wollten. Obgleich die Unschuld Hilsners für jeden Denkenden feststand und auch durch die medizinische Fakultät in Prag nachgewiesen war, wagte doch keine Regierung, den Verurteilten zu begnadigen oder ein neues Verfahren einzuleiten. Erst jetzt wurde die kaiserliche Amnestie aus Anlaß der Geburt des jüngsten Prinzen benutzt, das Opfer der Hetzer, das achtzehn Jahre im Kerker zugebracht hat, wieder in Freiheit zu setzen. Blätter, wie die „Reichspost" und die „Ostdeutsche Rundschau", betreiben nun eine zügellose Judenhetze, die gerade jetzt eine schwere Versündigung am österreichischen Deutschtum bedeutet. * Noch immer ist es Zeit, sich an der 8. Kriegsanleihe zu beteiligen. Wir können die häufig unseren Lesern ausgesprochene Mahnung wiederholen: Zeichnet, ein jeder nach sein e n K r ä f t e n! Bedenkt die Kleinheit des Opfers gegenüber den schweren Leiden und Entbehrungen, die so viele Millionen älterer Männer und Jünglinge/ die aus ihrem Berufe, ihrer Bequemlichkeit gerissen worden sind, für das Vaterland bringen! Bedenkt ferner, daß das, was ihr entbehrt, verschwindend Tein ist gegen die entsetzlichen Qualen berer, die in den Kriegsgebieten oder deren Nähe leben! Zeigt euch durch reichliche Zeichnungen würdig, einem Heldenzeitalter anzugehören, beweist euch ebenbürtig «den Tapferen, die für euer Wohl und euer künftiges Heil kämpfen, leiden und sterben! * In der „Blochschen Wochenschrift" finden wir einen lehrreichen Artikel von R. Gurau über „Die Juden in Neuseeland". Darin wird konstatiert, daß Antisemitismus in Neuseeland nicht existiert, daß mehrere Juden Minister waren, daß Juden in Kommunalämtern vielfach beschäftigt waren! und sind. Ihre Haupttätigkeit entfalten sie aus dem Gebiete des Handels imb der Industrie, aber auch als Schriftsteller, Künstler, Forscher haben sich viele hervorgetan. Patriotismus haben sie ilnmer bewährt. Dann heißt es: Ein eigentliches jüdisches Gemeindeleben existiert nur in den vier größten Plätzen der Insel, in Auckland, Dunedin, Wellington und l'hristchurch. Auckland hat die älteste Gemeinde (gegründet 1859) und die schönste Synagoge aus einem von der Regierung geschenkten hochgelegenen Platze erbaut. Auckland hat mehrere jüdische Vereine und eine von sechzig Kindern besuchte Schule. Rabbiner Goldstein amtiert über dreißig Jahre. Die Gemeinde Dunedin wurde 1861 begründet, die heutige Synagoge wurde 1881 erbaut. Dieselbe ist die am weitesten südlich gelegene Synagoge der Welt. Die Synagoge in Wellington wurde 1870 errichtet, Rabbiner Van Staderen amtiert über fünfzig Jahre. Die jüdische Schule wird von 75 Kindern besucht. Christchurch existiert gleichfalls eine kleine Gemeinde mit einer Synagoge. In Auckland und Wellington leben etwa je 500, in Dunedin 200, in Christchurch 150 Juden, der Rest der jüdischen Bevölkerung lebt in den kleineren Plätzen des Landes. Synagogen existieren noch in Nelson- Timaru und Hokitika, kleinere Gemeinden in Palmerston North und Masterton. Neuseeland ist nicht die einzige Insel im Pazifischen Ozean, auf der sich Juden niedergelassen haben. Selbst auf Inseln, die nur eine sehr spärliche weiße Bevölkerung haben, finden wir jüdische Siedler, Kaufleute, Handwerker und Pflanzer. So auf den Fiji-Jrrseln, wo etwa zwanzig jüdische Familien leben. Hier war P. S. Solomon (1830 bis 1895) Staatsanwalt und Mitglied des gesetzgebenden Allsschusses, in dem außer ihm noch zwei angesehene jüdische Siedler, S. L. Lazarus und H. Marks, saßen bzw. sitzen. In den Truppenteilen der Insel finden wir Major H. Marks und Leutnant D. I. Solomon. In geringerer Zahl leben Juden auf Tonga, auf den Cookinseln, in größerer Zahl (etwa 25) in Neukaledonieu (französisch), wo einige hohe jüdische Regierungsbeamte stationiert sind, ferner auf Tahiti (französisch), auf Samoa (deutsch), auf Honolulu (amerikanisch), wo etwa 100 Juden leben; in Sango-Sango, der amerikanischen Flottenstation Samoas, ist Zolldirektor Bloch stationiert Ueberall haben die jüdischen Siedler zur Blüte und Entwicklung der Inseln beigetragen und nehmen eine geachtete Stellung ein, | Krok. Sr. Ludwig Ldmsrr. | Don Kurt Gold stei n1). m 26. Januar ist Ludwig Gdinger gestorben. Wäre die Welt Heute nicht in feindlich sich gegenüberstehende Teile zerrissen, so würde die Nachricht von Edingers Tode die ganze wissenschaftliche Welt in Trauer versetzen. Denn er war ein Gelehrter von Weltruf. Als man im Jahre 1914 daran ging, seine Freunde und Schüler zur Mitarbeit an einer Festschrift zu seinem 60. Geburtstag aufzusordern, foa stimmten die bekanntesten Fachgelehrten nicht nur Deutschlands, nicht nur aller Nationen Europas, sondern auch aus Amerika und Japan mit beredtesten Ausdrücken dem Plane zu. Aus ihren Briefen sprach die Verehrung für die Leistungen Edingers und die Zuneigung zu feiner Persönlichkeit, die bei ihm immer Hand in Hand gingen. Und das ist nur zu natürlich; denn seine Leistungen flössen im vollsten Sinn aus seiner ganzen Personlichkeit. Man kann unter den Forschern zwei Typen unterscheiden; einen, der nur mit dem Verstände an die Dinge herangcht und mit Scharfsinn Stein für Stein zusammenträgt, um aus ihnen nach kritischster Sichtung in vorsichtigster Weise ein Gebälide zu errichten. Meistens kommen sie nicht zu diesem Bau, sondern bleiben ganz in ihrer Kritik und Kleinarbeit stecken. Die anderen dagegen verlieren über der Fülle der Einzelheiten niemals den Blick für das Ganze, ja, sie schauen in genialer Intuition vorahnend das Ganze schon, ehe die es zusammensetzenden Teile gesunden find, und sie scheuen sich nicht, auch wenn noch nicht alle Teile beisammen sind, schon das Ganze wenigstens in der Idee zu skizzieren. Ihnen schließt, wie Helmholtz gesagt hat, aus vielem Gedachten ein Geistesblitz zusammen, der alles erleuchtet. Das sind die wahrhaft Großen, die zwar manchmal über das Ziel hinausschießen und manches einzelne übersehen, die aber allein die Wissenschaft weiterbringen. Tin solcher Mann war Edinger. Wer bei ihm arbeitete, war immer wieder erstaunt über die Fülle von Ideen, die er tagtäglich entwickelte, über die prachtvolle Art, in der er sofort alle neu erfundenen Tatsachen ausgriff und sie mit älteren in neue, von dom Entdecker der neuen Taty Aus der „Frankfurter Zeitung" mit Erlaubnis des Verfassers abgedruckt.