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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-12 · Heft 15 (12.4.1918) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 15 (12.4.1918)
Date
1918-04-12
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 Bezirksausschusses, wurde in tierischer Weise ermordet. Die Lage ist verzweifelt. Es werden Hilfsausschlüsse gebildet. Auch aus der Ukraine . werden JudMpogrorne gemeldet. ,Jn Gluchow wurde fast die ganze jüdische Bevölkerung ermordet. Man darf die Notiz wohl als grauserkerregend bezeichnen, nicht nur wegen der Tatsache, von der sie Kunde gibt, sondern auch wegen der Aussichten, die sie eröffnet. Wenn in dem eben frei gewordenen Rußland ähnliche Dinge möglich sind, wie sie in dem zaristischen leider zur Tagesordnung gehörten, dann sind unsere Aussichten für die Zukunft höchst betrübend. * Auch sonst werden schlinrme Nachrichten verbreitet: Iudenversolgtungen in Bießarabien. Dem Jüdischen Preßburoan in Stockholm wird ans Petrograd telegraphiert: Airs absolut zuverlässiger Quelle ist in Odessa die Nachricht einget rossen, daß die jüdische Bevölkerung in dem von den rumänischen Truppen besetzten Behara-bien -der gvausamsten Verfolgung ausgesetzt ist. Die runränische Militärgewalt geht gegen die Juden des okkupierten Gebietes auf die brutalste Weise vor. Leben und Eigentum der jüdischen Bevölkerung sind der rumänischen Soldateska schutzlos ausgeliefert; Brandschatzungen der Juden sind an der Tagesordnung. Als die Nachricht von diesen Vorgängen nach Odessa gedrrmgen war, sprachen die Herren Assischkin und Schwarz im Namen des Odessaer Zionistischen Rahonkomitees beim englischen Konsul vor und erbaten die Intervention Englands bei der rumäntschen Regierung zugunsten der imglücklichen Juden Beßarabiens. Ein Verbrechen der ukrainischen Regierung. E r m o r d u n g eines j ü di sche n S o ld a ten Vorstehers in Kiew. Das Jüdische Pveßbureau in Stockholm meldet: Wir .erfahren erst jetzt von einem schrecklichen Vorfall, der sich in Kiew anfangs Februar ereignete. Nach Kiew wurde der erste Teputiertenkongreß der jüdischen Heeresangehövigen Rußlands einberufen, der unter anderem zur Aufgabe hatte, ei.ne Soldatenorganisation für den jüdischen -Selbstschutz zu schaffen. Zur Abhaltung des Kongresses in der Hauptstadt der Ukraine war die -formelle Zustimmung -der ukrainischen Zentralrada eingeholt. Der Kongreß trat unglücklicherweise zu .einem Zeitpunkt zusammen, wo der Bürgerkrieg in der Ukraine ausgebrochen war. Er war kaum eröffnet, als er durch einen Befehl des Militärkommandanten der Stadt Kiew ansgelöst wurde. Eine Abordnung des Kongresses unter Führung feines Vorsitzenden Vogel begab sich hierauf zu den: Militärkommandanten, um ihn über den Charakter des Kongresses aufzuklären und ihn dazu zu -bewegen, den Auflöfunglsbefehl zurückzuziehen. Allein der Kommandant ließ die Abordnung nicht zu Worte konrmen, schimpfte auf die Juden los, die er sämtlich als Feinde der Unabhängigkeit der Ukraine bezeichnete. Vogel wurde hierauf verhaftet und abgeführt. Am folgenden Tag erfuhr man, daß der Führer der jüdischen Soldaten auf Befehl des Kommandanten erschossen wurde. Die jüdischen Mitglieder der Rada, über diese Mordtat entsetzt, forderten irr einer dringenden Anfrage an das Generalsekretaviat Aufklärung über das Geschehene. Das Generalsekretariat begnügte sich mit -der Erwiderung, daß momentan die ganze Macht i.n Händen des Militärkommandanten rrrhe. Als Protest verließen die jüdischen Mitglieder die Sitzung, und der Sekretär für jüdische Angelegenheiten, Silberfavb, legte sein Amt nieder. * Sonst ist von jüdischen Dingen nicht übermäßig viel zu berichten. Das Pesiachfest ist glücklicherweise vorübergegangen, ohne daß Ritualmordmärchen verbreitet wurden. Aber die unschuldigen Mazzoth mußten herhalten, um einen Ausbruch des Antisemitismus zu ermöglichen. Die „Wahrheit", ein Blatt, mit dem wir uns ungern beschäftigen, beklagt sich in einem Artikel „Lebensmittelrationierung und Mazzothfabrikation" darüber, daß den Juden in Filehne reichlich Mehl zur Zubereitung des Osterbrotes zur Verfügung gestellt worden sei, ja, daß auch Wagen und kräftige Pferde zur Anfuhr von Mehl gestellt worden seien, während die christliche Bevölkerung (wirklich bloß die christliche?) während der Winterszeit die Abende im Dunkeln hätte verbringen müssen, weil es an Wagen zur Beförderung von Petroleum gefehlt habe. Wir würden es vermeiden, uns mit diesen Vorgängen in einer Kleinstadt zu beschäftigen, wenn diese Sache nicht auch eine sehr ernste Seite hätte. Die „Wahrheit" entrüstet sich nämlich darüber, daß in Filehne das Kuchenbacken verboten sei, während das Backen von Mazzoth behördlicherseits gleichsam unterstützt wurde. Sollte es dem Verfasser des Artikels wirklich nicht bekannt sein, daß es sich bei diesem österlichen Gebäck nicht um eine Leckerei, sondern um die Herstellung eines nach ritueller Vorschrift nötigsten Lebensmittels handelt? Sollte er nicht wissen, daß die ganze jüdische Bevölkerung in Filehne und in vielen anderen kleinen Städten acht Tage lang des wichtigsten Lebensmittels entbehren müßte, wenn ihr nicht das Backen ungesäuerten Brotes ermöglicht wäre. Man nun; über solche Vorschriften denken wie man will, aber das Backen des Peffachgebäcks mit dem von Kuchen auf die gleiche Stufe zu setzen, beweist doch nur einen hohen Grad von Unkenntnis und Böswilligkeit. * Nicht minder böswillig verfährt in anderer Angelegenheit die Wiener „Reichspost". Sie erzählt ihren Lesern von der ungeheuren Agitation innerhalb der zionistischen Jugend unD weiß folgendes zu berichten: . Dabei reflektieren selbstredend die Herren Glanz, Schach, Hosmami imb Genossen zuerst auf die Hochschüler. So tagte während des Krieges — also zu einer Zeit, wo die meisten arischen Korporationen wegen der Militärdienstleistung ihrer Mitglieder inaktiv sind — im Oktober 1916 ein Kartell jüdischer Verbindungen in Deutschland, dns den Anfang einer alljüdischen Gesamtorganisation der Akademiker darstellt und sehr guten Besuch aufzuweisen gehabt haben soll. Sie können es, denn der Aktivenstarrd ihrer Verbindungen ist durch den Krieg kaum merklich vermindert worden — sagt doch schon der Talmud: „Wenn du in den Krieg ziehest, so gehe an letzter Stelle, damit du als erster heimkehren kannst." Das nächste Agitation-) material ist die Schülerschaft. Da ist Deutschland und.Oesterreich mit den „Blau-weiß"-Verbänden gesegnet, die offiziell ihr Unwesen treiben, während die Tausende von zionistischen Geheimbünden an den Mittelschulen im stillen arbeiten. 1915 mußte in Wien auch eine zionistische Mädchenvereinigung „Moriah" gegründet werden, zwecks Hebung des „Nationalgefühls". Am 1. März wurde ein jüdisches Jugendheim in der Leopoldsladt eröffnet. Aus die hier gemeldeten Tatsachenwollen wir im einzelnen nicht eingehen, eine Stelle aber des in ungemein boshaftem Tone gehaltenen Artikels darf nicht unbesprochen» bleiben. Sollte wirklich die von der Wiener Zeitung angeführte Stelle im Talmud Vorkommen, was ich nicht glaube, so gehört ein hoher Grad von Unverfrorenheit dazu, gerade den jüdischen Studenten Mangel an Patriotismus vorzuwerfen. Ich bin wahrlich kein Freund der Zionisten, aber ich halte es gerades für schändlich, sie des Mangels an Mut zu bezichtigen, nachdem die Mitglieder gerade der zionistischen Vereinigungen sich opfermutig zu den Waffen gedrängt haben. * Dasselbe Wiener Blatt entrüstet sich ferner darüber, das;, nachdem die „Gig" —- Getreide-Jmport-Gesellschaft — viele jüdische Mitglieder aufweise, nun auch die „Ost", womit die neugegründete Gesellschaft für Austausch der Waren mit der Ukraine bezeichnet wird, ausschließlich aus Juden bestehe und daß an ihre Spitze ein Herr Lippschitz gesetzt sei. Wahrscheinlich übertreibt auch in dieser Mitteilung das Blatt außerordentlich und seine Klagen, daß infolge der Bevorzugung der Juden „das bodenständige Gewerbe und die Kleinindustrie" an dem Import nicht teilnehmen können, ja daß „der christliche Mittelstand dadurch geradezu an die Wand gedrückt wäre", sind höchstwahrscheinlich der Wahrheit nicht entsprechend oder gänzlich gegenstandslos. Sollten aber wirklich durch Regierungsbeschluß — denn darum handelt es sich, und nicht

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