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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-12 · Heft 15 (12.4.1918) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 15 (12.4.1918)
Date
1918-04-12
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170. solchen Fällen spendete er seine Achtung nur dem Charakter/ nicht dem Geist. >Eine solche grandiose Einseitigkeit bildete wie seine Schwäche, so auch seine Größe. Aus der Mittelmäßigkeit, der Leichtfertigkeit und der Charakterlosigkeit ragte er empor wie ein starrer Fels. Er war und blieb ein unentwegt treuer Jude. Nicht ein Gläubiger in landläufigem Sinne. Er lebte frei, ohne Ne Vorschriften zu 'beachten und ohne die traditionellen Gebräuche mitzumachen. Aber er hatte einen gewissen Hain; zu den Konservativen,, weil diese seiner Meinung nach die Treue mit .größerer Beständigkeit wahrten und damit den Fortbestand des Judentums mit stärkerer Sicherheit zu verheißen schienen. Und doch war er innerlich von ihnen geschieden. Tenn nicht dem Buchstaben und nicht dem Ritus galt seine besondere Verehrung, sondern dem prophetischen Wort. In den machtvollen Verheißungen der großen Seher, in ihren Mahnungen und Klagen, in ihrer Hoffnung auf ein messianisches Reich sah er das eigentliche Ideal verkörpert. Dieses zu verkünden, die große Wellaufgabe des Judentums zu lehren, in immer neuen flammenden Worten, die 'durch Wiederholung an ihrer begeisternden Kraft nichts einbüßten und in ihrer jugendlichen Frische nichts von der Schwäche des Alters verrieten, empfand er als seinen wahren Beruf. Durch solche ständigen Wiederholungen wurde er, ähnlich wie Ernst v. Wildenbruch und Hermann Grimm für das Deutschtum, der wahre Herold für das Judentum. Gerade in seinen letzten Lebensjahren, nachdem er die Bürde seines Amtes niedergelegt hatte, ohne dadurch seine Würde einzubüßen, nachdem er seine großen Werke vollendet hatte, ohne sich dadurch zur Ruhe zu verdammen, im Gegenteil, neue Pläne ersinnend und die literarische Welt mit schönen Gaben überschüttend, zum Beispiel einem feinsinnigen Sch'riftchen über Mozart, überschüttend, nicht überraschend, denn denen, die ihn kannten, war sein Enthusiasmus für den lieblichgewaltigen Tonkünstler kein Geheimnis. Gerade in dieser letzten Epoche seines Lebens konnte man sicher sein, seine Stimmt in allen Angelegenheiten zu vornehmen, die das Judentum bewegten. In den aufregenden Käinpfen gegen den Antisemitismus, in der Frage Deutschtum und Judentum, in der Palästinaangelegenheit, in der brennenden Frage des Ostjudentums erhob er seine Stimme. Noch unmittelbar vor dem ungeheuren Weltkrieg unternahm er, den man nach seinem Aussehen und seinen bedächtigen Bewegungen für greiser hielt, als er wirklich war und sich fühlte, eine Reise nach Rußland, von der dortigen Intelligenz, der jüdischen und nichtjüdischen, begeistert empfangen, von der Menge angestaunt, von Zweifelnden und Zurückgebliebenen mit scheuer Ehrfurcht begrüßt, und brachte gewaltige Eindrücke in die Heimat zurück, die er beredten Mundes verkündete. In seinem leicht erregbaren Enthusiasmus erblickte er gerade in den lange geknechteten Glaubensbrüdern des Ostens die Träger einer neuen Kultur, die Pioniere einer gewaltigen Zukunft. Den Zionismus behandelte er unentwegt als gewaltiges Kulturproblem, nicht von vornherein feindlich gegen ihn gestimmt, aber ihn als mit seiner deutschen Gesittung und Gesinnung unvereinbar betrachtend und infolgedessen ihn mit starker Leidenschaft bekämpfend. Noch zuletzt bewegte ihn der von anderen rasch jugendlich aufgeworfene, mit eckigen über das Ziel hinausschießenden Folgerungen begleitete Vorschlag einer jüdischen Akademie auf das tiefste; er trat mit lodernder Begeisterung dafür ein, in einer solchen Akademie weniger eine Krönung des Gebäudes, sondern mehr eine Vorhalle erblickend, in der die Jünger der Wissenschaft ihre geistige Ausrüstung und ihre innerliche Kräftigung empfangen sollten. So war er ein A l t e r, der ewig jung blieb. Er widerlegte durch sein Beispiel den oft gehörten Vorwurf, daß die Alten! nur die Lobredner einer vergangenen Epoche zu sein vermöchten. und kein Verständnis für das Neue, keine Begeisterung für plötzlich aufkommende frische Gedanken besäen. Er war ein Volks mann, der trotz seiner strengen Gelehrsamkeit, seiner klassischen Bildung, die sich auch in seiner mitunter schwerflüssigen Ausdrucksweise kundgab, gelegentlich das Wort fand, das den Massen verständlich war. Er war ein Gelehrter, der, obgleich er schon durch die Schwerboweglichkeit, die ihm mehr durch den leidenden Zustand seiner Augen, als durch Gebrechlichkeit ausgezwungeii war, zwar am liebsten in seinem Studierzimmer weilte und den Platz an seinem Arbeitspulte nur notgedrungen verließ, doch der Stimme zu lauschen verstand, die aus der Tiefe der Volksseele in die stille Gelehttenstube drang. Er war ein Deutscher, der, indem Herzen Deutschlands geboren, deutsche-Kultur voll und ganz in sich ausgenommen hatte, der trotz seiner weiten Reisen und trotz seiner intimen Bekanntschaft mit ausländischer Kunst nie einem vagen KosmopolitiSmus seine Seele öffnete, vielmehr stets das Bewußtsein des Deutschtums in sich nährte und zu heftigem Zorn aufflammen konnte, wenn ihm oder den Seinen der Platz am deutschen Herde streitig gemacht werden sollte, den er sich als mannhafter Kämpe errungen zu haben glauben durste. Er war ein Jude, der, wohl vertraut mit 'der hebräischen Sprache und der Wissenschaft des Judentums, den innigen Zusammenhang, dieser Lehre mit den übrigen Zweigen der Wissenschaft wohl erkannte, der an eine stetige Entwicklungsmöglichkeit seiner Religion glaubte, der die Grundlehren des Judentums, namentlich wie sie von den Propheten festgestellt waren, als, ewige Heilswahrheiten anerkannte und der in diesem Begriffe der Ewigkeit eine Bürgschaft erblickte für den Zukunftsberuf der Lehre, der nicht im engumschlossene» Staatsdasein, sondern in einer weltumfassenden und befreienden Wirksamkeit zu erfüllen sei. Dieser Alte mit dem weißen gewaltigen Kopf, der doch durch ein jugendliches, gewinnendes Lächeln verschönt ward, dieser tiefgründige, eigenartig denkende Gelehrte, der ein seines Verständnis für das Denken der Menge sich zu eigen gemacht hatte, dieser Deutsche, der die weise Mäßigung Goethes mit den polternden Zornesausbrüchen Luthers vereinigte, dieser Jude, der ebenso den Offenbarungen aus der Vorzeit lauschte, wie die Verheißungen für die Zukunft sohergleich zu ergründen, wie zu verkünden wußte, war zugleich ein edler Mensch. Gewiß war er nicht frei von menschlichen Schwächen: allzu lehrhaft in seinen Auseinandersetzungen, erfüllt von einem manchmal zu kräftig hervortretenden Selbstbewußtsein, leicht empfindlich gegen Aenßerungen anderer, nicht ohne Starrsinn im Verfechten seiner Behauptungen. Aber wie sehr wurden diese Schwächen durch seine Vorzüge überwogen. Denn er war kindlich, grundgütig, voll freudiger Anerkennung 'des Bedeutenden', was andere leisteten, bereit. Mitstrebende zu fördern. Leidende zu unterstützen, milde gegen die Schwache», nachsichtig denen gegenüber, die aus Unkenntnis fehlten. Wv er guten Willen erkannte, sparte er nicht mit Lob, unnachsichtig war er bloß gegen die Trägheit und gegen heuchlerische Verlogenheit. « Für den älteren Mann, der das Mitleben mit der Gegenwart nicht aufgeben mag und der seiner ganzen Natur nach aus eine Erfüllung in der Zukunft hofft, ist es ein überaus schmerzliches Gefühl, beim Heimgang wirklich großer Männer das Wort brauchen zu müssen: Er war! Aber der Geschichtsschreiber, der seinem Berus« gemäß nun einmal fast ausschließlich von der Vergangenheit zu reden hat, schöpft aus dem Gewesenen eine Verheißung, für das Werdende. Für ihn ist der Kreislauf des Lebens und die Unvergänglichkeit des Seins kein leerer Wahn, sondern eine tröstende Verkündigung,

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