Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1918)
- Date
- 1918-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 15 {ÜffynAH^A t t'tA Berlin, 12. April 1918 unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zettrmg erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: durch den Buch- Händel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich S M. — Postscheckkonto 32h. Begründet von «abbtner vr. LndVig Phtlippfo« Unter Leitung des . Geheimen Regierungsrats Pr-feff-r l^. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. TfItftHermann Cohen. Ein Gedenkblatt von Ludwig Geiger. — Die Woche. — Pros. Dr. Ludwig Edinger. Von Kurt Goldstern.— Die Juden von Hargerloch. Von Margarete Marasse.— Feuilleton: Der Weg des jungen Hermann Kahn. Von Clement ine Krämer (München). — Ben Akiba. Von Ottilie Franzos. — Miszellen. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus — Nachtrag zu MegillaS Beisingen. Von L. G. , Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Königsberg i. Pr., Aus der Provinz Posen, Schwerin i. M., Hamburg, Kassel, Zürich, Wien. — Von Nah und Fern. | hrrmsnn Lohen. | _ Ein Gedenkblatt von Ludwig Geiger. In dem beginnenden Frühling, «der mühsam gegen den zäh widerstrebenden Winter kämpft, inmitten der blutigen Schlachten, 'die, wie wir mit ihm hofften, zum endgültigen Siege führen werden, am letzten Tage >des Pessachfestes, in der Morgenfrühe des 4. April, ist Hermann Cohen gestorben. Seit längerer Zeit war erleidend, in den letzten Tagen hatte er eine schwere Krankheit durchzumachen, die von treuen Aerzten, aufopfernden Pflegern und Pflegerinnen mit allen Mitteln bekämpft wurde, trotzdem mußte er dem tückischen Feinde erliegen. Er hat sein Alter auf 'beinahe 76 Jahre gebracht. - Kann man den glücklich preisen, -der trotz mancher Mühen und Kämpfe, trotz vieler Befehdungen uud mancher Verkennung sein Lobenswert zu Ende geführt, der in verhältnismäßig jungen Jahtren die höchsten akademischen Würden erlangt, eine Schule begründet hat, deren Mitglieder ihren Meister verehrend priesen, der in glücklicher Ehe mit einer ebenbürtigen Gefährtin länger als drei Jahrzehnte gelebt hat, den-, der als treuer Bekenner seiner Religion es zustande brachte, ohne eine offizielle Stellung innezuhaben, von seinen Glaubensgenossen als geistiger Führer anerkannt zu werden, so war er glücklich. ' Und doch blieb ihm menschliches Leid nicht erspart. Denn bei allen Erfolgen, die er während -eines fast vierzigjährigen Wirkens in Marburg erreichte, zehrte an ihm 'der Schmerz, daß die-Berliner Universität, -obgleich mehrmals dort für ihn Platz gewesen wäre, ihn. nicht berief, daß -weder die Kant- Gesellschaft ihn, den Berufensten, zu ihrem Leiter wählte, noch die große in der Beniner Akademie herausgegebene Kant- Ausgabe sich ferne Mitarbeit sicherte, und daß weder die Berliner Akademie noch eine der großen gelehrten deutschen Körperschaften-ihn zu ihrem Mitgltede au-sersah. Trotz feiner glücklichen Ehe, trotz oder wegen des -innigsten Zusammenlebens mit feiner -Gattin und «dem Kreise der Ihrigen, der sich voll Bewunderung und inniger Teilnahme um ihn scharte, empfand er -es als ein tiefes Weh, keine Nachkommenschaft zu besitzen. Und trotz seiner anerkannten Stellung im Judentum ward er von tiefer Trauer beseelt darüber, daß anstatt der Einheit, die er in -der väterlichen Religion ersehnte, vielfache Spaltungen sich kundgaben, die den Zusammenhang zu zerreißen drohten, daß -der Antisemitismus, statt zu -verschwinden oder auch nur abzuflauen und -einer völligen Anerkennung der Juden Platz.zu.machen, immer, trotziger sein Haupt erhob, daß der Zionismus, dem er aus tiefster Seele entgegen war, immer weitere Kreise zog, -die Jugend beherrschte und nach seiner Auffassung vergiftete. So zeigt sich in seinem Leben, trotz sieghaften Fortschreitens und bedeutender Erfolge, ein tragischer Zug, -wie im Leben aller großen Einsamen. Denn er war ein Einsamer. „Ein Mann für sich" nach jener -charakteristischen Bezeichnung, wie ihn die Dunkelmännerbrief-e für -einen der Großen des 16. Jahrhunderts, für Desiderius Erasmus, geprägt haben. Ein Mann für sich in seiner Wissenschaft. Er war von Plato ausgegangen, hätte Kant zu seinem Meister -gewählt, dessen System er tief -ergründete, verständnisvoll -ausbaute und geistvoll fortsetzte. Aber neben diesen Göttern erkannte er keinen an. Mit starrer Einseitigkeit zog « seine Bahn, ließ neben diesen Meistern keinen einzigen gelten, verschloß seine Augen gegen neuere Richtungen, wollte nichts wissen von dem mächtigen Einfluß der Naturwissenschaft und sparte nicht harte, -vom heiligen Zorn -eingegebene Worte gegen Mitstrebende und Vertreter anderer Richtungen. Eine ähnliche Einseitigkeit ließ er auch walten auf dem Gebiete der Natur und der Kunst. Er sah nur >die Höhen, liebte ausschließlich das Grandiose und ging achtlos vor dem Lieblichen und Anmutigen vorüber, -das den Augen vieler anderer Erquickung bereitete. Er lebte in Goethe, den er gründlich kannte und zum Lebensführer erkoren hatte. Er war erfüllt von Mozart und Beethoven und wenigen ihrer großen fast ebenbürtigen Nachfolger, verdammte aber die neueren Musiker, die er eher -als Verderber, denn -als Fortsetzer des Wirkens ihrer Vorgänger betrachtete. .Nicht minder -einseitig war er auf dem Gebiete -des Judentums. Auch hier verehrte er seine Götter: Maimouides, dem er -gerade in seinen letzten Jahren verständnisvollste Verehrung bezeugte, meinen Vater, dem -er eine rührende Pietät weihte, dagegen verfolgte er mit wahrhaftem Ingrimm große Deister, wie Spinoza, die von anderen als Zierden -des Judentums betrachtet, aber -von ihm abgelehnt wurden, weil sie -dem Judentum untreu geworden waren. Wie -er, ein aufrechter Jude,, sich -gesellschaftlich von -denen trennte, die sahnenflüchtig geworden waren, wie er selbst ehedem Befreundeten nicht mehr die Hand reichte, wenn sie ihre, Kinder zum Christentum haften übergehen lassen, so bestritt er die Geltung und geistige Bedeutung aller derer, die, aus dem Boden des Judentums erwachsen, der väterlichen Religion untreu geworden waren: in