Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1918)
- Date
- 1918-04-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 m. Hamburg, 27. März. .Das R ep räsentan tenk o l l e g i u m der T e u t s ch - Israe l i t i scheu Ge ni einde im Gemeindebureau eine Versammlungunter Vorsitz des Herrn Jos. Lippmann ab. Der Antrag des Gerneindevorstandes, jed-s.m Mitgliede des Lehrerkollegiums der Israelitischen Töchterschule sür das Jahr 1918 eine Kriegsteuerun-gszulage von monatlich 50 Mark zuzubilligen, an Stelle der bisherigen Teuerungszulage von 300 Mark jährlich, fand einstimmige Annahme. Auf Antrag des Gelneindevorstandes wurden dem ^Kouritee. zur rituellen Verpflegung der jüdischen Soldaten und Kriegsgefangenen im * Bezirk des 9. Armeekorps während der bevorstehenden Feiertage 1000 Mark bewilligt. Ten gleichen Betrag erhielt der Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens für seinen anläßlich seines 2 5jährigen Bestehens gegründeten Jubiläumsfon-ds. Dann folgte der Bericht der Prüfunasiko-nnnission für die Abrechnung der Depositenkasse milder Stiftungen der Teutsch-Jfr-aelitifchen Gemeinde, für das Jahr 1916. Aus der Abrechnung ergibt sich, daß bei der Ge nie in de ein, Stiftuugsvermögen von insgesamt 4 500 000 Mark, und zwar gemäß den Statuten der Depositenkasse, teils in erstklassigen Hypotheken, teils in Renten mündelsicher belegt ist. Die Zinsen des Kavitals werden, mit wenigen Ausnahmen, gemäß den letztwilligen Verfügungen des Stifters, für allgemeine Wohltütiakeitszwecke, wie Brautausstattung. Krankenfürsörge, Mietunterstützuna usw., verwandt. Die Abrechnung wurde genehmigt. Ein Dringlichkeitsantrag des Gemeindevorstandes betreffs Gründung einer Jüdischen Hinter-bliebenensürsorge in Hamburg wurde in folgender Fasiuna einstirümig angenommen: ..Das Revräsentationskolleaium erklärt sich im Prinziv mit der Schaffung einer besonderen Kommission gemäß § 59 der Verfassung, die sich der Hinterbliebenenfürsorge widmet, einverstanden. Die Höchstzmhl der VorsiandsmiLalieder der Kommission wird auf 20 festgesetzt. Das Kolleaium spricht die Erwartung aus, daß die frei zu wählenden Mitglieder den Vereinen entnommen werden, welche dein Arbeitsgebiet der Hinterbliebenensürsorge nahe stehen. -- Es folgte hierauf geheime Sitzung. — Magdeburg, 27. Mär^ Im Abendblatt der ..Maadeburgischen Leitung" vom 22. d. M. schreibt der luesiae Lehrer a. D. Herr Dr. M. Spanier: „De „Magdeb. Zeitung" bat in Nr. 185 vom 10. März 1918 fl. Beilage) eine „Lutber. Bismarck, Hindenburg" .iiberscl'riebene Abhandluua von Dr. Karl Weidel tMagdebura) veröffentlicht. worin der Verfasser im Gegensatz zu Luther. der „uns das gute Gewissen m\ unserer Weltarbeit geschenkt", die Behauv-tung aufstellt: „Dem Juden war sie (die Arbeit) -ein Fluch, dem Griechen eine Schande, dem nnttelälterlichen Katholiken eine Demutsübung: Lutber sab in ihr den Zhm des Lebens." Daß das Judentum den ethischen Kulturwert der Arbeit auch nur in irgendeinem Zeitraum verleugnet hätte, entbehrt jeder tatsächlichen Begründung!. Die obige Aeußerung über die Stellung der Juden zur Arbeit trägt lediglich subjektives Gedränge: sie steht in arellem Widerspruch zu der vielfach gevriesenen Rührigkeit und Arbeitsamkeit der Juden. Wir können nicbt in dem R-ahmen einer knappen Erwiderung Belege aus Bibel und Talmud, die die gegenteilige Auffassung des Herrn Dr. W. bekunden, bringen, meinen aber, in unseren Tagen sollte alles geschehen, amt aus eine Versöhnung und Verständigung der verM schiedenen Religionsgeselli-chasten' hinzuarbeiten und Vorurteile zuH befestigen." H. Kassel, 27. März. „Wenn ein Großer in Israel stirbt, sind alle seine Leidtragenden." Dieses Wort eines Men ist in seiner ganzen Wahrheit auf den Heimgang eines der besten Kasseler Bürger und eines der treuesten Israeliten.. Kommerzienrat Rosenzweig. anzuwenden. Mitten in seinem arbeitsreichen, aber mit großen Erfolgen gekrönten Leben erlag er einem Schlaganfall im Bureau eines hiesigen Notars, und mit tiefem Weh vernahm man die erschütternde Kunde in allen Kreisen der Bürgerschaft, denn alle wußten-, was er seiner Vaterstadt war, und viele werden es erst erfahren, wenn die große, ernste Zeit den ganzen Mann erfordern wird und lein Platz leer ist. Denn „Männer der Tat", die wenig sprechen und viel tun, eine praktische Idee bald in die Tat umsetzen, für alles Ideale Interesse haben, sind zu dünn gesät. In wenigen Minuten erledigte er Angelegenheiten der Stadt, jüdischer Bürgerschaften und Vereine, wozu aridere Stunden mb Tage gebrauchen — und er traf mit feinstem Empfirrden und praktischem Sinn immer das Beste für die ihm anvertrauien vielen Institutionen. Noch in den letzten Tagen beschäftigte ihn die Ausführung des von feinem einzigen Kinde Dr. Franz Rosenzweig angeregten Vorschlags über -eine „Akademie der jüdischen- Wissenschaften". Die Familie Rosenzweig wohnt hier erst im dritten Geschlecht. Zur Zeit der französischen Fremdherrschaft kam- Jf-aac Rosenzweig aus Hohenfalza über Berlin und Wolfenbüttel -als Sermnarlehrer nach Kassel. Mt Stolz erzählte der Enkel, daß sein Großvater auf den Talmudschulen in Lissa und Prag den Mo-renutitel sich erworben hätte. Mer schon seine Großeltern legten den Grund zu dem Geschäfte, das jetzt eine Weltfirma ist und in Friedensjahren die Erzeugnisse nach allen Erdteilen gusführte. Ter Vater des Entschlafenen, Louis Rosenzweig, der mit einer Ehrenberg aus Wolfenbüttel verheiratet war, hatte in Gießen bei Liebig Chemie studiert und verwertete seine Kenntnisse im Leben durch Erfindungen, die seinen Namen bald bekanntmachten. Viele Jahre gehörte er dem Kuratorium des hiesigen Waisenhauses an, und arich darin trat -der Sohn das Erbe seines Vaters an wie das eines Mitgliedes des Bürgerausschlusses. Frühzeitig übernahm er, zunächst mit seinem Bruder, das väterliche Farben- und Drogengeschäft; später wurde Rosenzweig Mitbegründer und Mitinhaber der Farben-, Glasuren- und Lackfabrik von Rosenzweig u. Banmann, die sich rasch zu einem bedeutenden Industrieunternehmen entwickelte. Ter tatkräftige, umsichtige Kaufmann -errang sich bald in der hiesigen Handels- und Jndnstriewelt eine geachtete Stellung und wurde zu mannigfachen Ehrenämtern herangezogen. Früh schon widmete sich Rosenzweig neben seiner ausgedehnten geschäftlichen- Tätigkeit dem kommunalen Wirken. Ende 1889 berief das Vertrauen feiner Mitbürger den rührigen intelligenten Mann m den Bürgerausschuß: nach dessen- Umwandlung in die Stadtverordnetenversammltlng gehörte er dieser Körperschaft bis zum- September 1917 an, worauf -er zum Mitglied des Stadtrates gewählt wurde. Als- Mitglied der städtischen Körperschaften zeichnete _er sich durch seine Regsamkeit und seine ungewöhnliche Arbeitskraft aus; er war in zahlreichen- Kommissionen mit die treibende Kraft und hatte lauge Jahre hindurch das Amt eines Schriftführers inne. Seine Referate in den öffentlichen Sitzungen zeugten von fleißigem Eindringen in die oft schwierige Materie und von voller Beherrschung seines Gegenstandes. Rosenzweig -bewies in seinem Wirken als Stadtverordneter nicht nur seine Liebe zu seiner Vaterstadt, sondernauch einen klaren Blick für die Notwendigkeiten der Stunde wie auch der künftigen- Envvicklungsmöglichkeiten des städtischen Gemeinwesens. Bei aller Wärme seines Interesses war ihm doch nüchternes sachliches Urteil in kommunalen Fragen zu einen. Mit besonderer Hingabe widmete er sich dem wirtschaftlichen Fortschritt und namentlich der Förderung des industriellen Lebens. in Kassel, wozu er übrigens auch in anderen Ehrenstellen Gelegenheit hatte. Seine reiche Erfahrung betätigte -er namentlich auch auf dem Gebiete des städti-schen Finanzwesens. Seine viele Jahre hindurch, -erstatteten Berichte bei den E-tatsberainngen zeichneten sich durch Klarh-eit und Übersichtlichkeit aus. Der städtischen Finanzkommisfion war er zwei Jahrzehnte hindurch ein geschätzres Mitglied. Noch länger gehörte er der Feuerlöschkommission an, ferner war er unter anderem Mitglied der gelverblichen Kommission, der Grundstückskonunission sowie der Verkehrs- und Jndustriesörderungskommissi-on. In den Kriegskormnissionen war er ebenfalls eifrig tätig. Er leitete die Milchzentrale, die er auch mitbegründet hatte. Aber nicht nur in den städtischen Körperschaften bewährte -er seine ausgezeichneten organisa- * torischen Fähigkeiten, sondern auch in zahlreichen anderen Ehrenstellen: ^als Mitglied der Handelskammer und Vorsitzender des Kleinhandelsausschusses, in den Vorstandsstellen vieler Wohlfahrts-- und Wohltätigkeitsvereine. als' Mitglied des Israelitischen Vorsteheram-tes und -in ähnlichen- Ehrenst-ellen, die sämtlich hier zu nennenzu,weit führen würde. In guten und bösen Zeiten -hat er fast 30 Jahre auf allen Wohlfah-rtsgebieten mit Einsetzung aller seiner Kräfte unermüdlich gewirkt. Die Tagesblätter aller Parteirichtungen sind voll mit ehrenden Nachrufen, von denendie des Magistrats und der Handelskammer besondere Erwähnung verdienen. Möge dem treudeutschen und jüdischen Manne die Erde leicht sein. Wir trauern um den Dahingeschiedenen, denn solche wurden nicht wieder geboren. I,. Mainz, 27. März. Ter -enge Kreis unserer Religionsgesellschast ist am Samstag, den 9. d. M., auf das furchtbarste erschütterit und -in aller tiefste Trauer versetzt worden. Bei den: grauenvollen Fliegerangriff auf Mainz, der zehn Todesopfer gefordert, mußte auch Frau- Meta Cahn geb. Altmann, Gattin des Herrn Jakob Cahn und Schwiegertochter unseres Vorstandes Julius Cahn, ihr junges., blühendes Leben lassen. Erst wenige Jahre verheiratet, führte sie an der Seite ihres Gatten und als Mutter