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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-05 · Heft 14 (5.4.1918) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 14 (5.4.1918)
Date
1918-04-05
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
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16? aller Herren MM durch geheiligte Traditionen ein Stück Heimat vorzaubern zu sollen. Voll Andacht stimmten alle mit ein in das Lesen der Haggädah, teils laut, teils leise. Als der appetitliche Duft der leckeren Speisen zu spüren war, hellten sich unwillkürlich die Gesichter auf und eine heitere Erwartung leuchtete in den Augen der Gäste. Sowie die Speisenin zierlicher Ausmachung aufgetragen wurden, lösten sich die Zungen und die Unterhaltung kam frisch und munter in Fluß. Nur das junge Mädchen am Ende der Tafel blieb ernste Sie schien weltverloren und in Gedanken vertieft zu sein, während ihre großen, dunklen Augen sich immer wieder an den Armleuchter hefteten. Er hatte sie offenbar auch allein nach diesem Platze gelockt, denn wer sie beobachtete, gewann den Eindruck, daß sie ihn wie einen alten Bekannten begrüßte, um den sich hundert teure Erinnerungen spannen. Er glich in der Tai ganz genau einem Armleuchter, der im Besitz ihres Elternhauses und mit den gleichen Arabesken und Figuren verziert gewesen war. Von Kind auf, so entsann sich das junge Mädchen, das den Vornamen Rebekka trug, wie ihre Mutter an jedem Freitagabend den silbernen Armleuchter zum Lichtbentschen herbeiholte und wie er bei festlichen Gelegenheiten den Mittelpunkt des Familientisches im Elternhause gebildet hatte. Eine der jüngeren Damen, die an dem Seder teilnahm, fühlte sich zu dem klug aussehenden, versonnenen jungen Mädchen hingezogen und trat zu ihm heran mit der höflichen Frage: „Darf ich mich in der Pause von einem Gang zum anderen zu Ihnen setzen?" „Gewiß, es ist mir sehr lieb. Ich kenne ja hier niemand." „Aber Sie haben vielleicht auch gar nicht den Wunsch, jemand kennenzulernen!" erwiderte die junge Dame schüchtern, worauf Rebekka vertrauensvoll und lächelnd bemerkte: „Einen guten, alten Bekannten habe ich allerdings doch gefunden und die Freude des Wiedersehens ist so stark, daß sie inich vollständig erfüllt." „Sie machen mich sehr neugierig und ich fürchte fast, taktlos zu sein, aber "ich kann die Frage nicht unterlassen, wer dieser alte Bekannte hier ist." Ohne ein Wort zu sprechen, zeigte Rebekka nach dem Armleuchter hin, und nach einer kleinen Pause sagte sie: „Es ist seltsam, wie dieser Leuchter, dessen Zwillingsbruder in unserer Familie zu Urväters -Hausrat gehörte, mich in die fernere und jüngste Vergangenheit zurückversetzte! Wie durch eine weggeschobene Kulisse entschwand meinen Blicken die Umwelt, und der liebe, vertraute Armleuchter versetzte mich wieder nach dem Ukraine-Städtchen, wo ich geboren und erzogen wurde." „Sie sprechen so tadellos deutsch, daß ich Sie für eine Deutsche gehalten hätte." , „Der Drang zum Studieren führte mich vor ein paar Jahren nach der Breslauer Universität, wo ich in der Losgebundenheit von allen einengenden Gewohnheiten und Pflichten und in einer Geist und Gemüt anregenden Arbeit unendlich glücklich war." „Ich verstehe ... Dann kam der Krieg ..." „Und ich mußte fort, wie andere ausländische Studenten und Studentinnen. Ich bot alles auf, um nach der Heimat zu kommen und meiner Familie in der gefahrvollen Zeit zur Seite stehen zu können. Da erfuhr ich von der Zerstörung unseres Städtchens, das schier dem Erdboden gleichgemacht worden war. Unverdrossen fahndete ich tagelang nach dem Aufenthalt der Meinigen. Die Angst, die Entbehrungen und die überreizten Nerven hatten mich aufgerieben. In dem Lazarett eines deutschen Flüchtlingslagers, wo ich mit viel Freundlichkeitbehandelt wurde, kam ich nach Wochen erst wieder zur Besinnung. Sowie ich als genesen entlassen wurde. führte mich ein günstiger Zufall hierher, und vielleicht verwirklicht sich die Aussicht, die mir eine Menschensreundin j Ihrer Gemeinde eröffnete, eine Anstellung als Lehrerin im , jüdischen Kriegsmädchenheim zu finden." „Ich werde mich mit Vergnügen für Ihre Sache einsetzen i und darf mir wohl einen Erfolg für Sie versprechen. Auf i Wiedersehen!" sagte die junge Dame, die wieder ihren Platz aufsuchen mußte und noch gern die Unterhaltung mit dein interessanten jungen Mädchen fortgesetzt hätte. Auch Rebekka hätte das Gespräch noch willig weitergeführt. Sie fühlte sich erlöst von dem Banne eines langen Schweigens und von der steten Wehmut, die sich immer wieder in die Frage zuspitzte: Leben die lieben Eltern und Geschwister noch? Die laute Unterhaltung verstummte, als das Gebet nach dem Festmahl wieder begann. Die Studentin zog sich aufs neue in ihre eigene Gedankenwelt zurück. Plötzlich faltete sie fromm die Hände. Sie hörte, wie das Halle! weihevoll vorgetragen wurde. Sie hätte am liebsten den Armleuchter mit ihren Fingern umklammert, während sein Anblick sie noch mehr als früher ins Elternhaus zurückversetzte. Innerlich lauschte sie aus die Stimme des würdig aussehenden Vaters mit dem langen Bart, wie er mit ganzer Seele dieses Gebet gerade zu sprechen pflegte. In seiner Stimme lag dann etwas von dem Leid des ganzen Judentums, verschwunden war die Sorge um das Wohl des eigenen engen Kreises, und für alle seine bedrängten und verfolgten Brüder auf dem Erdball schien er um Erbarmen zu flehen. Instinktiv legte Rebekka ihre linke Hand auf den Fuß des Armleuchters und dachte an die Zeit in Breslau zurück, wo es ihr ein Bedürfnis gewesen, an den hohen Festtagen die Synagoge zu besuchen und namentlich das Halle! so recht inbrünstig sprechen zu hören. Die frommen Worte verwoben sich jetzt scheinbar mit den kunstvollen Verzierungen und edlen Formen des Armleuchters und verliehen ihren Vorstellungen von Heimat und Elternhaus eine immer festere Gestalt. „Aber, Fräulein, Sie haben ja kaum etwas von den prächtigen Speisen gegessen!" sagte eine einfache Frau, die an Rebekka herantrat und ihr vertraulich auf die Schulter klopfte. Wie erschreckt fuhr sie zusammen und griff verlegen nach einer Frucht, die noch auf ihrem Teller lag, ohne die linke Hand von dem Armleuchter zu entfernen. Die Gedanken, die sich um ihn schlangen, sollten nicht verscheucht werden. Ihm verdankte sie vor allem die eindrucksvolle Wirkung des gastlichen Passahfestes, durch das sich neue, belebende und erfrischende Ströme in ihr Gemüt.ergossen hatten. Aber auch für die Gestaltung ihres äußeren Lebens war der feierliche Abend kein verlorener gewesen! — Die junge Dame, die sich ihr genähert hatte, verschaffte ihr gleich nach Ostern die ersehnte Stelle und lud sie öfters in ihr Elternhaus ein, wo Rebekka in der gemütlichen Umwelt der Wohlhabenheit auch den Armleuchter Wiedersehen konnte, der zufällig dorthin gehörte und feine Anziehungskraft schier magnetisch immer wieder auf sie ausübte. Die Lrlälmrg. Von Jenny Bergmann (Steglitz). och liegt die Welt in Winters Schweigen, Doch unterm Schneetuch, kaum erwacht, Die Keimlein dehnen sich, sie neigen Und heben ihre Spitzen sacht. Der Saft steigt schwellend in die Bäume, Die Saaten schlummern noch im Feld, Ein Atemzug geht durch die Räume, Ein sehnend Hoffen durch die Welt.

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