Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1918)
- Date
- 1918-04-05
- Page
- Seite 166 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Und Hermann Plauderte, daß er seit einem Jahr die Praxis habe und daß die Mutter sich vom Geschäft zurückgezogen hätte und ihm die Wirtschaft führe. Und daß der Menschenandrang noch nicht «ganz so stark sei, wie es Bäumke vorhin geschildert, doch könne er nicht eben klagen. Und er habe auf diese W.'eife auch noch Zeit, seinen Neigungen zu leben. Zum Beispiel der Politik. Ob er am Ende gar zu den bösen Sozialdemokraten gehöre, fragte das junge Mädchen. „Nein, bloß zu den Fortschrittlichen ganz links", erwiderte er. In ihrer Familie seien die Männer alle stockkonservativ, bemerkte Marie-Louise, das könne er sich wohl denken. Ja — meinte er —, es sei anzunehmen, wenn man „von der Uhlenburg" heiße. Uebrigens hätten sie ihn — das sagte er nun nicht ganz ohne Stolz — neulich beinahe als Reichstagskandidaten aufgestellt; freilich wäre es aller Voraussicht nach bloß eine Zählkandidatur, gewesen. Aber er habe abgelehnt, er sei kein Redner für einen Wahlkampf. Er könne nur sprechen, wenn ihn die Sache ganz erfülle und mitreiße. Und dabei mußte er unwillkürlich an seine lange Rede denken damals bei den Zionisten. Doch er sprach nicht davon, ebensowenig wie von seinem Judentum überhaupt. Denn gerade seit jener Zeit hatte er nicht mehr das Bedürfnis „immer und immer und allzuoft davon zu reden und darauf hinzuweisen", wie ihm einst Bäumke — und wie ihm heute schien mit Recht — zum Vorwurf gemacht. Nein — fuhr er fort — Sozialdemokrat sei er nicht, es wäre eine nüchterne Sache darum, und eine Sache, die in die Breite gehe, aber nicht in die Tiefe, „die Partei für die Vielzu-Vielen, nicht wahr?" — „Ja" — meinte Marie-Louise, „es könne wohl sein, sie habe sich indessen mit dergleichen noch gar nicht auseinandergesetzt, empfinde es aber als Mangel, einmal rein und menschlich und dann" — sie stockte ein wenig — „und dann nämlich bezüglich meiner — wissen Sie, Herr Doktor, Sie sind der erste Mensch, mit dem ich davon spreche —, nämlich wegen meiner Schriftstellern." „Ah?" machte er und horchte auf. Ja — fuhr sie befangen fort — sie könne gewiß ein ganzes Jahr lang damit einheizen, so viel hätte sie schon zusammengeschrieben, Skizzen, Novellen . . . „Auch Gedichte?" fragte er. „Was vorkommt", lachte sie — sogar einen kleinen Einakter habe sie verbrochen. Aber nun komme das Schlimme. Sie habe schon drei-, viermal Arbeiten'weggeschickt an Redaktionen, aber alle seien sie prompt wiedergekommen. Und das habe sie natürlich sehr entmutigt. Aber deshalb könne sie das Schreiben doch nicht lassen. — Ob er einmal etwas lesen dürfe — fragte er —, und vielleicht könne er ihr auch ein wenig behilflich sein bei dem Wegschicken, er habe von seinen politischen Artikeln her ein wenig Erfahrung, wie man es machen müsse. (Fortsetzung folgt.) Der Lttbkrleuchtrr. Pessacherzählung von Marie Beßmertny. alt und rauh ließen sich die Märztage im letzten Kriegsjahre an, und von dem herannahenden Frühling mar noch nichts zu spüren. Durch Schnee und Wind bahnte sich eine Gruppe von Damen den Weg zu dem Gemeindehaus in einer unserer größten norddeutschen Großstädte. In dem weitgestreckten Saale entwickelte sich bald eine rege Geschäftigkeit, und unter den vielen rührigen Händen entstand allmählich eine stattliche Sedertafel, die liebevoll mit duftigen, farbenfrohen Blumen, mit schönen Geräten aus Edelmetall geschmückt war und dem ganzen Raume ein traulich-heimisches Gepräge verlieh. Sowie der Abend herannahte, stellten sich nach und nach die Gäste ein, denen das Pessachfest hier bereitet werden sollte. Es waren Kriegersrauen, von denen manche in Trauerkleidung gehüllt waren, ferner einsame, verwaiste Menschen, die durch den Krieg ihre Bodenständigkeit verloren hatten, and Personen beiderlei Geschlechts, deren Schicksal durch den Krieg eine gründliche Wandlung erfahren hatte. „Oh, wie schön hell und warm es hier ist!" „Welch eine feine Sedertafel, geradeso, als wäre sie für verwöhnte Leute hergerichtet!" „Und sehen Sie nur den Blumenschmuck; da sind ja die herrlichsten Orchideen, Syringen und sogar Rosen, wie sie im vornehmsten jüdischen Hause heute nicht schöner anzutressen sind!" Derartige Ausrufe der Bewunderung tauschten die Fremden entzückt miteinander aus, die sich gar nicht satt sehen konnten an dem Glanz der Tafel. Nicht vergebens hatten die freundlichen Urheberinnen des Festes sich bemüht,, den Heimatlosen für eine Weile eine Stätte der Behaglichkeit und eine Atmosphäre der Familiengemeinschast zu schassen. Die Mienen der Gäste ließen erkennen, daß die meisten von ihnen sich innerlich sagten: Du bist nicht verarmt und nicht verlassen, solange jüdische Herzen noch liebevoll für dich schlagen und dein Leid mildern wollen. Noch ehe man sich zu Tische setzte, war die Feststimmung schon im Schwange, und lebhaft wogte die Unterhaltung hin und her. Abseits von den anderen stand ein junges Mädchen, dem ungeachtet ihrer ganz bescheidenen Kleidung die gute Herkunft unverkennbar anzusehen war. Ihre schmalen weißen Hände stützten sich auf die Lehne des Stuhles, der am Ende der Tafel zur Linken stand. War es Zufall, daß sie einen der letzten Plätze gleichsam belegte oder wollte sie sicher sein, nur einen Tischgast neben sich zu haben? Still und verschlossen stand sie da, den Blick fest gebannt auf den hohen Armleuchter dicht vor ihr. Ein älterer Mann, der zu den versprengten Flüchtlingen aus Ostpreußen gehörte, hatte dicht neben ihr Platz genommen. Mit einem Seufzer trauriger Erinnerung vertiefte er sich sofort in die bereitliegende Haggadah, ohne seiner jungen Nachbarin eine Aufmerksamkeit zu widmen. Ihr gegenüber saß ein Leichtverwundeter in Feldgrau, der dagegen das Bedürfnis zu plaudern hatte und ihr lächelnd zuries: „Solch eine elegante Pessachfeier haben Sie wohl auch nicht erwartet, Fräulein, was!" „Allerdings. Sie zeugt besonders von der warmen Menschenliebe der Gastgeber, und das tut unendlich wohl!" lautete die Antwort. Der Ostpreuße, ein Kantor seines Zeichens, hielt Umschau, während die beiden jungen Leute miteinander sprachen, und den Kopf ernst schüttelnd, murmelte er: „Kol Jisroel Chaweirim; an der Sedertafel namentlich sind alle gleich, die sich um den königlichen Hausvater scharen, alle sind berechtigt, sich vom grauen Alltag frei zu machen!" Mitten an der Tafel hatten ein paar Soldaten ihren Platz, die mit der ansehnlichen Flaschenbatterie liebäugelten und launig berechneten, wieviel Mal der „Kos" aus ihrem Inhalt wohl gefüllt zu werden vermag. Gegen sieben Uhr war die Festgesellschaft schon vollzählig und stellte ein angenehmes buntes Bild dar. Es waren nicht nur verlassene und verschämte Arme zu sehen, sondern auch mehrere Herren und Damen der begüterten Judenheit der Stadt, die absichtlich ihre Sederfeier hierher verlegt und ihre kostbaren Festgeräte gern zur Verfügung gestellt hatten. Die Feier begann. Der Vorbeter, ein angesehener Herr aus der Gemeinde, schien bewegt zu sein. Seine Haltung wie seine Stimme verrieten, daß er sich der Aufgabe bewußt war, in der eisernen Zeit schwergeprüften Glaubensgenossen aus