Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1918)
- Date
- 1918-04-05
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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165 Zur Aufstellung einer solchen Küche waren erforderlich: Geld, Raum, Gefäße, Rabbiner, Schächter, Köche und Aufsicht. Die dort befindliche christliche Küche verfügte über einen ausgedehnten Raum, so daß ich mich entschloß, denselben zu übernehmen und in der entgegengesetzten Ecke die Küche mit vier Kesseln aufzustellen. Ich wählte einige Maurer aus der Mannschaft und ließ Tag und Nacht arbeiten. Um Reibereien aus dem Wege zu gehen, ordnete ich die Oefsnung einer Wand an, um eine gesonderte Tür zu haben. Die Kochkessel ließ ich in der Nächstliegenden Stadt anfertigen. Tische und sonstige Holzgeräte wurden von der Bataillonstischlerei hergestellt. Dann ging ich zur Wahl des Rabbiners und Schächters, der Köche und Aufsichtscharge über. Um Streitigkeiten zu vermeiden, ließ ich die jüdische Mannschaft — 300 an der Zahl — antreten und forderte sie auf, direkt zu wählen. Es wurden selbstverständlich Berufsleute gewählt, während die Oberaufsicht einstimmig mir übergeben wurde. Das erforderliche Geld kam in kurzer Zeit durch Sammlungen zusammen. Die einzige scheinbare Schwierigkeit lag im Heranschaffen der Naturalien, da im Dorfe nichts erhältlich war. Es blieb also nichts übrig, als fast täglich jemanden in die sechs Kilometer entfernt gelegene Stadt zu schicken. Weder Eisenbahn noch Pferde standen zur Verfügung; es mußten daher Männer den Wagen ziehen. Die Glaubensgenossen zeigten sich überall willig und hilfsbereit, so daß die ärgsten Schwierigkeiten leicht überbrückbar waren. Am 1. Mai pünktlich um 12 Uhr konnte das erste koschere Mittagessen an die Mannschaft verteilt werden. Ich will' das Diner gar nicht verschweigen, sondern es unverschönert hier mitteilen. Es gab eine Grießsuppe, 220 Gramm gekochtes Fleisch und eine Polenta mit Marmelade. Daß jedermann voller Freude strahlte, will ich weiter unbehandelt lassen. War es doch ein Ereignis von weittragender Bedeutung. Die Verteilung vollzog sich in staunenswerter Ordnung, nur stellte sich die Notwendigkeit heraus, daß Karten verteilt werden mußten, um das zwei- und dreimalige Anstellen, das bald gang und gäbe wurde, zu verhüten. Die nötigen Portionen waren natürlich nach dem Verpflegungsstand berechnet worden, so daß ein zweites Mal an denselben Mann nichts ausgegeben werden konnte. Die Küche erhielt einen ausgezeichneten Ruf; besonders bei den christlichen Kameraden — die es nicht unterließen, sich ab und zu in die rituelle Küche zu „verlaufen". Daß die rituelle galizische Küche von jeher einen guten Ruf genießt, dürfte auch wohl in Deutschland bekannt sein. Die jüdische Küche war von der christlichen in jeder Hinsicht unabhängig. Jüdische Mannschaft schaffte Holz aus dem naheliegenden Wald für ihre Küche, die christliche für die ihrige. Nur am Sonnabend brachten die christlichen und am Sonntag die jüdischen Kameraden für beide Küchen das Holz. Das Essen für Sonnabend wurde Freitag mitgekocht, es wurde daher kaltes Essen verabfolgt. Als der Betrieb im vollen Gange war, ließ ich einen Gemüsegarten bauen, wobei nur jüdische Hände tätig waren, so daß Grünzeug und Gemüse in ausgiebiger Weise verwendet werden konnten. Das schwierigste Kapitel war für mich die Verrechnung. Ich mußte die Ausgaben dem Menagegeld der Militärverwaltung anpassen, das selten ausreichend war; doch trug ein jeder von uns sein Scherflein bei, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Es war eine rituelle Küche in weitestem Sinne des Wortes. Mein Hauptaugenmerk richtete ich aus Hygiene und Ordnung. Ich kann es heute mit der größten Genugtuung aussprechen, daß diese beiden wichtigen Lebensbedingungen streng eingehalten wurden. Wir haben den christlichen Kameraden bewiesen, daß auch wir Verständnis für Einigkeit, Reinlichkeit und Ordnungbesitzen. Selbstverständlich blieben mir Aufregungen, Aerger und sonstige Unannehmlichkeiten nicht erspart, die ich aber stoisch ertrug, da "es im Interesse des Judentums lag. Andere Schwierigkeiten, die mit der Zeit auftauchten, kann ich heute noch nicht besprechen; sie seien für geordnete Zeiten aufgehoben. Ich will aber nicht schließen, ohne den Behörden, die mir an die Hand gegangen sind, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. 3SöSSSj ES» DkrWrgdesjungenHernrsnnLahn. (9. Forts.) Bon Clemenrine Krämer (München). a gingen sie nun dahin über weite Schneefelder, dann wieder an steilen Hängen entlang, wo einzelne Stellen böse vereist waren, und wieder durch dichten winterlichen Wald. Bäumke ries ein paarmal, ob die anderen kämen, und ob es Fräulein von der Uhlenburg auch nicht zu viel würde, und ob Hermann den Weg fände, und so fort. Doch Hermann hatte so sehr den Wunsch, mit dem schönen Mädchen allein zu wandern in all der weißen Pracht, daß er den Entschluß faßte: die beiden anderen — zu verlieren. Darum rief er geschwind, daß er den Weg genau kenne und daß sie sich im schlimmsten Fall am Bahnhof träfen, wenn sie sich aus den Augen kommen sollten . . . und er kannte den Weg gut genug, um ihn sogleich verfehlen zu können. Als. das junge Mädchen dies aber gewahr wurde, erschrak sie ein wenig — Nicht um ihretwillen — sondern weil — „wissen Sie, weil nämlich Fräulein Ruyter so sehr gebeten hat diesen Morgen, ich solle mitkommen, sie wolle nicht gern allein mit Horst Bäumke . . ." Da spitzte Hermann die Lippen und pfiff ein klein wenig durch die Zähne . . . Marie-Louise hatte es nun eilig zu versichern, daß gar nichts weiter los wäre und er dürfe um Gottes willen nicht denken — und er müsse geschwind vergessen, was sie — Marie-Louise — da dummes Zeug geredet habe, und die Freundin sei ihr gewiß böse, daß sie sie nun doch allein gelassen habe. Was das beträfe meinte aber ihr Begleiter, glaube er, das gnädige Fräulein beruhigen zu können, denn wenn schon eine Hambuvgerin zugäbe, daß ihr das Küssen S—z—paß machen würde — bloß nicht vor den Leuten-„Pfui!" machte Marie-Louise — „man hat gehorcht", und sie habe schon immer gefunden, daß die Männer bei weitem neugieriger wären als die Frauen. Hermann gab aber dem bösen Wind die Schuld, der nun einmal das Gespräch der beiden Damen ihm zugetragen habe. Es stellte sich aber später — freilich viel später erst — heraus, daß sich damals Marie-Louise von der Uhlenburg nicht hätte die bitteren Vorwürfe zu machen brauchen. Denn das erste, nachdem sich Horst Bäumke mit Fräulein Magdalena Ruyter aus Hamburg öffentlich verlobt hatte, war das Geständnis, daß sie sich damals beim Abstieg an jenem Winterabend den ersten Kuß gegeben hätten. Und ferner, daß Horst Bäumke nicht weniger wegkundig gewesen sei wie sein Freund und darum mit noch größerer Sicherheit fehlgegangen war. * Und da gingen sie nun dahin: Marie-Louise von der Uhlenburg und Hermann Kahn. Und sie sprachen miteinander wie zwei Menschen, die sich eben kennengelernt haben, sich in allem Aeußerlichen völlig fremd sind, die sich aber innerlich einander nahe fühlen von allem Anfang an.