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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-04-05 · Heft 14 (5.4.1918) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 14 (5.4.1918)
Date
1918-04-05
Page
Seite 164 (sequence 8)
Language
German
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164 daß schließlich die Beduinenstämme Palästinas und seiner Umgebung auch schon unter jüdischer Herrschaft dort gelebt, ja, daß die meisten sogar als Nachkommen der biblischen Israeliten. besonders des Nordreiches anzusehen seien, so sind sie doch in keiner Weise geeignet, Pinsel und Farbk zur Zeichnung des altisraelitischen Religionsbilöes abzugeben. Denn die biblische Religion braucht nicht so ausgesehen zu haben, wie sie heute von diesen Wilden gehandhabt wird. Man mag wohl den altisraelitischen Bauern im Bilde des heutigen arabischen Fellachen betrachten, aber sehr ungerecht ist es zu behaupten, daß die Propheten und die biblischen Gesetzgeber ihren religiösen Satzungen und Vorschriften keinen anderen Inhalt gegeben haben als den, welchen der wilde Beduine ihnen heute gibt. Wenn diese mohammedanischen Wüstensöhne heute noch als Heiden leben, so sagt man: ihr Mohammedanismus sei bloß ein dünner Firnis über ihr Heidentum. Nun, warum soll das. nicht auch von ihrer Nachahmung altbiblischer Bräuche gelten? Warum unterschiebt Wellhausen allen pentateuchischen Gesetzen dieselben Motive, von denen sich die Wilden heute bei der Ausübung ihrer religiösen Handlungen leiten lassen? Man braucht wahrlich nicht die mittelalterlichen Hexenprozesse zu studieren, man braucht auch nicht nach dem Innern Rußlands zu gehen, um bei gut christlichen Bauern beobachten zu können, zu welchen entmenschten Handlungen und obszönen Dämonenbeschwörungen usw. Christus und die Apostel angerufen und Kirchengeräte verwendet werden. Hat Wellha-usen auch dieses Christentum als das offizielle und ursprüngliche hingestellt? Wie man aber das Christentum der Kirchenväter als das echte und genuine ansieht, so muß man auch hinter Len biblischen Satzungen nur die Beweggründe suchen, die die Bibel selbst angibt. Wellhausen und seine Schüler aber gefallen sich stets darin, nicht allein die religiösen Sitten und Bräuche der alten Israeliten, sondern auch die erhabensten und höchsten ethischen Vorschriften der Bibel auf den widerwärtigsten und abscheulichsten Polydämonismus zurückzuführen. Kein Wunder, wenn die Schüler Wellhausens dort, wo der Arabismus nicht hinreicht, auch schon die wilden Insulaner zwecks Interpretation derBibel heranziehen. Die Selbstinterpretation der Bibel war Wellhausen nicht maßgebend, weil er in der Bibel nirgends eine unversehrte Stelle gesehen, sondern nur einen Trümmerhaufen voller Scherben und Splitter aus verschiedenen Zeiten und Kulturepochen. Warum aber müsien in der Religion eines Volkes, dessen Land bereits im vierten vorchristlichen Jahrtausend die Brücke zwischen den größten Kulturvölkern war, nur die primitivsten Anschauungen hängen geblieben sein? Und wenn schon im biblischen Israel viele vormosaische Satzungen und Bräuche üblich waren, folgt dann schon daraus, daß auch die alten Motive für Propheten und die biblischen Gesetzgeber richtunggebend geblieben sind? Werden etwa die zahllosen heidnisch-germanischen Sitten und Bräuche, welche bekanntlich bei uns heute noch nachweisbar sind, immer noch von den ursprünglichen- Anschauungen begleitet? Wer das in meinem Buche „Vorgeschichte Israels und seiner Religion" zusammengetragene Material über die Religion und Kultur des vormosaischen Israels berücksichtigt, der wird es wissen, wie wenig selbst im vorbiblischen, heidnischen Israel von Animismus, Dämonismus, Totemismus und wie die rohen heidnischen Religionsstufen noch, alle heißen, die Rede sein kann. Man sollte es kaum für denkbar halten, daß, wenn man schon in der ganzen altisraelitischen Kultur lauter Entlehnung sehen zu müssen glaubt, daß man da nicht das alte Babylon, dessen Sprache und Schrift bereits im patriarchalischen Palästina herrschend war, dessen Kultur und Religion die höchste Stufe heidnischer Entwicklung darstellt, heranzieht. Diese Klagen hat Wellhausen jahrzehntelang ruhig mit angehört, ohne auf sie zu reagieren. Daher stand die Schule Wellhausens mit ihren religionsgeschichtlichen Deduktionen ziemlich isoliert da. Nicht seine textkritischen Ergebnisse, sondern seine religionsgoschichtlichen Prämissen haben ihm die Antipathien im Lager der Theologen wie der Orientalisten gebracht. Nicht durch seine Entstellung des biblischen Textes, sondern durch die Verunstaltung des biblischen Gottes, den er auf die Stufe des Beelzebub und des Kamosch herabzerrt, hat er dem Judentum das Herz durchbohrt. Nun wollen wir es bei ihm als einen Ansatz zur Reue betrachten, wenn er in seiner jüngsten Darstellung der Entstehung der israelitischen Religion sein ganzes System mit einem Fragezeichen abschließt. Denn folgendermaßen lautet jener inhaltsschwere Schlußsatz: „Warum aber wurde nicht Kamosch von Moab zum Gotte der Gerechtigkeit und zürn Schöpfer des Himmels und der Erde? Eine genügende Antwort kann man darauf nicht geben." Dieses ehrliche Geständnis wird Wellhausens Andenken in aller Zukunft ehren. Bit rituelle Sotdatrnkjiche. Von Elid 8 Ncicht (Berlin), zurzeit im österreichischen Heere. nsere Glaubensgenossen im Waffenrock haben auch während des. Krieges kein Hehl daraus gemacht, daß sie entschlossen sind, ihre alten Gebräuche einzuhalten. Gleich zu Beginn des Kriegszustandes wurden Stimmen laut, die ihren berechtigten Wunsch nach Errichtung von rituellen Soldatenküchen äußerten. Die zuständigen Behörden sahen sich über kurz oder lang genötigt, diesen Stimmen Gehör zu schenken, und fingen an, sich mit der Lösung dieser Frage zu befassen. Sie sahen schließlich ein, daß es zum Vorteil der Kriegsmacht gereicht, wenn solche Küchen — es versteht sich von selbst, daß sie nicht überall errichtet werden konnten — aufgestellt werden, da die orthodoxen Juden sich nicht entschließen konnten, andere als nach ihren rituellen Gesetzen zubereitete Speisen zu genießen. Die Folge davon war, daß ihre Ernährung nur aus trockenem Brot, Zwiebeln und Heringen bestand, so daß eine Unterernährung von bedrohlicher Erscheinung unausbleiblich war. Es bestand also die Gefahr, daß diese „Gebräuchepedanten" zum Felddienst nicht geeignet sein würden, was im Interesse des Vaterlandes unbedingt vermieden werden mußte. Die Militärverwaltung erkannte die Gefahr und ließ dann auch mit ihren Maßregeln nicht mehr lange auf sich warten. Eines schönen Apriltages des Jahres 1916 brachten die Zeitungen folgende Verordnung des k. u. k. Kriegsministeriums: „Ersatzkörper mit hundert Mann jüdischer Konfession haben rituelle Küchen einzurichten." Unter der jüdischen Atannschaft war ein direkter Jubel ausgebrochen, denn man erkannte daraus, daß endlich auch die Juden Berücksichtigung erfahren sollten. WaS dieser Erlaß für den jüdischen Streiter bedeutet, kann nur der bewerten, der mit ihnen in enger Verbindung steht. Zur besseren Beurteilung des oben Aufgeführten empfehle ich meinen Aufsatz „Der Kaftansoldat" in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Nr. 1 vom 4. Januar 1918. Selbstverständlich konnte dieser Erlaß, dessen Ausführung auch hier mit enormen Schwierigkeiten verbunden war, nur im Hinterlande und in der Etappe Anwendung finden. Der Kommandant des Bataillons, dem ich zugeteilt war, gab mir nachstehenden Befehl: „Sie haben für den 1. Mai eine rituelle Küche zu errichten. Die'Art und Weise der Herstellung wird Ihnen überlassen." Es ist zwar sehr leicht, einen Befehl zu erteilen, doch kommt es auf die Ausführung des Befehls an. Vieles Grübeln war nicht am Platze, da die wenigen Tage, die mir zur Verfügung standen, hierzu vollständig ausgenutzt sein wollten. Ich ging daher gleich ans Werk.

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