Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1918)
- Date
- 1918-04-05
- Page
- Seite 162 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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162 einzelnen Schriftzeichen oder ganzen Zeilenblöcken — die Hauptrolle zuzuteilen, während zierliches Ornament sie umrankt oder kleine Blöcke von winzigen Illustrationen, die für den Anblick im Großen nur als Ton wirken, in der Nähe aber sich als kleine Szenen von reichem Inhalt an Form und Erzählung entfalten, das Gegengewicht halten. Und den Versuch krönt das glücklichste Gelingen. Ist doch das hebräische Schriftzeichen an ornamentalem und monumentalem Wert selbst dem lateinischen überlegen; bei gleicher geometrischer Bestimmtheit der Form hat es vor ihm die viel größere Wandlungsfähigkeit voraus, die fast barocke Fülle der Biegungen und Wölbungen. So brauchte denn auch der Künstler beim Initial der Buchstabensorm keine Gewalt anzutun, um Mannigfaltigkeit zu erzielen. Indem er bei einem M die rückläufige Rundform in Gegensatz bringt zu der doppelten Wiederholung umschließender Qudratformen und die Ornamentformen, die cs umschlingen, möglichst bewegt gestaltet, entsteht ein Gebilde von großem Reichtum, in dem trotzdem der Buchstabe sichtbar die Hauptrolle übernimmt. Außerordentlich geschickt sind dann Budko: Auffindung Moses. Vudko: Ehad gadja. auf unserer Abbildung 1 Buchstabe und Illustration zusammengefügt. Man kann sich lange an diesem vortrefflichen Blättchen erfreuen, ehe man hinter die Weisheit dieser formalen Rechnung kommt, daß nämlich die beiden Buchstaben das Gerüst abgeben, das den Aufbau des ganzen Blättchens bedingt. Sie rechtfertigen den Abstand des Bäckchens vondemWanderer, der - mit der vorzüglich charakterisierten Bewegung des Tieres gemeinsam — unübertrefflich die Situation und ihre Stimmung malt, das unruhige und versonnene Vorwärtsstreben des Hausvaters, der schon in Gedanken bei dem Festabend weilt, und das instinktmäßige Widerstreben des Tieres gegen den fremden Führer. Während die Initialunv Schriftblätter auf eine Betrachtung im großen zugeschnitten wurden, verlangt dieses Stück liebevollste Nahbetrachtung und Eingehen auf die Einzelheiten. Erst dann entfaltet es seinen ganzen Reichtum an Stimmungs-, Ton- und Formwerken. Dasselbe gilt von den eigentlichen Illustrationen, von denen wir hier gleichfalls ein Beispiel abbilden. Auch sie sind meist buchmäßig behandelt, d. h. sie sind so gehalten, daß in jedem Falle bereits die großen Gegensätze von Hell und Dunkel, die Abwägung der Massen den Sinn des Blattes erkennen lassen, und daß die Linien neben ihrem Formwert auch ihren dekorativen haben. Darunter hat freilich auch der Stimmungsgehalt nicht gelitten, und gerade unsere Abbildurig ist das deutlichste Beispiel dafür, in welchem Maße es dem Künstler gelungen ist, Empfindungen und Geschehnisse auf kleinstem Raume einzufangen. Hoffentlich findet sich ein Verleger, der diese bisher nur als Einzelblätter herumirrenden Arbeiten zu einem würdigen Buchdasein erlöst. Dem Künstler wollen wir wünschen, daß er alle die Erwartungen erfüllt, die dieser sein erster Zyklus geweckt hat. h kr-' n vM, WME Budko: Initial. Julius Wklihauleu. Von Dr. Sigmund Jampel (Schwedt n. d. O.). Vj ot einiger Zeit hat die Tagespresse den Tod des Göttinger Orientalisten Julius Wellhausen gemeldet, während die jüdische Presse von dieser Kunde kaum irgendwelche Notiz nahm. Und doch ist mit diesem christlichen Gelehrten ein Mann üahingegangen, der nicht allein der ganzen modernen Bibelforschung seit mehr als vier Jahrzehnten den Stempel ausgedrückt, sondern der auch auf die Neugestaltung der Religionsanschauung des Judentums einen Einfluß ausübte, wie er selbst bei den größten Bahnbrechern des Judentums im vergangenen Jahrhundert in dieser unermeßlichen Tiefe kaum nachzuweisenist. Wenn die Bedeutung der einschneidenden Wirkung eines Abraham Geiger oder eines Samson Raphael Hirsch innerhalb der deutschen Judenheit derjenigen Wellhausens einigermaßen' gleichgestellt werden könnte, so kann dieses im Hinblicke aus die Judenheit Osteuropas und Palästinas nicht behauptet werden. Gerade in jenen Kreisen, in denen das Interesse für die Grundfragen der jüdischen Religion noch ein sehr reges ist, da hat Wellhausen umwälzend und umgestaltend gewirkt wie keiner vor ihm seit vielen Generationen. Es ist daher nur sehr begreiflich, daß Wellhausen eine Popularität erlangt hat wie kaum ein anderer Religionsforscher der Neuzeit. Und da kein Gelehrter das Gebiet der modernen Bibelwissenschaft betreten kann, ohne zu Wellhausen irgendwie Stellung zu nehmen, so wird das Gedächtnis dieses scharfsinnigen Gelehrten, der selbst seinem erbittersten Gegner große Bewunderung abnötigt, wohl für Jahrhunderte wach bleiben. Nach vielen Gesichtspunkten hin darf Wellhausen als der Darwin derisraelitischenReligionswiffenschastbezeichnetwerden. Wie jener das gesamte Gebiet der Natuvwissenischast, so hat dieser das der Religionlsgeschichte in den Rahmen des Entwicklungsprinzips hineingepreßt. Wie ferner der Darwinismus bis züm heutigen Tag es noch nicht vermocht hat, über das Stadium einer Theorie hinauszukommen, trotzdem er bereits auf ein Alter von zirka acht Dezennien zurückschaut, so ist es auch der eigentlichen Lehre Wellhausens bis jetzt noch nicht gelungen, sich das Ansehen eines gesicherten Ergebnisses der Wissenschaft zu erwerben. Wie aber der Darwinismus, trotz des bloß hypothetischen Charakters seiner Grundlehre, bereits alle Zweige der Naturwissenschaft, so die Anthropologie, Zoologie, Botanik und besonders die Medizin in weitestgehendem Maße befruchtet, ja sie in ganz neue Bahnen gelenkt hat, so hat auch die Forschungsmethode Wellhausens die ganze moderne Religionswissenschaft in neue Kanäle geleitet und hat selbst die Untersuchungsart seiner Gegner tief beeinflußt. Denn daß auch diese sehr oft seinem Arsenale die besten Waffen entnehmen, um ihn selbst mit denselben zu bekämpfen, weiß jeder Eingeweihte. Aber auch noch in einem ferneren Punkte gleicht Wellhausen jenem genialen Naturforscher. Wie Dario in den Kardinalgedanken seiner Lehre, nämlich die Herleitung der menschlichen Abstammung vom Tiere, bereits vorgefunden, ihm aber eine solch neue und originelle Fassung gab, daß die ersten Schöpfer