Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1918)
- Date
- 1918-04-05
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
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160 Die „Reichspost" hat eine konfessionelle Statistik der Frequentanten der Wiener Universität in den Kriegsjahren veröffentlicht, auS der hervorgeht, daß der Prozentsatz der jüdischen Hörer in diesen Jahren eine rapide Steigerung erfahren hat. Sowohl die Ursachen als auch deren Folgeerscheinungen haben natürlich im ganzen antisemitischen Blätterwalde begeisterten Widerhall gefunden. Die von der „Reichspost" veröffentlichten Ziffern besagen ganz deutlich, daß die Verschiebung von der Ueberflutung der Wiener Hochschulen durch Studenten aus Galizien und der Bukowina an datiert. Die traurigen Ereignisse des ersten Kriegsjahres zeitigten eben auch die bittere Notwendigkeit für die kaisertreuen Bewohner unserer östlichen Grenzländer, unter Zurücklassung von Hab und Gut im Innern der Monarchie Zuflucht zu suchen. Das brachte, wie ganz unumwunden zugegeben werden soll, auch der hier erbgesessenen Bevölkerung ohne Unterschied der Konfessionen mancherlei Beschwerlichkeiten, hauptsächlich wegen der Skrupellosigkeit, mit der manche der von der Weltkatastrophe aus ihrer gewohnten Bahn geschleuderten Unglücklichen hier an den Wiederaufbau ihrer wirtschaftlichen Existenz schritten. Mit den berüchtigten Praktiken dieser Elemente, die ihre gesamten Leidensgenossen in Verruf brachten, rangiert aber der Besuch von Vorlesungen und Hochschulkursen ganz gewiß nicht in einer Linie. Es waren sicherlich nicht die Schlechtesten, die den unfreiwilligen Aufenthalt in der Reichshaupt- und Residenzstadt zu Bildungs- und Studienzwecken benutzten, imb die Einheimischen sahen ihre Gastfreundschaft viel weniger von denen mißbraucht, die hier nach geistiger Nahrung fahndeten, als von solchen, die sich auf die Hamsterei mehr materieller Nahrungsmittel verlegten. Wissen ist auch heute noch Macht und verleiht, wenn schon nicht im Politischen, so doch im sozialen Kampfe unleugbar eine gewisse Ueberlegenheit. Um aber das daraus resultierende Uebergewicht einer ganzen Bevölkerungsschicht auszugleichen, ist deren totale oder teilweise Aussperrung von der Universität fast das ungeeignetste Mittel. Das hat sich \a in Rußland gezeigt, dessen Hochschulen zur Zeit des Zarismus nur einem geringen Prozentsätze der dortigen Judenschaft offen standen, was aber die jüdische Jugend nicht gehindert hat, sich insgeheim mit dem ganzen geistigen Rüstzeug der Zeit zu wappnen, das sie befähigte, die neue Freiheit sofort mitbestinunend zu genießen. Der Versuch, befähigte Juden von der akademischen Graduierung auszuschließen, wäre ein Widerspruch — auch im Sinne des Antisemitismus, sofern dieser wirklich Anspruch darauf erhebt, als eine auf logisch entwickelten Grundsätzen beruhende Weltanschauung ernst genommen zu werden. Denn die von dieser Seite ewig wiederkehrende Anklage gegen die Juden gipfelt bekanntlich in dem Vorwurfe, daß sie ein Parasitenleben auf Kosten ihrer Wirtsvölker führen, deren Lebenssäfte sie wucherisch aussaugen. Ein so begründeter, sich gern „wissenschaftlich" gebärdender Antisemitismus hätte, um seine Berechtigung darzulegen, den Nachweis von der Unfähigkeit des Judentums zu erbringen gehabt, sich über die Wucherexistenz hinaus zu entwickeln. Das von der „Reichspost" in so dankenswerter Weise zusammengetragene statistische Material beweist aber gerade das Gegenteil. Es zeigt, wie sehr sich die Juden die „Hinauspflanzung" ihrer Rasse, um ein Wort Nietzsches zu gebrauchen, angelegen sein lassen. Wenn.aber die Antisemiten diesem Emporstreben Einhalt gebieten zu müssen glauben, dann waren ihre alten Argumente nichts als Bluff. Denn dann geben sie ja zu, daß in ihren Augen das jüdische Parasitentum ein kleineres Uebel für die Arier bedeutet als der freie Wettbewerb jüdischer und arischer Kräfte. * Was die Palästina frage anbetrifft, so wird für den Vierten Palästinatag der Jüdischen Gemeinden Deutschlands vom 23. März bis zum 12. April folgender Aufruf verbreitet: A u f r u f! Unerhörte Leiden sind in dem abgelaufenen Jahre über unsere Brüder im Heiligen Lande hereingebrochen! Zu Hunger und Krankheit. hat sich die Krregsnot im eigentlichen Sinne gesellt; vor ihr fliehend oder militärischen Notwendigkeiten gehorchend, haben viele Taufende mit Weib und Kind ihre Wohnstätten samt all ihrem Hab und Gut im Süden verlassen müssen, um nach zermürbender Wanderschaft nach Nordpalästina in den heiligen Städten Sased und Liberias, in Damaskus, in den galiläischen Kolonien, das nackte Leben rettend, notdürftige Unterkunft zu finden. Um inmitten der herrschenden Not auch diese Tausende noch am Leben zu erhalten, fiub gewaltige Mittel nötig, bedarf es der Volksküchen, der Lebensmittelverteilung, des Wohnungsbaues, ärztlicher und hygienischer Hilfsinstitutionen. Daneben kann sich dye deutsche Judenheit der jüdischen -und patriotischen Ehrenpflicht nicht entziehen, auch für 'die deutschen Familien, die in Jerusalem und Judäa zurückgeblieben sind, für die von Deutschland aus dort bisher erhaltenen Institutionen nach Kräften weiter zu sorgen^ So ergeht denn mit dem nahenden Frühlingsseste wiederum unser Weckruf an alle warmfühlender; Herzen im Kreise der deutschen Judenheit: Gedenket der Darbenden im Lande der Väter! Gebt uns die Mittel, um die schworen, aber dankbaren Aufgaben der jüdischen Menschenliebe, die uns gestellt sind, auch im bevorstehenden, gewiß letzten Kriegsjahre zur Ehre der deutschen Judenheit, zum Segen für unsere unglücklichen Brüder kraftvoll lösen zu können. Frankfurt a. M. - - ^Berlin-- ' 15' »dar 5678. D eu t sich-Hol lä ndis che Palästina-Verwaltung Berlin —Frankfurt a.M. — Am ster dam. Postscheck-Konto: Frankfurt a. M. Nr. 9555 oder Berlin Nr. 1000 (Deutsche Bank, Direktor Wassermann). Sonst ist in der Palästinafrage nichts neues Tatsächliches zu melden. Interessant ist aber ein Bericht, den das Haager Zionistische .Korrespondenzbureau veröffentlicht. Dieser Bericht gibt eine längere Aeußerung des englischen Ministers Sir- Alfred Mond wieder, die mir bedeutungsvoll genug, erscheint, da sie die in weiten englischen Kreisen verbreitete Anschauung zum Ausdruck bringt, um an dieser Stelle veröffentlicht zu werden. Die Aeußerungen, die freilich möglicherweise durch die Entwicklung der Tatsachen mehr als fromme Wünsche, denn als wirkliche Vorbereitungen der Zukunft gelten mögen, lauten folgendermaßen: „Die unter der Aegide der britischen Regierung erfolgende Niederlassung des jüdischen Volkes in seinem alten Lande und die Gründung einer Heimstätte, wo es seinen nationalen Genius und seine wirtschaftlichen und organisatorischen Fähigkeiten frei mtb ungehindert entwickeln kann, bedeutet den Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte der Menschheit. Die Entwicklung der jüdischen Kolonien in Palästina in den letzten Jahren, deren Erfolge unter den ungünstigen und schwierigsten Bedingungen als phänomenal betrachtet werden müssen, hat immer einen tiefen Eindruck auf mich gemacht und dient wir als Gewähr noch größerer Erfolge in der Zukunft. Manche glauben, daß die jetzt eingeschlagene Politik die Lage der vielen Millionen Juden, die nach wie vor als loyale Bürger in ihrem Geburts- und Ausenthaltslande bleiben wollen, schädigen könnte, namentlich aber die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina die Stellung der britischen Juden in den Augen ihrer Mitbürger gefährden könnte. Ich teile diese Meinung nicht und habe sie auch nie 'teilen können. Meines Erachtens wird das direkte Gegenteil eintreten. Der Einfluß und die Bedeutung unserer ganzen Rasse werden zweifelsohne durch die Schaffung eines nationalen Heimes gestärkt werden. Die Befreiung Palästinas vom türkischen Joche wird jetzt zur Tatsache. Unter keinen Umständen kann ein zivilisiertes Volk die Rückkehr des Landes unter die frühere Mißherrschaft herbeiwünschen. Der britische Sieg hat in ungeahntem Maße die Hoffnungen derer erhöht, die im Laufe von Jahrhunderten danach strebten, die Rückkehr ihres Volkes in ihr altes Vaterland und eine selbstregierte Gemeinschaft des jüdischen Volkes im Heiligen Lande mit eigenen Augen zu sehen. Durch die Befreiung Palästinas mit Hilfe der Alliierten nähert sich dieser Traum seiner Erfüllung. Nun ist nötig, daß die jüdischen Gemeinschaften aller Länder eine geschlossene Front bilden, damit die Verwirklichung unseres nationalen Ideals erfolgreich durchgeführt werden kann. Praktische Staatskunst wird nunmehr von ihnen gefordert. Alte Unstimmigkeiten müssen vergessen. Fragen, die auf das Kleinliche hinauslaufen, müssen beseitigt werden. Es muß alles getan werden, daß nicht durch zweifelhafte Konzessionen der Türkei oder ihrer Alliierten in letzter Stunde das jüdische Volk um den großen Erfolg beraubt wird. Die Juden haben stets ihre besten Freunde unter den Völkern gefunden, die entschlossen sind, Zion wieder aufzuvrchten. Eine einflußreiche und repräsentative Kommission geht unter britischem Schutze nach Palästina. Ihre Aufgabe besteht darin, an Ort und Stelle die Fragen zu studieren, die mit