Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1918)
- Date
- 1918-03-27
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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82. Jahrgang Nr. 13 Berlin, 27. März 1918 Der Gemetndekiote. Bettssr zur „AUgemetnen Leltung deß Judentums" Lorrrh»ondr«i?m und Sachrichtm. SeutschlsnL. # Berlin, 25. März. Die im Januar d. I. verstorbene Frau Laura Frank geb. G o t t f ch a l k^'.aus Ber li n-Wiliner s>dors hat die Jüdische Gemeinde als Erbin ihres erheblichen Vermögens eingesetzt mit der Auflage, das« Kapital' als ,,Adolf-und-La-ura- Fvaink-Stiftung" zu veralten. "Die Zinsen sollen je zur Hälfte zur Unterstützung verschämter jüdischer Armer sowie älterer, erwerbsunfähig geloordener, 'bedürftiger jüdischer Mädchen verwendet werden, diese insbesondere, wenn ihnen durch Unterstützung, die auch eine laufende sein darf, die Ausnahme in ein Heim ermöglicht werden kann. Der jeweilige Vorsitzende des Vorstandes dev Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist zum Testamentsvollstrecker ernannt worden. Auch eine neue Stiftung für Kriegsblinde ist der Berliner Jüdischen GemeindeZuge'sallen. Der verstorbene Kaufmann Georg Eisenmann hat der Jüdischen Gemeinde 2 5 000 Mark zur Begründung einer „G eorg -- Eisen m a nn - Sti f t u n g" für jüdische Kriegsblinde vermacht, deren Zinsen und, nach Befinden des Gemeinde- Vorstandes, auch Teile des Kapitals selbst zu>m Besten erblindeter jüdischer Krieger verwendet werden sollen. E. M. Berlin, 25. März. Der F ü r s o r g e v e r e i n für hilf I o se j ü d i s ch e K i nder hat im Jahre 1917 ei ne lebhaste u nd erfolgreiche Tätigkeit entfaltet. In 77 Fällen konnten jüdische Mütter, die ihre Kinder nicht selbst pflegen können, dnrch die Aufnahme ihres Kindes erwerbsfähig, gemacht werden; in vier Fällen wurden die stillenden Mütter mit ihren Säuglingen in das in Niederschönhausen gelegene Säugling,sheim des Vereins ausgenommen. Von den betreuten Kindern waren 38 ehelich und 39 außerehelich geboren. Die Gesamtzahl der Berpflegungstage betrug 11105. Die Kosten sind gegen frühere Jahre ganz bedeutend gestiegen. Gegen das Jahr 1916 war ein Mehrverbrauch von etwa 5600 Mark zu verzeichnen. Jedes Kind verursacht einen täglichen Kostenaufwand von rund 3,50 M. Der Verein, der von der Berliner Jüdischen Gemeinde eine laufende Subvention erhält, erfüllt eine überaus wichtige Aufgabe. Es ist sehr schwer, geeignete jüdische Pflegestellen für Säuglinge zu finden. Hier tritt der Verein ein, der die Kinder bis zu ihren: zweiten Lebensjahre beherbergen kann und durch seine sachgemäße Pflege viele junge Menschenleben unserer Gemeinschaft und den: Vaterlande erhält. Hoffentlich gelingt es den: Verein, sein Hein: zu erweitern und damit den immer wachsenden Forderungen zu genügen. Die bedeutsame Arbeit, die von ihn: geleistet wird, verdient die weitestgehende Unterstützung. E. M. Berlin, 25. März. Der Verein z u r U n t e r st ü tz u n g a r mer Lei dt ragende r ,,Schon: er Laboker umi schon awelim" hielt unter dern Vorsitz des Herrn Jnstizrat Ignatz Holz die diesjährige Generalversammlung ab. In: verflossenen Geschäftsjahr bat dieser Verein, der vor etwa 225 Jahren als eine der ersten Brüderschaften in der Berliner Jüdischen Gemeinde gegründet wurde, eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet. In der Entwicklung ist ein unverkennbarer Aufschwung eingetreten, der sich sowohl hinsichtlich der Mitgliederzahl als auch in der Zunahnw des Vereinsvermögens bekundet. Der Verein bezweckt die Unterstützung bedürftiger Familien während der Trauerzeit. Er versendet in jedes Trauerhaus, gleichviel, ob arm oder reich, zwei verschlossene Büchsen, von denen eine eine bestimmte Summe enthält. Diese Büchse ist auf jeden Fall zu entleeren; den Inhalt kann der Empfänger ganz oder teilweise behalten oder ihn in die zweite Büchse tun und aus eigenen Mitteln vermehren. Diese zweite Büchse bleibt während ihrer Wanderung mindestens einen Monat uneröffnet, so daß selbst der Vorstand ln Unkenntnis bleibt, wer gegeben und wer genommen hat. In: Laufe des Berichtsjahres wurden die Büchsen in 1003 Trauerhäuser geschickt. Tie Einnahmen des Vereins beliefen sich aus 25 680 Mark, von denen 4477 Mark aus Mitgliederbeiträaen, 2528 Mark aus Spender: und 11200 Mark aus deu Büchsen des Vereins erzielt wurden. Von den etwa 16OO0 Mark betragenden Ausgaben entfallen auf Unterstützungen durch die Büchsen 11440 Mark, auf anderweitige Unterstützungen 933 Mark. Der satzungsgemäß abgehaltene Frühgottesdienst erforderte 1500 Mark. Das Vereinsvermög, en ist aus etwa 30000 Mark gestiegen. Zum erstenmal ist dem Verein eine größere Stiftung von 3000 Mark von seinem Rendanten Samuel Cohn zugefallen, aus welcher alljährlich am Neujahrstage elf Minjanmännern eine Unterstützung von je 15 Mark zusallen soll. An das Finanzministerium wurde der Antrag gerichtet, den: Verein die Rechte einer milden Stiftung zuzuerkennen. Ein Antrag auf die Erhöhung des Mitgliederbeitrages wurde von der Versammlung abgelehnt. Nach der Wiederwahl des Vorstandes schloß der Vorsitzende die Sitzung mit deu: Wmnsche, daß die nächste Generalversammlung im Frieden stattsinden möge. 6i'. Berlin, 25. März. Die diesjährigen Montagsvorlesungen in der Lehvanstält für die Wissenschaft des Judentums beschloß ein Vortrag von Prof. Tr. Julius Hirsch (Köln) über „Wirtscha f t l i ch e Z u k u n f t s f r a g e n d e r O st j lt d e n". Mehr als für alle anderen Stärnme ist für die Juden die Neugestaltung des europäi scheu Ostens ei ne Lebensfrage geworden-. Das n an: en lo se wirtschaftliche Elend der Massen ist durch den Krieg noch verschärft worden, weil die Begriffe Kriegsgebiet undjüdisches Siedelungsland fast identisch geworden sind. Der Handel der Ostjuden, von den: zwei Fünftel der Bevölkerung lebten, hat feine Absatzmöglichkeiten ausschließlich nach Osten. Der Krieg hat diese Geschäftsverbindungen unterbrochen. In Polen und Kurland empfing 1916 etwa die Hälfte der Juden Armenunterstützung. Das . unsagbare Elend der polnischen Juden kenn zeichnete der Redner durch einige Zahlen von ergreifender Anschaulichkeit. Die Sicherung der Zukunft dieses Teiles des jüdischen Volkes ist für die jüdische Gesamtheit eine Lebenssraae. Ter jüdische Handel und die jüdische Industrie sindaus Rußland als Absatzgebiet angewiesen.. Die Trennung des Westens von Rußland durchschneidet den wirtschaftlichen' Lebensnerv der Ostjuden. Tie Auswanderungsfrage wird deshalb das jüdische Zentralproblen: nach den: Kriege werden: die von manchen Kreisen propagierte Ueberleitung der städtischen jüdischen Bevölkerung zun: Landbau erscheint deu: Redner wenig aussickstsvoll. Als- Auswanderungsaebiet kommt vor allem das weite russische Reich in Betracht, da Oesterreich selbst zahlreiche Juden hat. Deutschland 'bietet schon eher Einwanderunasmöglichkeiteu. Drei Ziele hätte die Fürsorgearbeit für die Ostiuden zunächst anzustreben: die Sicherung der Rechtsstellung, die Schaffung von ungehemmten Ablvandernngsmöglichkeiten nach Osten und als finanzpolitisches Ziel die Vorsorge, daß das jüdische Ka vital auch dem jüdischen Unternehmungsgeist nütze. Bon der richtigen Erfassung und Durchführung dieser drei- Hauptfragen hänge die Zukunft der großen Ostjudenmassen ab. Der Vortrag übte eine sehr nachhaltige Wirkung aus. Die Zahlen, mit« denen Herr Professor Hirsch seine Angaben über die Not der Ostjuden belegte, m-achten einen tiefen Eindruck ans das ganze Auditorium. Berlin, 25. März. Nach den bis zum 15. Februar eingeg-angenen Meldungen stehen von den über 1100 Mitgliedern des K.C. unter Einrechnuug der Gefallenen und infolge von Verwundung oder Erkrankung als dienstunbrauchbar Entlassenen 991 in: Heeresdienst. Hiervon gehören bzw. gehörten dem Feldheere 825 an. Den Heldentod starben 77 K.C.er. Vermißt werden seit langer Zeit 6 K.C.er. In Kriegsgefangenschaft befinden sich 22 K.C.er. 18 K.C.er haben ihre Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse, 466 mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse, darunter drei am weiß-schwarzen Bande, einer mit dem Eisernen Halbmond, 178 sonstige- Kriegsauszeichnungen gemeldet. 88 K.C.er wurden während des Krieges zu Offizieren des Benrlaubtenstandcs befördert, 76 in: preußischen, sächsischen und württembergischen, 12 im baherischen Heere. Außerdem wurden zwei K.C.er im preußischen, einer im sächsischen Heere zu Feldwebelleutnants 'befördert; 8 K.C.er gehörten bei Kriegsausbruch als Offiziere des Beurlaubtenstan-des dem baherischen Heere an. Nicht eingerechnet in diese Beförderungen sind die Beförderungen zu Sanitäts- und Veterinäroffizieren. — Schweidnitz, 22. März. Vom Magistrat lag in der letzten Sitzung der Stadtverordneten der Antrags vor, den dem jüdischen P r e d i g e r für die Erteilung des R e t i g i o n s u n t e r r ich t e s