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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-03-27 · Heft 13 (27.3.1918) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 13 (27.3.1918)
Date
1918-03-27
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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155 Morgen will mein Schatz abreisen, Abschied nehmen mit Gewalt. Draußen singen schon die Vögel, singen schon die Vögel In bem dunkelgrünen Wald. Ach, es fällb mm so schwer,'aus der Heimat zu geh'n, Wenn die Hoffn-ung mchtwär' auf ein Wieder-Wiedersehn. Lebe wohl. lebe wohl. lebe wohl, lebe wohl, . Lebe wohl auf Wiedersehn. Er drehte noch ein- oder zweimal, und die Kurbel flog von allein Herum. „Mein' Kuß, Rickele!" — rief der Leutnant und stellte sich vor das Mädchen hin. Das Rickele aber weigerte sich, sie hübe ihm wohl den Kuß versprochen, aber nicht gesagt, wann er ihn bekomme, „wenn der Greandonnerschtag aus der Karfreitag fallt — her mit'm Kaffee!" Da stellte sich aber der Bäumke erst noch dicht vor das Rickele hin, drehte mit Windeseile die Kurbel und sang dazu dem Mädchen ins Gesicht hinein: Wie manches Glas bezahlt' ich dir Und Hab' es nicht zerbrochen, Auch nicht ein Küßchen gibst du mir. Und hast so viel, so viel versprochen Daun gab er ihr die Kaffeemühle zurück. Hermann hätte sich derweil in der Hütte umgeblickt. In der einen Ecke hinterm Tisch saß ein Pärchen, für das die Umwelt nicht zu existieren schien. Die hielten sich fest umschlungen und küßten sich, als sollte das Küssen in den nächsten zehn Minuten verboten werden und sie hätten zuvor noch ein großes Pensum zu erledigen. In der anderen Ecke — es war schon dämmerig in dem Raum, denn draußen lag tiefer Schnee bis herauf zu den Fenstern — bemerkte Hermann zwei Damen, offenbar Bäumkes Gesellschaft. Dieser fragte auch alsbald, ob er sie mit seinem Freund, dem Dr. Kahn, bekanntmachen dürfe. „Nicht notwendig," antwortete eine Stimme, „nicht wahr, Herr Doktor?" Und jetzt erst erkannte Hermann Marie-Louise von der Uhlenburg. Und sie reichten sich die Hände. Die andere Dame war eine überlebensgroße junge Kunstgewerblerin aus Hamburg, rotbackig und mit rötlichblonden Scheiteln. Bäumke entzündete nun umständlich die Petroleumlampe, die oberhalb des Tisches hing, während die Kellnerin die Tassen aufstellte. Dabei sagte sie zu dem Paar in der anderen Ecke entschuldigend hinüber, daß man auch dort sogleich Licht anstecken werde. Der männliche Teil aber dankte, indem er versicherte, man sähe durchaus genügend. Kaum war der Kaffee getrunken, da mahnte Bäumke zum Ausbruch. Der Abstieg währe gute zwei Stunden, und unr 7 Uhr 20 gehe der Zug, und es sei der letzte und besonders Herr Doktor Kahn dürfe ihn nicht versäumen, denn seine Praxis sei enorm, und obgleich er erst feit einem Jahr sein Gewerbe ausübe, habe er doch in seinem Flur Zettel anbringen müsien: „Rechts gehen" und „Man bittet, nicht stehen zu bleiben" — dermaßen staue sich die kranke Menschheit während seiner Sprechstunde. Hermann dankte innerlich dem Freund für die nette Art, mit der er ihn äufforderte mitzukommen, und froh schloß er sich an. Erst gingen die beiden jungen Mädchen .voraus. Man hörte sie ein wenig kichern und lachen durch die klare Winterluft, und auch einige abgerissene Worte drangen zu den Ohren der Herren: „S-z-Paß macht" — schien die Hamburgerin auf irgendeine Bemerkung zu erwidern, „mir würd's auch S-z-paß Machen, aber . . ." — „Die Damen reden von dem küssenden Pärchen," bemerkte Bäumke, „den Mund haben die zwei einem schon wässerig machen können, nicht bloß nach dem Rickele" . , . Dann ging er eilig und mahnte, man müsse ein rascheres Tempo einschlagen und dann auch' ordentlich Schritt halten: „Ja, Fräulein Ruyter." wandte er sich zu der Hamburgerin, die eben ein wenig ins Rutschen hatte kommen wollen — ,,das ist nicht wie draußen in Uhlenhorst, hm? — Da gehe es immer hübsch eben und man könne nicht s-z-traucheln und nicht s-z-türzen. . . Und es sei doch wohl bester, wenn sich die Damen der Führung der Herren anvertrauen." Und da ergab es sich zu Hermanns Freude ganz von selber, daß er zusammen mit Marie-Louise von der Uhlenburg wanderte. Darüber war er doppelt froh, denn er hatte schon gefürchtet — sie und der Bäumke ... aber dem schien nicht so zu sein .... lFortsehung folgt.) Kalla h. Von S. A s ch n e r. s sind so still die Stunden, Es lauscht so licht die Zeit, Ach, alles ist entschwunden: Das tausendjähr'ge Leid. Bewegung wogt im Dunkeln Wie starker Brandung Sprüh'n. .Gestalten finster funkeln. Mächtige Völker zieh'n. Mächtige Völker fluten Durch das erschauernde Land. Der Fackeln grell flackerndes Bluten Rötet die ragende Wand Einsamer Pyramiden. Es duckt sich lauernd die Sphinx, Der Königslöwe im Süden. Frohlock' nicht zu frühe, Syrinx! Jauchzt nicht zu frühe, Schalmeien, Zimbeln und Becken, auch du. Ernste Posaune. Noch dräuen Die Dränger Knechtschaft euch zu. Mit Weib und Kind und Wagen Erströmt das jauchzende Heer. Mäuler, Kamele, tragen Kisten und Kasten schwer. Ein Meer der Hoffnung, der Freude Schäumt fröhlich zum Tag aus der Nacht, Ein Frühlingssturm über die Heide, Die aus Wintertraum erwacht. Die Feuersäule schreitet,' Das Gotteslicht, ihm vor. Das ihm die Bahn bereitet Zu der fernsten Zukunft Tor. Du Volksreis, jugenddrängend. Reif' gold'ne Früchte! Blüh'! Mose, gebieterisch sprengend, Weist gestreckten Arms zum Sinai! Mitzellen. Zur Geschichte der Juden in Mailand im 15. Jahrhundert. Einem herrlich ausgestatteten, inhaltlich ungemein aufschlußreichen Werke: Franscesco Malagum Valeri, „Lg Corte di Lodovico il Moro. La Vita Privata e l’Arte a Milano nella seconda met& del Quattrocento“, Ulrico Hoepili, Milano, 1<918, sei folgendes entnommen: Die Juden, die schon von dem Herzog Galeazzo Maria beschützt worden waren, wurden unter der Herrschaft des Lodovico Moro noch mehr geachtet, mit Privilegien ausgestattet und zu Aemtern zugelassen. Je mehr sich das Ansehen des Moro steigerte, fanden fte stärkere Verteidigung gegen alte Vorurteile und gegen Religionshaß. Sie erhielten die Erlaubnis, Handel zu treibem Banken zu halten, und mancher erlangte die Berechtigung, Waffen zu tragen. Das Volk, widersätzlich gegen solche Neuerung, beklagte sich mehrfach, daß man der übrigen Bürgerschaft dieses „gottesfeindliche Volk" gleichstelle, aber der Herzog blieb in feinen Gerechtigkeitsplänen fest und beauftragte

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