Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1918)
- Date
- 1918-03-27
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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m - sein, .feige, verlogen, hinterlistig; unruhig, innerlich zwiespältig, charakterlos und mit sich selbst zerfallen; ideallos, umteriell gefilmt, völlig unvermögend, einer Sache um ihrer selbst willen zu Dienen; ironisch, frech, ohne Respekt vor fremder Größe und Ehre. Dabei passiert es, daß man häufig Anklagen begegnet, die einander geradezu widersprechen uni) sich gegenseitig aufheben. So kann man erleben, daß zu dem Vorwurf Der allzu großen Geschäftigkeit der der Faulheit tritt, daß es nicht bloß heißt, wir seien geizig und habsüchtig, sondern daß wir beinahe in einem Atemzuge auch der Verschwendung, der Ueppigkeit und Schwelgerei geziehen werden, ja daß man uns kriechend-unterwürfig und zugleich herrisch-anmaßend findet. Wie diese Ueberficht zeigt, rechtfertigt neben anderen Gründen auch die Fülle des Materials sowohl die Forderung einer besonderen apologetischen Unterrichtsstunde als auch die Mahnung, von polemischer Behandlung nichtjüdischer Glaubensvorstellungen und Moralvorschristen gang abgesehen. Ich nehme an, daß der Lehrer.seinen Schülern das An°- ktagematerial in der Ausdehnung und Beschränkung darbietet, wie sie den Grenzen der Schule und der Ausnahmesähigkeit der reiferen Jugend entsprechen. Er mag auf die Geschichte der einzelnen Vorwürfe eingehen, zeigen, wo sie zuerst aufgetwucht sind und welche Formen sie in der Gegenwart angenommen haben. Für die Hauptaufgabe, die Widerlegung, mögen folgende Gesichtspunkte Beachtung finden. Vieles, was von gegnerischer Seite mit Tadel belegt worden ist, verdient überhaupt keinen Tadel. Es' hat mindestens die gleiche Berechtigung wie das Nichtjüdische, das ihm zum Vergleich an die Seite gerückt wird; es ruht auf der eigenartigen, durchaus selbständig fundiertenjüdischen Weltanschauung; es ist anders, aber darum nicht schlechter als fein Gegenbild. Hieher rechne ich z. B. die stärkere Betonung der Gerechtigkeit in der Gotteslehre und der Ethik des Judentums. Manche Apologeten sind in dem Bestreben, ihre Religion zu verteidigen, zu weit gegangen und haben gewisse Eigentümlichkeiten derselben geleugnet oder als unerheblich hingestellt, die geradezu als Vorzüge angesehen werden müssen. Ein witziges Wort meines Lehrers Martin Schreiner, das den Uebereiser solcher Apologeten geißelt, mag hier seinen Platz finden: „Wenn deinem Nachbar deine Nase nicht gefällt, so brauchst du sie dir darum noch nicht abzuschneiden." Andere Vorwürfe, und das ist das Gefährliche, haben einen Schein von Berechtigung. Ein hart klingendes Bibelwort, ein Talmudzitat, das uns fremdartig anmutet, wird aus dem Zusammenhang gerissen- und als Charakteristikum des Judentums hingestellt. Unerfreuliche Gestalten des modernen Lebens, die unserer Gemeinschaft an gehören, werden zu Typen des jüdischen Menschen gestempelt. So leichtgläubig ist heute selbst die breite Masse nicht mehr, daß sie sich durch lauter Lügen täuschen ließe; ein Körnchen Wahrheit muß in der Anklage enthalten sein, sonst verpufft sie wirkungslos. Besteht die Schlauheit antisemitischer Agitatoren darin, daß sie dieses kleine Quantum Wahrheit aufbauschen und vergrößern, so muß es die Ausgabe des Apologeten sein, zwischen Wahrheit und Entstellung scharf zu unterscheiden und die Kritik auf ihr berechtigtes Maß zurückzuführen. Eines der fruchtbarsten Prinzipien in der. Apologetik ist, soweit die jüdische Religion in Frage steht, der Entwicklungsgedanke. Die jüdische Religion hat im Lause der Jahrhunderte und Jahrtausende ihr Antlitz oftmals geändert; sie -ist durch die biblische Periode, den Hellenismus, den Talmudismus, den Rabbinismus hinducchgegangen; nicht alles, was ehemals als Judentum gegolten hat, kann für die Gegenwart und Zükunfr als normativ angesehen werden. Anderseits ist vieles, was übelwollende Kritiker im alten Judentum vermissen, schon keinchaft in ihm enthalten gewesen- und dann im Wandel der Zeiten kräftiger ausgestaltet wcwden. Im Bild gesprochen; man kann den gereiften Mann nicht für alles veraMvoMich machen, was er als Knabe gesaU und getan hat; aber die Anlagen, die er später entfaltete, waren schon in dem Kinde, wenn auch unausgehildet, vorhanden. - ■ Bei der Bchandlung der Vorwürfe, Die den Juden als Menschen gemacht , werden, dürfte es sich empfehlen, von den ungünstigen Wirkungen auszugehendie sowohl der bange Druck als auch der schnelle Aufftieg ausgelöst haben. Von dem langen Druck stammt die Gewöhnung an bestimmte Erwerbszweige, die Vorliebe für den Handel unddas Geldgeschäft; ferner die Unterwürfigkeit, der MangÄ an persönlichem Mut, soweit sie noch nicht überwunden sein sollten: unter Parias sind die Herrennaturenselten. Folge des schnellen Aufstiegs ist die soziale und gesellschaftliche Unsicherheit des Juden, die sich gelegentlich als Protzentum, dann aber auch als Scham über seine Herkunft äußert. Der freie Bauer, dessen Ahnen jahrhundertellang aus eigener Scholle gesessen haben, ist bodenständiger und ruhiger als der aus kleinsten Verhältnissen stammende, durch Fleiß und Geschick groß gewordene Einiporkömmling. Die als „jüdisch" verschrienen Eigenschaften haben also mit dem Juden an sich nichts zu tun, sie finden sich bei allen Menschen-, die ähnliche Schicksale durchgemacht haben, ebenso wie sie bei uns mehr und mehr schwinden werden, je weiter wir uns von der -Epoche-des Druckes zeitlich entfernen." Lur Frage der Grsamtorsamsatwir der Juden Kreutzens. Von Geh. Justizrat L o e w e (Berlin). er II.Deutsch-Jsraelitische Gemeindetag hat im Mai 1909 einstimmig den ihm vorgelegten Entwurf eines Organisationsgesetzes für die preußischen Juden der eingesetzten Kommission als Material für weitere Arbeiten unter Berücksichtigung des Antrages Friedmann überwiesen. Me Kommission hat den ihr erteilten Auftrag zur Weiterarbeit bisher nicht ausgeführt. Bestimmend für dieses Ruhenlassen der Arbeit war unter anderem die Befürchtung, daß die preußische Negierung nicht geneigt sein würde, den Wünschen der Juden entgegenzukvmmen, und daß der Landtag uns unerwünschte Bestimmungen in das Gesetz bringen könnte, da er in seiner jetzigen Mehrheit — unzutreffenderweise — aus Artikel 14 der Verfassung folgert, daß die jüdische Religion nicht denselben Anspruch auf staatliche Anerkennung habe wie die christlichen Konfessionen. Beide Gründe treffen nicht mehr in dem früheren Maße zu. Die Regierung ist im Laufe des Krieges in vielen Punkten den Forderungen der Juden nachgekommen, und die geplante AeNderung des Wahlrechts und des Herrenhauses läßt der Hoffnung Raum, daß der Landtag in seiner neuen Zusammensetzung den christlichen Charakter des Staates weniger als früher' betonen wird. — Hat die Regierung während des Krieges die Verhältnisse der Juden Polens in befriedigender Weise geordnet, so ist zu erwarten, daß sie auch zu einer Regelung der Verhältnisse der preußischen Juden schreiten wird, wenn ihr entsprechende Wünsche vorgetragen werden. Diese Regelung ist dringend notwendig. Treffend hat Herr Geheimrat Fuchs als Vorsitzender des 8. Gemeindetages ausgesührt: „Wer es daraus angelegt hätte, eine Organisation zu schassen, welche das Judentum als solches in der Erfüllung seiner Aufgaben hinderte, der hätte kein besseres Gesetz finden können als das von 1847. In tausend Gemeinden zersplittert lag das Judentum da . . . Eine religiöse Gemeinschaft, die auch den Aufgaben des Tages zu dienen hat, bei