Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1918)
- Date
- 1918-03-27
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
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-- 151 die Kraft einer gerechten Regierung erkannten, verbürgten sie sichsämtlich, wie verlangt wurde, und die gerichtliche Untersuchung wurde ungestört fortgeführt. Wir dürsen nicht unterlassen zu erwähnen, daß die öffentliche Stimme, die laut wurde, ganz zu unseren Gunsten war und daß die christlichen Einwohner dahier von ihren Glaubensgen-offen, den Katholiken und den lutherischen Christen, in der Gegend sehr getadelt wurden. Infolge gerichtlicher Untersuchung wurden 31 verdächtige Personen inhaftiert. Einige wurden bald aus der Haft entlassen, einige erst nach mehreren Monaten, nachdem die Untersuchungen geschloffen waren und die Bürgschaft geleistet war, daß keiner der Schuldigen der gerichtlichen Strafe, welche das Hohe Gericht bestimmen werde, durch die Flucht sich entziehen wolle." Diese anspruchslose Schilderung,, die züm Teil von Mitgliedern hochangesehener Familien spricht, die seitdem in Württemberg und anderwärts hervorragende Stellungen erworben haben, mag für sich allein sprechen. Es ist ein interessantes Kulturbild, das wohl der Veröffentlichung wert ist. Nach der Darstellung der schweren Ereignisse, die, wie gesagt, an den letzten Tagen des Peffachfestes sich vollzogen, folgen nur noch kurze Mitteilungen darüber, daß die vor zehn Jahren aufgelöste Chewra wiederhergeftellt wurde und daß alle GMeindemitglieder, die ihr angehörten, sich verpflichteten, eifrig Almosen zu geben. Genau 70 Jahre trennen uns von jener Zeit. Wir dürfen sagen: derartiges ist seitdem in Deutschland nicht wieder vorgekommen, und wir dürfen daran den Ausdruck, der Hoffnung und des Vertrauens schließen, daß solches nicht wieder Vorkommen werde. Es ist ja freilich leider gewiß, daß die Antisemiten rüstig am Werke sind. Aber so traurig auch ihre Bestrebungen genannt werden müssen, so richten sie sich nicht aus dse Zerstörung des Eigentums und die Bedrohung persönlicher Freiheit, sondern sie beziehen sich nur auf die Schädigung unserer sestgelegten Stellung. Aber wir sind erfüllt von der Ueberzeugung,. daß alle diese Bemühungen, mögen sie auch noch so kühn und zuversichtlich sich gebärden, erfolglos bleiben müssen, daß der gerade Sinn unseres Volkes und die erleuchtete Anschauung unserer Regierenden solchem Ansinnen widerstreben und uns überall, wo wir auch wohnen, den Schutz zubilligen werden,, der uns gebührt, und die Freiheit und das Recht uns Gewähr leisten werden, die uns von der Verfassung gegeben ist und deren wir uns in jahrzehntelanger Pflichterfüllung würdig gemacht haben. ' L. G. Lum WolLgrttlchkn Äutrrrjcht'). Von S. Hachseld (Berlin). aren auch in früheren Jahrhundertendie Juden hauptsächlich als Bekenner ihrer Religion ein Objekt feindlicher Angriffe, so hat sich doch während der letzten Generationen eine Trennung l) Der Berliner Rabbiner Dr. S. Hochfeld hat in der österreichischen Zeitschrift „Freie jüdische Lehrerstimme" einen Aufsatz unter obigem Titel veröffentlicht. Nachdem er die Notwendigkeit eines apologetischen Unterrichts dargetan durch Hinweis auf -die in Lehrbüchern, Dichtungen, judenfeindlichen Schriften, wie Lagardes und Treitschkes votgebrachten Anklagen, bespricht er die Tätigkeit deS Religionslehrers und wefft ihm die Aufgabe zu, die Vorwürfe zu entkräften, welche z. Bgegen das Verfahren des Erzvaters Jakob erhoben oder diejenigen,—die aus einer einseitigen Auslegung deS zweiten Gebots hergeleitet, gemacht werden. In einein ferneren Abschnitte -der aufschlußreichen Abhandlung setzt Hochfeld den Unterschied von Polemik und Apologetik auseinander und beschließt seine Abhandlung mit folgender Darlegung, die -wir mit besonderer Erlaubnis des Verfassers an dieser Stelle unverkürzt nritteilen. Die Redaktion. der Angriffsziele herausgebildet. Man begegnet in den Schriften und den, Reden, die sich mit der Judensrage befassen, zweierlei Argumentationen. Auf der einen Seite heißt es: Vor der altehrwürdigen jüdischen Religion, vor ihrer Gotteslehre, ihrem sittlichen Ernst haben wir den größten Respekt; aber die Juden als Menschen taugen nichts, sie sind Abkömmlinge einer minderwertigen Rasse, sie sind behaftet mit allen möglichen ererbten schlechten Eigenschaften; Summa: sie sollen auswandern-. Die andere Seite gefällt sich in folgenden, Ausführungen: Die Juden als Menschen sind .uns wertvolle Mitarbeiter, ihre Klugheit, Regsamkeit und Zähigkeit sind notwendige Triebkräfte im wirtschaftlichen und sozialen Leben der Gegenwart, eine innige Verschmelzung deutschen und jüdischen Wesens erscheint geradezu wünschenswert — aber die jüdische Religion ist veraltet und überholt, rückständig und kulturfeindlich; Summa; die Juden sollen sich taufen taffen. Beschäftigenwir uns zunächst mit dem Vorwurfe dev Rückständigkeit und Kulturseindlichkeit, der dem Judentum gemacht wird. Zu seiner Begründung werden drei Schlagworte geprägt, die unsere Religion und unsere Sittlichkeit gleichmäßig berühren: nationale Beschränktheit, übertriebene Gerechtigkeit, Werkfrömmrgkeit. Der Gott des Judentums, sagte man, ist Volksgott, nicht Weltengott, Israel steht ihm näher als die übrige Menschheit, seine Verheißungen und Segnungen beziehen sich aus die Söhne Jakobs und schließen die anderen Nationen -aus. Damit hängt zusammen, daß der Jude nur den Juden als seinen Nächsten und Bruder betrachtet, nur ihm gegenüber sich zu moralischem Handeln verpflichtet fühlt, gegen den Nichtjuden sich aber keinerlei Schranken auszuerlegen braucht. Der Gott des Judentums ist ferner ein Gott der strengen Vergeltung, oder, wie man noch wirksamer sagt, der Rache; er ist der Herr, der König, dem seine Knechte mit Zittern nahen, nicht aber der liebende Vater, an dessen Herzen seine Kinder geborgen sind. Demgemäß herrscht auch in der jüdischen Ethik das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn". Wie du mir, so ich dir, ist -die Maxime des jüdischen Handelns; Barmherzigkeit und Vergebung sind dem Judentum ursprünglich fremde Begriffe. Endlich dient der Jude seinem Gotte durch peinliche Beobachtung einer Fülle von äußerlichen Vorschriften, bei Leven Befolgung seine innere Gesinnung ganz außer Betracht bleibt — wie es ihm auchgenügt, wenn er die notwendigen Pflichten gegen seine Mitmenschen mechanisch erfüllt hat. Die Tat ist ihm die Hauptsache, -die Herzenswärme kann dabei aus den Nullpunkt herabsinken. Zu diesen Anklagen, die das Judentum als Ganzes herabsehen wollen, gesellt sich eine bunte Reihe gelegentlicher Angriffe, die auf Einzelheiten ihr Augenmerk richten. Bald ist es das angebliche Fehlen des Unsterblichkeitsglaubens, das man der jüdischen Religion als Manko anrechnet, bald vermißt man die Feindesliebe unter den Geboten der jüdischen Sittenlehre und erkennt daran ihre Inferiorität. Unsere Zurückhaltung in der Miffionstätigkeit wird als ein Eingeständnis unserer inneren Schwäche gedeutet; denn eine Religion, die an ihre Kraft und Zukunft glaubt, muß auch, so heißt es, von dem Drange beseelt fein, Anhänger zu werben. Von sogenannten Kennern unserer religiösen Literatur wird endlich behauptet, daß wir theoretisch an der Polygamie feschalten, ebenso wie das Verbrechendes Ritualmordes von dem Sch-uldkonto, das man dem Judentum au-fmacht, noch immer nicht gelöscht ist. Ueber die Angriffe gegen die Juden als Menschen läßt sich kurz sagen, daß es wohl kaum einen Makel gibt, den man noch nicht versucht hätte ihnen anzuheften. Unredlich sollen sic