Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1918)
- Date
- 1918-03-27
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wochen seit Anordnung der nächtlichen Wache vermeinten, man dürfe jetzt nicht mehr besorgt sein und könne die bezahlten Wächter entbehren und habe nicht nötig, selbst Wache zu halten, Es wurde auch dieserhalb im versammelten Kahal beschlossen, daß die Wache nur bis Ende Pessach bestehen sollte. In der Nacht aus acharon schel Pessach (letzten Tag), dieses ist aus den 25. April, rotteten sich ungefähr vierzig christliche Einwohner des Ortes zusammen, sie waren teils verheiratet, teils ledig, und begannen damit, daß sie zuvörderst die von uns bestellten jüdischen und christlichen Wächter aus der Straße verjagten und dann hingingen und in den meisten Häusern der Juden die Türen einschlugen und die Läden der Fenster erbrachen. Sie waren mit schweren Steinen, mit großen und kleinen Prügeln, mit Aexten und Beilen bewaffnet. Sie warfen durch die zerschlagenen Fenster in die Wohnungen und riesen: „Geld oder Tod!" Nur in ein Haus, in das Haus der Meier Weil, der mit auf der Wache war, waren die Krawaller eingedrungen, nachdem sie die Türen, Läden und Fenster zerschlagen hatten, und zerstörten vieles im Hause. Mutter und Tochter, das einzige Kind, flohen; allein die Tochter wurde ereilt, arg geschlagen und gefährlich verwundet. Viele von uns hörten ihr jämmerliches Schreien, allein niemand konnte ihr zu Hilfe kommen. Sie ward wieder hergestellt. Im Hause des Wolf Kiese hatte dieses Gesindel auch bereits Läden und Fenster zerschlagen und war bemüht, die Türen zu erbrechen. Dieser Mann hatte diesen Leuten auch bereits über 400 Gulden durchs Fenster zugeworfen und gebeten, daß sie von ihm ablassen sollten; allein sie wollten noch mehr und warfen schwere Steine in die Stube und trafen die Hausfrau, die längst taub geworden, und verwundeten sie gefährlich am Kopse. Sie ist indes wieder geheilt von ihren Wunden. Bei dieser Gelegenheit wurden auch in der nahestehenden Synagoge Fenster zerschlagen und Steine und Prügel hineingewovfen. Auch bei dem Herrn Kirchenvorsteher Salomon Kiese waren Haustür, Fensterläden und Fenster erbrochen, man mußte jeden Augenblick fürchten, die Rotte werde eindringen und das Leben gefährden; er entsloh daher mit seinem Weibe, seinen zwei Töchtern, seinem jüngsten Sohne, seiner jüdischen und christlichen Magd durch eine Hintertür und entkam 'glücklich nach Bondorf. Seinen Knaben von elf Jahren aber vermißte man; denn es hatte sich dieser aus Furcht auf den Boden geflüchtet und sich daselbst versteckt und den Ruf der Seinen nicht gehört. In welcher Angst wir alle waren, und in welcher Betrübnis diese Leute ihr Haus und ihre Habe verließen und welche Sorge ihr Herz erfüllte wegen des Kindes, das fehlte, ist leicht zu erachten. Herr Wolf Kiese hatte während des Tumultes vor dem Haus seine jüdische Magd durch eine Hintertür aus dem Hause entsandt, damit sie den Schultheißen zu seiner Hilfe herbeirufe. Als die Magd vor dem Hause des Schultheißen angekommen war und ihn angerufen hatte, machte dieser sich sogleich aus seinem Hause, rief noch einige Bürger herbei und verfügte sich an den Ort, wo der Krawall stattfand. Die Krawaller hörten den Schultheiß kommen und flohen; nachgesetzt wurde ihnen nicht. Zu dieser Zeit ward es ruhig im Orte, wir gingen aus unseren Häusern bewaffnet mit Aexten, Hämmern, Beilen und dergleichen und blieben auf der Straße beisümmen, um einen möglichen Uebersall vereint abzuwehren. Noch vor Tag jedoch gingen drei von uns zu dem Schultheißen und verlangten von ihm ein Schreiben an das Kgl. Oberamtsgericht über das, was diese Nacht sich ereignet. Der Schultheiß willfahrte, und so gingen denn zwei dieser Männer, Herr Hirsch Kiese, Kirchenvorsteher und Vorsänger, und Schullehrer Michel Hirsch mit Tagesanbruch, acharon schel Pessach, vor das Kgl. Oberamtsgericht und drangen in den Beamten, eilig an Ort und Stelle sich zu begeben und für unseren Schutz Sorge zu tragen. Noch bevor gedachte zwei Männer vor; das Kgl. ObeMMtsgericht gej langten, hatte bereits der erwähnte Herr Salomon Kiese von! Bondyrf aus in der Nacht einen Boten mit einem Schreiben an das Kgl. Oheramtsgericht entsandt und Hilfe für die Zurückgebliebenen dringend verlangt. Die zwei Männer stellten nun mündlich vor, und das Gericht versprach alles mögliche zu! unserem-Schutze anzuordnen und dieserhalb sich noch heutigen Tages an Ort und Stelle zu begeben. Das Gericht sandte drei Landjäger voraus und folgte bald selbst nach. Eben kamen genannte Männer.von Horb zurück, als Herr Wolf Kiese und Herr Lehmann. Kiese mit Frau eine Kutsche bestiegen, um nach Stuttgart sich zu begeben, einmal, um so lange, als die Weltruhe nicht zurückgekehrt, daselbst zu verbleiben und auch, um möglichst durch die höchsten , Männer im Staate für künftig unsere Ruhe zu sichern. Die Ehefrau des Erstgenannten mußte, weil sie an ihren Wunden gefährlich krank war, bis zu ihrer Genesung Zurückbleiben. An diesem Tage nun begann die gerichtliche Untersuchung, und bereits am folgenden Tage wurden zwei der Verdächtigen nach Horb in das KriMiNalgesängnis gebracht. Hierüber wurden viele christliche Weibsen des Ortes arg aufgebracht, und wurde von ihnen den ganzen Tag hindurch aus öffentlichen Straßen arg gemault darüber, daß das Gericht wegen Juden ihre Leute zur Verantwortung ziehen wolle. Auch christliche Männer ließen drohende Reden hören, daß die Haare der Unsrigen zu Berge stiegen. Nicht zu verwundern, daß viele von den Unsrigen gegen Abend aus ' Furcht vor den christlichen Einwohnern des Ortes mit ihren . Weibern und Kindern in die benachbarten Orte flüchteten. Wir Männer aber und die ledigen, rüstigen Leute, wir versammelten uns heimlich in dem Hause des Herrn Hirsch Kiese und versahen, uns mit Steinen, eisernen Stangen und anderen Waffen, um nötigenfalls gegen Feinde uns zur Wehr zu setzen. Um Mitternacht wurde dem Herrn Salomon Wolf Kies? im Vertrauen angesagt, daß morgen in aller Frühe die gesamte Judenschaft auf das Rathaus geboten werde und daselbst untevfchriftlich zu erklären habe, daß sie erstlich für sich und ihre Nachkommen auf alle Zeit freiwillig auf Bürgerrecht und gemeindebürgerlichen. Nutzen verzichte, und daß es zweitens ihr Wunsch sei und ihr Verlangen, das Kgl. Oberamtsgericht solle die zwei Inhaftierten aus ihrer Haft entlassen und alle Untersuchungen wegen der Begebenheiten in der Nacht aus den 25. April Niederschlagen. Es wurde auch angesagt, daß sofern die Juden in dieses Verlangen nicht einwilligen, dieselben dahier ihres Lebens nicht sicher seien. Ws wir dieses Vorhaben erfuhren, sandten wir noch in der Nacht durch zwei Männer aus unserer Mitte ein Schreiben an unseren Rabbiner, Herrn Dr. Wassermann, Hochwürden in Mühringen, ihn ersuchend, er solle alsogleich nach Horch zu den Beamten sich begeben, damit genügend Schutz uns eilig zukomme. Nachdem Herr Dr. Wassermann mit den Beamten geredet hatte, kam er in der Frühe hier an und gab uns zu verstehen, daß wir nur immer unterschriftlich einwilligen dürfen in das ungerechte Verlangen; es unterliege solche Verhandln mi der Genehmigung der höheren Behörden und diese werde nicht erfolgen. Wir gingen also auf das Rathaus und fertigten dnsÄbst die verlangte Schrift, während unsere Feinde drohend und mordlustig aus der Straße sich bewegten. Zwar wurde besagtes Schreiben eilig dem Kgl. Oberamtsgericht zugefertigt, allein diesem war schön Weisung von dem Kgiü Ministerium zugekorruney> keinen Zwang gegen die Juden zu .dulden, die .gesamte ckMtlii^ GeMsinde verbindlich zu machen für den Schutz der Judey und deren Habe, und wenn das nicht eingegangen werd?odernicht genügen' sollte, Mit!- tär zu bestellen. Ws die christlichen Einwohner den Ernst, und