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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-03-27 · Heft 13 (27.3.1918) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 13 (27.3.1918)
Date
1918-03-27
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 höheren Adel sichert, so bewahrt das Judentum bei allen Stürmen der Weltgeschichte stets das absolut wahre Ideal der Menschheit, stellt es die reine Gotteserkenntnis und die reine Humanität stets als Zielpunkt des menschlichen Strebens dar und unchüllt diesen edlen Kern sorgfältig mit schützenden Schalen, damit er nach beendeten Weltstürmen unversehrt der Menschheit dargeboten werden könne. Um dieses wahre Ideal der Menschheit zu gewinnen, verläßt Abraham seines Vaters Haus, seine Freundschaft und feine Heimat; er will ein Fremdling sein mitten unter dem feindseligen Volk, wenn ihm nur die Hoffnung auf dieses Ideal erhalten bleibt. Der sterbende Moses steigt aus den Berg und blickt sehnsuchtsvoll in die Ferne. Sein brechendes Auge wird verklärt, weil es einen Strahl von der Sonne dieses Ideals aufnimmt. So fühlt sich Israel erkoren zu dem hohen Kampfe, der Menschheit die Wahrheit und die Glückseligkeit zu bewahren und zu bringen: es fühlt sich gestärkt durch die Ueberzeugung, daß der Wahrheit Träger durch diese Wahrheit selbst vor dem Untergang geschützt ist. Glücklich ist ein Volk zu nennen, das zum Hüter dieses Schatzes und zum Priester dieses Heiligtums von der Vorsehung erkoreir worden ist; selbst dann ist es noch glücklich zu preisen, wenn es auch nur auf dem langen Dornenpfade eines Märtyrertums, in armseliger Knechtesgestalt, im Innern das Erhabenste zu offenbaren berufen ist; selbst dann noch ist «der Priester selig zu preisen, wenn er zugleich auch als Opfer aus dem Altar der Menschheit bluten muß — aus seinen Leiden sproßt das Heil, und 'der leiblich überwundene Dulder wird gleichwohl zum siegreichen Helden, der das Panier des göttlichen Königtums allen Völkern voranzutragen gewürdigt worden ist. Wenn es wahr ist, was einer unserer tieffinnigen Weltweisen von der Menschheit sagt, daß man chr alles rauben könne, nur die Entwicklungsfähigkeit nicht, denn mit ihr vernichtet man ihr eigenstes Wesen, so bewährt sich abermals die Tiefe dieser israelitischen Hoffnung in ihrer ursprünglichen Reinheit. Ihre Analogie findet sie in der. noch andauernden Fortbildung unseres Erdkörpers aus dem Stande der Roheit in den der Bildungsfähigkeit: sie findet ihre Bestätigung in dem Berufe Israels in seinem ganzen Erdenwallen, das sich in seinen hervorragendsten Personen, in den Lehren und Verkündigungen der Propheten offenbart. — In der Erzählung von dem nächtlichen Ringkampf Jakobs wird diese Zeit mit dem „Anbruch der Morgenröte" bezeichnet. Sicherlich kommt diese Zeit, wo die Menschen nicht durch die finsteren Dämonen der Leidenschaft und des Hasses getrennt, sondern durch das Wahre, Gute und Schöne geeint werden. Vieles hat das Judentum schon mittels seiner Mission gewirkt. Es kann sich ohne jede Ueberhebung rühmen, daß die Bücher, die es seine Heilige Schrift nennt,, an all ihren Ufern überfließen von den Aussprüchen des Heiligsten, des lautersten, des sittlichsten Geistes; es kann sich rühmen, daß in ihnen die erlösende Idee für die Menschheit voll und ganz vorhanden ist. Und diejenigen, welche vor dem Ueberhandnehmen „des jüdischen Geistes" eine solche Angst an den Tag legen, mögen sich mit dem Gedanken beruhigen, daß der Geist der jüdischen Religion es war, der die Grundbestandteile dessen in die Welt gebracht hat, was man „sittlich geläutertes" Bürgertum nennt. — Diese kleine Schar darf sich der Knechtschaft Gottes heute wohl rühmen, denn aus ihr sind die Wächter, die Hüter eines erhabenen Gedankenreiches hervorgegangen. In diesem Jahre , noch Knechte, im nächsten winke uns Freiheit und Gerechtigkeit. Dir Woche. Berlin, den 26. März '1018. Bevor noch die letzte Nummer ausgegeben ist, muß diese Uebersicht geschrieben werden, obgleich sie das Datum des 26. trägt. Aus der kürzen Zeit, die zwischen der Abfassung der letzten Uebersicht und dem Niederschreiben der hier folgenden vergangen ist, erklärt sich, daß so gut wie gar nichts zu sagen ist. Die wichtigeren Ereignisse der letzten Tage sind: 1. die Annahme der Forderungen der Alliierten durch Holland und 2. die Erklärungen des Fürsten v. Lichnowsky. Me erstere, durch die Regierung geschchen, hat die Mißbilligung dev Kammer gesunden. Zur Erklärung des gänzlich nnerwarteten Schrittes'hat die holländifche Regierung erklärt, däß nicht Feindseligkeit gegen DeüffchMld den EnffchWß heWorgerufen hat, sondern Furcht vor der Entente. Einzelne Verklausulierungen, in denen sich die holländische Regierung gefällt, ändern nichts an der für unS betrübenden Tatsache. 2. Die Erklärungen des Fürsten v. Lichnowsky sind in einer Denkschrift dargelegt, die, zuerst von der feindlichen Presse Veröffentlicht, nun auch in den deutschen Zeitungen Platz gefunden hat. Sie sind bedeutsam weniger durch die heillose Selbstverblendung des deutschen Staatsmannes, der seine Tätigkeit und seine Ansichten ins beste Licht zu setzen versucht, als durch die Anschuldigung an tne deutsche Politik, sie habe trotz des guten Willens Englands und Rußlands, die Serbien zur Nachgiebigkeit genötigt hätten, den Krieg gewollt und schließlich gegen den Willen der übrigen Mächte zum Krieg gedrängt. Diese Anschuldigung, während des Krieges von einem deuffchen Staatsmann erhoben, ganz abgesehen davon, daß sie als ganz unpatriotisches Unterfangen gedeutet werden muß, steht in starkem Widerspruch gegen die Auffassung, die wir immer vertreten haben. Wir sind nach wie vor der Ueberzeugung, daß das Gebaren Englands und Rußlands Serbien gegenüber ein vollkommen heuchlerisches war, hervorgegangen aus dem Bewußtsein, zu dem Kriege nicht vollständig gerüstet zu sein. Wir sind und bleiben daher der Ansicht, daß die eigentliche Schuld an den Machinationen jener Mächte liegt; man könnte höchstens sagen, daß Deuffchland den ihm geeigneten Moment zum Losschlagen gewählt, weil es der Ueberzeugung war, daß es in kürzerer oder längerer Zeit zu einem Weltkriege kommen müßte und jeder spätere Termin den Gegnern zur Vorbereitung mehr Zeit ließe und daher für Deuffchland als ungünstiger betrachtet werden müßte. * Während die obenstehenden Darlegungen allgemeiner Art sind, bezieht sich ine folgende Noffz aus einem österreichischen Blatte auf jüdische Angelegenheiten: Die Forderungen der Zionisten. Gelegentlich der fortgesetzten Besprechungen «des Ministerpräsidenten Dr. R. v. Seidler und des Ministers des Innern Graf Toggenburg mit den Zionisten Abgeordneten Dr. Straucher, A. Stand und Siaatsbahnrat Robert Stricker legten diese folgende Forderungen namens der jüdischen Nation vor: 1. Anerkennung der jüdischen Nationalität und Gewährleistung des fteien Bekenntnisses dazu; Konstituierung der jüdischen Ration durch Schaffung .eines Reichsverbandes; 2. Anerkennung des Rechtes auf Erziehung der Jugend; 3. Vertretung ber- Juden entsprechend ihrer Zahl und Steuerlerstung im ReichSrate und in allen Vertretungskörpern durch Bildung von jüdischen Wahlkurien und Einführung des Proportionalsystems; 4. Vertretung der Juden im Rate der Krone (!) und in den Ministerien, Einrichtung von jüdischen Referaten bei allen Zentral- und Landesstellen; 5. Aufhebung aller gegen den freien Gebrauch der hebräischen und jüdischen Sprache gerichteten Verbote. Die beiden Minister sagten zu, die Angelegenheit gründlich und wohlwollend zu prüfen und den ihnen vorgelegten Wünschen bei der Verfafsungsveform nach Möglichkeit Rech nung tragen zu wollen.

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