Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1918)
- Date
- 1918-03-22
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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140 darf sich nicht mutwillig Gefahren preisgeben, nicht mit dem Namen des Vertrauens schmücken, was stumpfes Hinbrüten wäre! Der freie Wille ist ihm gegeben, er übe ihn und wähle mit ihm die rechte That und bewähre mit ihm den rechten Gehorsam. 13) Es soll der Mensch den edlen Stolz in sich nähren, inne werden seiner hohen Begabung und dadurch den Abscheu vor dem Gemeinen und Niedrigen in sich erhöhen und den Sporn zu hochherzigem Wirken sühlen. »*) Doch kommt bei unserem Bachja dieses Wirken nicht zu seinem vollen Rechte; er rechnet es mit zu den Gliederpflichten, bei denen wohl im Allgemeinen die Gesinnung vorhanden sein muß, um Gottes Willen die That auszuführen, während sonst das Herz anderweitig beschäftigt sein kann, nicht ganz von dem Inhalte der That, die ihn äußerlich in Anspruch nimmt, erfüllt zu sein braucht. »“) Ja, er geht so weit, ein reines, menschliches Wohlwollen kaum anzuerkennen, in jedem Liebeswerke gegen Menschen eine selbstsüchtige Nebenabsicht zu vermuthen und deßhalb dessen sittlichen Wert nicht sonderlich hoch anzuschlagen. »') Daher verengt sich ihm auch der schöne Spruch, daß : wen die Menschen lieben, der auch Gott wohlgefällt, zu einem wunderbaren Gnadenwirken Gottes, der den Menschen Wohlwollen einflöße gegen einen Solchen, der wahrhaft gottesfürchtig sei und sich seiner Liebe würdig gemacht habe. *7) So dürfen wir es denn freilich nicht bergen, daß das Buch der „Herzenspflichten" nicht den vollen Gehalt des sittlich-religiösen Lebens, namentlich auch nicht die ethischen Motive des Judentums erschöpft. Das eben ist das Bedeutungsvolle der ein Volksleben umfassenden, historisch gewordenen Religion, daß sie nicht leicht nach einer Theorie abgemessen werden kann, daß sie die Fülle der Lebensbeziehungen umfaßt, während das System gewöhnlich nur eine Seite hervorhebt. Der bescheidene, liebenswürdige Verfasser würde uns auch sicher nicht gram werden, wenn wir selbst in seiner Gegenwart die Schwächen seines Systems aufzeigen würden, und wo es das höchste Heiligthum des Herzens gilt, da wird gewiß am Wenigsten die Anforderung gelten können, daß „man den Ausspruch eines Geisteshelden nicht nach seinem Tode widerlegen dürfe." Und ist es ja auch bloß die arabische Anschauung, die Bachja bewältigt hatte, der wir hier entgegentreten; er selbst war zu sehr von der lebendigen Triebkraft des Judentums erfüllt, als daß er dieser Anschauung bis zu ihren äußersten Konsequenzen gehuldigt hätte. Weniger hoch ist auch für die Herzenspflichten die Auffindung der einzelnen Grundsätze zu stellen, der Irrtum in der Erkenntniß kann durch die später gewonnene, bessere Einsicht berichtigt werden, und der richtige Takt des Herzens wird selbst dem Jrrthume gegenüber sich zu behaupten wissen. Aber eben darauf kommt es vorzüglich an, daß das Herz die Innigkeit und Wärme gewinnt, die alle seine verborgenen Triebe entsprießen und erblühen lassen. Diese Tiefe der Empfindung, dieser Adel der Gesinnung, diese Befruchtung des innersten Gemüthslebens ist es aber, was das Buch der „Herzenspflichten" auszeichnet. Darum ergießt sich so wohltuend über uns der Strom seiner Beredtsamkeit; sie ist keine gesuchte, sie ist der natürliche Erguß eines vollen, warmen Herzens, eines für Menschenglück und wahre Menschengröße begeisterten Führers, und „Worte, die dem Herzen entströmen, die dringen wieder in das Herz." So tretet denn heran, ihr Leser,'namentlich Du, jüngerer Leser, dem das Ohr noch für eine andere Beredtsamkeit geöffnet ist, als für die Schmeicheltöne der Sinnlichkeit, und lasset euch Herz und Geist weihen, lasset euch einführen durch aufrichtige Selbstbetrachtung in das Heiligthum eines Seelenlebens, das »fl IV. e. 4. »fl VI. e. 9. Ende. »fl VIII. e. 3. »fl III. Eml. S. 16. »fl V. 6. 5. seinen engen Zusammenhang -mit , dem Allgeiste ahnt und immer tiefer erforscht! Es ist ein schöner Preis darauf gesetzt: " die Erquickung der Seele durch höheren Frieden! hnnsr hkrrnmnn. geb. 3. April 1880 — gest. 31. Dezember 1017. , änse Herrmann war die Tochter des vor etwa zehn Jahren verstorbenen Hutfabrikanten Moritz Hervmann und seiner Ehefrau Rosa geborene Henoch und wurde am 3. April 1880 zu Landsbevg a. d. W. geboren. Ihre Kinderjahre verlebte sie in Luckenwalde in einem wunderbar harmonisch geführten Elternhaus, das ihr in seelischer Beziehung die Richtlinie für ihr späteres Leben gab. Sie war ein gütiger Mensch, der sich durch das Erweisen von Guttaten um viele seiner Mitmenschen verdient machte. Einen weiten Kreis guter Freunde konnte sie sich als Mensch und Persönlichkeit erwerben. Nach praktischer Ausbildung in mehreren Ateliers, besuchte sie die Hochschule; namentlich Herr Professor Miethe war es, durch den sie viel lernte. Am . 1. April 1908 eröffnete sie in der Potsdamer Styaße 134a ein Atelier für Lichtbildkunst, welches in ganz kurzer Zeit sich eines sehr , guten Rufes erfreute. Sie war die Schafferin des individuellen Bildes, insbesondere des Kinderbildes und der Heimausnahme. Sie wollte, daß das geschaffene Bild den Menschen ungekünstelt, natürlich, ohne jeden Zwang, wiedergibt. Ihre Kunst fand, freudige Aufnahme in allen Kreisen. . Sie war ein energischer Mensch, tätig, ohne an sich zu denken. Von ihren Leiden merkte selbst die nächste Umgebung nur wenig, so. daß sie ihre Aerzte über den Ernst ihres Zustandes auch täuschte, da wirkliche Klagen kaum über ihre Lippen kamen. . . .. Sie mußte nach kurzem Krankenlager infolge einer Operation, die nötig wurde, in der Vollkraft ihres Schaffens in die Ewigkeit gehen: sie starb am 31 Dezember, ohne von ihrem Ende eine Ahnung zu haben. 'Da die Künstlerin sich niemals hat photographieren lassen, sind wir nicht in der Lage, ihr Bild diesen Zeilen beizugeben. Zum Ersatz, um eine Probe ihrer großen Kunst zu liefern, erfreuen wir unsere Leser mit der Beigabe eines Porträts, das wir mit Erlaubnis der Erben der Photographin und der Dargestellten folgen lassen. Die letztere ist eine in Berlin wohlbekannte mir persönlich nahestehende jüdische Dame, die sich in der Frauenbewegung und in den allgemeinen Wohlfahrtsbestrebungen einen hochgeachteten Namen erworben hat; das Bild mag zugleich als Huldigung für die treffliche Frau dienen, die in diesen Tagen ihr achtzigstes Lebensjahr vollendet. L. G. Sir Lage der Juden in Sumanirn. Von Elias Nacht (Berlin). eber die rumänischen Juden ist bis jetzt unendlich viel geschrieben worden. Jeder, der nur einiges -darüber in Erfahrung gebracht hatte, formte seine Meinung in einen mehr oder weniger umfangreichen Aufsatz. Doch was mir bisher von diesen in die Hände gekommen ist, kann auf Selbsterlebtes — und daher auf Tatsachen — nicht den mindesten Anspruch erheben, da die Schreiber entweder niemals Rumänien gesehen, sondern aus Büchern und Zeitungen ihr Material zusammengetrommelt oder auch nur einige Tage in dem schrecklichen Lande der „Romanen" verweilt haben. Daß so kurze Zeit nicht ausreichend ist, um eine Situation, geschweige denn Verhältnisse, die außerordentlich